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16/04/2016 08:17 CEST | Aktualisiert 17/04/2017 07:12 CEST

Wir Frauen brauchen Hebammenwissen

Monkey Business Images via Getty Images

Ich habe Angst vor einer natürlichen Geburt!

So gelesen in einem Elternforum von einer werdenden Mutter.

Da wird MIR Angst und Bange. Ich frage mich, wo wir als Frauen und Mütter hingeraten sind, dass wir ein so großes Misstrauen in unseren weiblichen Körper erschaffen konnten.

Geburten sind natürlich!

Als Mutter von sechs Kindern habe ich "nur" mein erstes Kind nicht auf natürlichem Wege zur Welt gebracht. Meine Begleitung während der Schwangerschaft bestand ausschließlich in den Vorsorgeuntersuchungen bei einer Frauenärztin und in meinem familiären Umfeld gab es praktisch keine positiven Geburtsberichte.

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Ich entwickelte in der ersten Schwangerschaft klassische Anzeichen von Schwangerschaftsvergiftung und wurde mit Kompressionsstrümpfen, salzarmer Ernährung und viel Beine hoch legen "behandelt". Mein erstes Kind wurde mittels Einleitung auf Grund von falsch nachkorrigierten Entbindungstermin und den Anzeichen der Schwangerschaftsvergiftung etwas zu früh auf die Welt geholt.

Unter der Geburt hatte ich viel Pech. Ich durfte mich nicht aufrichten, so wie es mein natürlicher Impuls war. Mit Saugglocke und dem Gefühl, ein halbiertes Hähnchen zu sein, war es ein einprägsames aber schreckliches Entbindungserlebnis ... Auf weitere Details verzichte ich lieber.

Nach der Geburt ging es weiter mit Brustentzündung an Brustentzündung und ich wusste immer noch nichts von Hebammenbetreuung! Nach dem dritten Antibiotikum stillte ich traurig ab...

Fazit: "Nie wieder ein Kind, es sei denn, ich finde einen anderen Weg."

Aufgrund meiner leidvollen Erfahrungen und nachfolgender Gespräche mit anderen Müttern erfuhr ich von Hebammenbetreuung in Schwangerschaft, während der (Haus-)Geburt und in der Stillzeit.

Eingeführt in die Idee einer Hausgeburt hat mich das Buch von Ingeborg Stadelmann "Die Hebammensprechstunde". Die katastrophale Stillerfahrung hatte ich begonnen, mit dem Buch von Hannah Lothrop "Das Stillbuch" aufzuarbeiten.

Eine Hausgeburt als mögliche Alternative

Ich suchte mir noch VOR der zweiten Schwangerschaft eine Hausgeburtshebamme und sprach mit ihr über meine Sorgen, Ängste und Nöte. Das war eine meiner besten Lebensentscheidungen. Von ihr lernte ich, meinem Körper mehr zu vertrauen und auch nachdrücklich dafür einzustehen. Vertrauen in unseren Körper als Frau ist die wichtigste Grundlage für ein glückliches Geburtserlebnis.

In der folgenden Schwangerschaft bekam ich nur noch leichte Anzeichen einer Schwangerschaftsvergiftung und diese wurden sehr schnell behoben mit Brennnessel, Frauenmantel, Akkupunktur und in meinem Fall Salz reicher Ernährung. So lernte ich meinen Körper noch besser kennen. Die Geburt meines zweiten Kindes verlief leicht und harmonisch.

In der anschließenden Stillzeit reagierte meine Hebamme konsequent und vorausschauend auf den Milchüberschuss mit Klassikern wie Quark und Retterspitz, aber auch einem homöopathischen Mittel, das sofort wirkte. Ich erlebte eine vollkommen normale Stillzeit und genoss jeden Augenblick.

Meine Hebamme war IMMER ansprechbar.

Sie war die starke Frau an meiner Seite, die ich brauchte, damit ich wieder fühlen konnte, was in mir steckt. Ein paar Jahre später war ich wieder schwanger, doch meine erste Hebamme war auch wieder Mutter geworden und ich wechselte schweren Herzens. Ich hatte großes Glück, denn vor zehn Jahren gab es noch viele erfahrene Hausgeburtshebammen. Ich konnte wählen. Wieder hatte ich die perfekte Hebamme an meiner Seite.

Es war eine Grenzerfahrung.

Dieses Mal war die Geburt brenzlig zu Hause, denn das Kind hatte sich ordentlich groß gefuttert und eine Woche nach der Geburt hatte sich sein Kopf schon auf 42 Zentimeter Umfang gedehnt. Ohne die innere Ruhe und das tiefe Vertrauen, das meine Hebamme in meine Fähigkeiten gehabt hat, hätte ich es wohl nicht auf natürlichem Wege geschafft. Es war eine Grenzerfahrung.

Geburten SIND Grenzerfahrungen

Meinem Sohn fehlte nach der Geburt der Saugreflex und er war etwas benommen. Sonst ging es ihm gut. Ich wollte unbedingt stillen und meine, in Osteopathie erfahrene Hebamme, begleitete mich mittels konkreter und anfangs täglicher Anleitung mit Saugtraining und besondere Stillhilfen acht Wochen intensiv. Nach sechs Wochen konnten wir normal Stillen.

Ich bin sicher, dass dieser Aufwand sich gelohnt hat, denn mein Sohn hat sich seine motorischen Fähigkeiten wieder erschließen können und das hat Auswirkungen auf den gesamten Körper und seine weitere Entwicklung.

Im Krankenhaus, da bin ich sicher, hätte er die Flasche bekommen. Wir haben mit Muttermilch aus der Spritze und kleinem Finger am Gaumen trainiert, bis er es verstanden hatte und umsetzen konnte. Ohne Hebamme und Stillbegleitung ein NoGo!

Noch mehr Hebammen

Beim vierten, fünften und sechsten Kind habe ich wieder neue Hebammen kennen gelernt. Insgesamt durfte ich zehn Hebammen intensiv erfahren, wovon neun klassische Hausgeburtshebammen waren.

Alle waren und sind so tief mit den Lebens- und Geburtsprozessen verbunden, dass sie eine natürliche Autorität und Verlässlichkeit ausstrahlen und Hunderten Frauen glückliche Geburtserlebnisse ermöglicht haben. Dafür haben sie mehr, als nur den Kopf hinhalten müssen!

Unsere Hebammen verschwinden aktuell aus unserer Lebenswirklichkeit und mit ihnen unser Vertrauen in unser Frau-Sein. Ich weiß nicht, ob überhaupt noch eine Einzige meiner damaligen Hebammen Hausgeburten begleitet, denn es ist finanziell kaum noch zu schaffen.

Die Versicherungssummen für Hebammen in der Hasugeburtsbetreuung sind in die Tausende gestiegen in den letzten Jahren. Ich weiß gar nicht, wo es aktuell steht. Das letzte, was ich hörte, waren deutlich über 6000 Euro pro Jahr.

Hebammen müssen wieder tun dürfen, was sie am besten können!

Wenn Hebammen nicht mehr tun dürfen, was sie am besten können, wenn sie Frauen nicht mehr in ihren kraftvollsten Momenten begleiten dürfen, verkümmert auch das gesunde Gespür für die Begleitung rund um Geburt und Wochenbett und für unsere weiblichen Fähigkeiten.

Wie wundervoll war es, wenn meine Hausgeburtshebamme schon wenige Stunden nach der gemeinsam erlebten Geburt wieder bei mir gesessen hat, ein Strahlen wie die aufgehende Sonne im Gesicht. Ich muss selbst so gestrahlt haben.

Niemals möchte ich diese kraftvollen Erfahrungen missen, in denen ich mich so tief mit meinem Frau sein verbinden konnte, wie zu keiner Zeit sonst in meinem Leben.

Meine persönliche Bitte: "Unterschreibt jede Petition, die die Position der Hebammen in Deutschland wieder stärken kann!"

Liebe Frauen: "Fangt wieder an "natürlich" zu denken. Unterhaltet Euch mit Frauen und Hebammen, die noch Unterscheidungsvermögen besitzen und die Signale eines weiblichen Körpers zu lesen wissen."

Von ganzem Herzen gilt mein Dank all den fantastischen Hebammen, die mir mein Vertrauen in mich selbst und meinen weiblichen Körper zurück geschenkt haben.

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