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19/04/2016 07:47 CEST | Aktualisiert 20/04/2017 07:12 CEST

Kinder werfen Steine

Svetlana Khvorostova via Getty Images

Wer mag, gibt die Überschrift mal bei Google ein. Und wer dann noch Lust hat, gibt zum Vergleich noch "Kinder werfen Steine auf Auto" bei Master Google ein.

Hat jetzt noch jemand Fragen, ob Steine werfen zum Kindsein gehört?

Interessant ist, dass bei der ersten Variante auch eine Menge Seiten angezeigt werden, auf denen Spielideen für Kinder mit Steinen beworben werden. Bei der zweiten Variante werden hauptsächlich Foren und Seiten angezeigt, in denen es um Rechtsfragen und Schadenersatz geht.

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Das gibt mir zu denken. Besonders im Hinblick darauf, dass immer wieder geschockte Eltern von Grundschulkindern oder Kindergartenkindern in Elternforen emotionalen Beistand suchen, weil ihr Erstklässler (Es sind offensichtlich mehr Jungen als Mädchen.) auf dem Heimweg Steine auf ein Auto geworfen hat - und dabei gesehen worden ist. Es gibt eine Dunkelziffer! Da bin ich sicher!

Was macht man nun, mit so einem kleinen Straftäter?

Die Autobesitzer würden ihn oft am liebsten in Jugendhaft stecken und den Eltern wegen angeblicher Vernachlässigung ihrer erzieherischen Aufgaben eine zusätzliche Geldstrafe, eine Art Schmerzensgeld, aufbrummen.

Im Kindergartenalter ist die Sache klar. Das Kind haftet nicht und die Eltern auch nicht. Jeder Schadenersatz ist freiwillig und ein Entgegenkommen der Eltern, die ihre Kinder dadurch vor dem Zorn der Nachbarn auch langfristig bewahren wollen.

Es gibt Versicherungen, die anbieten, auch bei Kindern unter sieben Jahren solche Schäden zu übernehmen. Das muss meistens zusätzlich vereinbart werden.

Ab sieben Jahre wird auf die Einsichtsfähigkeit der Kinder gesetzt und davon ausgegangen, dass das Kind genügend Bewusstsein hat, um die Auswirkungen seines Handelns zu überblicken.

Aber leider, leider funktionieren Kinder selten so, wie unsere Gesellschaft sie haben will.

Im aktuellen Fall in einem Elternforum hat ein Junge mit seinem Freund nach Schule und Hort auf dem Heimweg im Vorbeigehen Steine auf ein Ziel geworfen. Ein Auto!

Nach Schule und Hort hat das Kind aber nicht mehr zwangsläufig die Möglichkeit, noch länger auf seinen Verstand zu lauschen. Es lässt einfach los und gibt seinen Bewegungsimpulsen nach.

Nach vielen Stunden, in denen es zahlreiche Aufgaben erfüllen und abarbeiten musste, Hausaufgaben gemacht hat, sich an Regeln gehalten hat und unter Aufsicht stand, besteht ein natürliches Bedürfnis, mal nicht mehr nachzudenken. Endlich frei und ohne permanente Kontrolle durch Erwachsene gibt sich das Kind seinem Spieltrieb und seiner Bewegungsfreude hin.

Vielleicht muss es auch einfach die Anspannung des Tages abbauen und mal so ordentlich was durch die Gegend werfen.

KINDER werfen Dinge. Das machen die einfach. - Manchmal ist mir auch danach ...

Viele Kinder haben den Impuls, irgendetwas irgendwohin zu werfen. Nach Schule und Hort kann das durchaus ganz ohne Nachdenken sein. Auch noch dann, wenn sie älter sind. In unserer Gesellschaft dürfen wir mal hinschauen, welchen Stellenwert Autos und Besitz im Vergleich zu Kindern haben.

Als Kind "Fehler" zu machen, ist weder in noch außerhalb der Schule gestattet. Ich sehe schon, dass es wichtig für das Kind ist, Resonanz zu bekommen und zu fühlen, wie ungünstig es ist, ausgerechnet ein Auto als Ziel zu wählen. Denn nur so kann es sein Verhalten zukünftig anpassen.

Es sollte aber unbedingt darauf geachtet werden, dem Kind kein Übermaß an Schuldzuweisungen und Schuldgefühlen aufzubürden. Und dafür, dass ein Stein an einem Auto einen viel größeren finanziellen Schaden anrichtet, als wenn man einen Stein gegen einen Holzzaun oder Schuppen wirft, kann das Kind in dem Moment nichts.

Kein Grundschüler hat eine Vorstellung davon, was ein paar Tausend Euro wirklich sind und bedeuten und wie lange es unter Umständen braucht, diese zu erwirtschaften.

Kinder können nicht immer so funktionieren, wie wir das wollen.

Sonst hat das Kind auf einmal mehr Last auf den Schultern, als es tragen kann.

Dann ist der Lerneffekt übrigens wieder dahin, weil die Kinder im Moment der emotionalen Überforderung aufhören, die Auswirkungen ihres Handelns zu fühlen.

Dann haben sie beim nächsten mal keine Erinnerung verfügbar und es passiert wieder. Dafür ist nicht das Kind verantwortlich sondern die Erwachsenen, die ihm beim ersten Mal zu viel aufgebürdet haben. Auch als Erwachsene dürfen wir den Bogen nicht überspannen.

Ich finde, wir muten Kindern ganz schön viel zu. Ich finde auch, wir sollten darüber nachdenken, was wirklich ein kindgerechter Umgang mit Unfällen und Schäden an teuren Gegenständen wäre. Klar findet ein Erwachsener das blöd, wenn sein neues und teures Auto auf einmal Lackschäden hat.

Aber Lackschäden sind nichts im Vergleich zu einer überforderten und verletzen Kinderseele.

Lackschäden sind auch sehr relativ in Bezug auf die Leistung, die Eltern im Alltag 24 Stunden erbringen, um die Kinder unserer Gesellschaft - JA, es sind unser aller Kinder. Auch die Kinder von den Leuten mit den teuren Autos - zu gesunden, lebensbejahenden, hilfsbereiten und fröhlichen Erwachsenen werden zu lassen.

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Als Mutter von sechs Kindern und BewusstseinsCoach legt Beatrice Lührig manchmal den Finger auf die Wunde. Es liegt ihr sehr am Herzen, Kindern in dieser Gesellschaft einen angemessenen Platz zu schenken. Sie bloggt auf Frei für Dein Leben. Folge Ihr auf Facebook.

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