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27/10/2015 11:11 CET | Aktualisiert 27/10/2016 07:12 CEST

Darum verlieren wir immer mehr das Gefühl für uns selbst

Betsie Van der Meer via Getty Images

Den meisten Menschen bleiben psychische Abgründe, in denen sie sich selbst nicht mehr spüren, nichts mehr fühlen können und sich schließlich selbst abhandenkommen, erspart. Sie haben eine mehr oder weniger ausgeprägte Sensibilität und Fähigkeit, in sich selbst hineinzuhorchen.

Ihr Körper spricht zu ihnen. Sie verstehen ihn sogar. Aber - und das ist schlicht das Problem - sie folgen seinen Hinweisen nicht. Sie ändern ihr Verhalten nicht, obwohl sie wissen, dass es gut wäre. In einem Satz: Sie hören nicht auf ihren Körper.

Fast jeden Tag spreche ich Menschen, die mir von diversen Befindlichkeitsstörungen und Zipperlein berichten. Dem einen schmerzt der Rücken, der andere klagt über Müdigkeit, der eine hat Kopfschmerzen, dem anderen fehlt der Elan. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Ich finde allerdings, dass - selbst wenn diese Warnsignale wahrgenommen werden - häufig die Konsequenz fehlt.

Es wäre doch das Normale, nun genauer hinzuschauen und sich die Frage zu stellen: Was möchte mir mein Körper damit sagen? Doch diese Haltung fehlt. Wenn der Körper zwackt, sich das Gemüt verdunkelt oder die Konzentration fehlt, wird das als gegeben hingenommen.

Die Folge: Der Radius wird eingeschränkt. Man ist schlicht nicht mehr rundum intakt und macht nur noch das, was geht. Außerdem lindert die eine oder andere Pille Unwohlsein und Unbehagen.

Für mich bedeutet das: Viele Menschen haben nicht nur verlernt, auf ihren Körper zu hören und seine Signale zu deuten. Nein, sie haben überhaupt die Rolle des Körpers als Ausdrucksmedium, als Wegweiser aus dem Blick verloren. Vielleicht haben sie aber auch schlicht Angst - vor der Wahrheit.

Weil das, was ihnen ihr Körper erzählt, die Wahrheit ist - und nichts als die Wahrheit. Sie könnten nicht mehr um den heißen Brei herumreden, sich nicht mehr drücken, keine Ausreden mehr geltend machen, weil sie sofort wüssten, dass sie sich selbst etwas vormachen.

Natürlich, die moderne Lebensweise begünstigt die Entfremdung vom Körper: Die Zeiten, in denen er zum Überleben das leisten musste, wofür er sich in der Evolution perfekt herausgebildet hat, sind längst vorbei. Als Jäger und Sammler rannten wir noch der Nahrung hinterher.

Bewegung und Nahrungsaufnahme, Aktivität und Ruhe waren noch im Einklang. Heute rennt uns die Nahrung hinterher. Unseren Körper fahren wir mit Auto, Bus und Bahn durch die Gegend. Kinder toben noch herum, nehmen die Welt mit allen Sinnen wahr, essen, wenn sie hungrig, trinken, wenn sie durstig sind- und fallen ins Bett, wenn sie müde sind.

Diese Einfachheit und Ursprünglichkeit verliert sich jedoch sehr schnell im Erwachsenenalter. Wer täglich acht Stunden am Computer verbringt und nicht für körperlichen Ausgleich sorgt, lebt nicht mehr menschengerecht. Wir sind einfach nicht dafür gemacht, den ganzen Tag zu sitzen und mit den Fingern auf einer Tastatur herumzutippen - und das noch unter Leistungsdruck.

Evolutionär gesehen sind wir Topathleten, die nun auf ein paar Quadratmetern Bürofläche eingesperrt sind. Wie Tiger im Käfig, die dazu noch in einem dauernden Alarmzustand sind: Denn jeden Augenblick kann das Handy klingeln! Kein Wunder, dass der moderne Mensch sein natürliches Körpergefühl eingebüßt hat. Dass er das intuitive Wissen verloren hat, ob es ihm wirklich gut geht - und was seinem Körper wirklich guttut.

Er weiß nicht mehr, ob der mit sich selbst im Einklang lebt. Dabei geht es letztlich allen Menschen um diese harmonischem Einheit. Und wenn das Leben uns auf die Probe stellt, bleiben Disharmonien nicht aus. Aber es liegt an jedem Einzelnen, sein Leben darauf neu einzustellen. Wunderschön hat das der Dichter Khalil Gibran ausgedrückt: »Euer Körper ist die Harfe eurer Seele. Es ist an euch, ihm süße Musik zu entlocken oder wirre Töne.«

Dieser Beitrag stammt aus dem Buch Das Herz ist unser Glücksmuskel. Mit der verborgenen Kraft des Herzens zu Lebendigkeit, Freude und Leichtigkeit, das im Juli 2015 erschienen ist.

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Paperback, Klappenbroschur, 272 Seiten, 13,5 x 20,6 cm, 4 s/w Abbildungen

ISBN: 978-3-7787-9261-2

Preis: €16,99

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