BLOG
25/03/2016 14:02 CET | Aktualisiert 26/03/2017 07:12 CEST

Jetset-Bea im Wilden Westen

Thomas Barwick via Getty Images

Ich fühle Bedrohung. Von links, von rechts, von hinten. Überall sind Autos, die viel zu nah an mir dran sind.

Meine Nackenmuskeln verspannen sich. Mein Mund ist ganz trocken. Ich bin so hochkonzentriert, dass ich es nicht schaffe, die Wasserflasche aus meiner Umhängetasche zu fummeln, die ich rechts neben meinen Sitz abgestellt habe.

Wenn ich in den linken und rechten Seitenspiegel schaue, dann kann ich erkennen, dass ich keinen Zentimeter Platz mehr habe. Das Ding ist einfach viel zu breit und ich habe mächtig Angst, ein anderes Auto anzufahren. Wie soll das bloß noch werden?

An einer roten Ampel habe ich Mut und biege rechts auf irgendeine Hauptstraße. Ganz langsam. Bloß nichts anschrammen. Auch das gelingt, und ich fühle mich schon etwas besser, bin aber noch im vollen Stress-Modus. Nach etwa fünf, aber gefühlten fünfzig Kilometern wird die Straße leerer. Ich komme in ein Industriegebiet. Zu meiner Rechten sehe ich einen riesengroßen, leeren Parkplatz und ergreife meine Chance.

Dort werde ich jetzt das Rangieren üben. Doch vorher steige ich aus und begutachte mein neues Feriendomizil in Ruhe. Wenn ich vor dem Fahrzeug stehe, dann reicht mein Scheitel nicht mal bis zur Hälfte der Frontscheibe. So riesig ist das Ding. Ich gehe um das Monster herum und sehe auf der Heckscheibe einen Aufkleber. Das ist wohl der Slogan der Verleihfirma: »Goin' places with smilin' faces«. Haha, sehr witzig.

So, keine Zeit verlieren. Ich muss ja auch noch einen Übernachtungsplatz finden. Ich fahre Linkskurven, Rechtskurven, fahre rückwärts und im Kreis. Wieder links, wieder rechts. Aber sicherer fühle ich mich trotzdem nicht. Es ist sinnlos. Ich muss weiter.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, meinen ersten Übernachtungsstopp in St. Louis zu machen. Das wären vier Stunden Fahrt bei einer Geschwindigkeit von circa hundert Stundenkilometern. Aber davon bin ich weit entfernt. Im Leben werde ich heute nicht dort ankommen.

Ich meide die Autobahn und begnüge mich mit einer Art Schnellstraße, auf der ich sechzig Stundenkilometer fahre. Schneller traue ich mich einfach noch nicht. So gelingt es mir, endlich Chicago hinter mir zu lassen.

Allerdings sehe ich auf dem Weg in Richtung Süden kein einziges Hinweisschild auf einen Campingplatz. »Campsite« oder »RV« steht auf solchen Schildern. RV ist die Abkürzung für »Recreational Vehicle« und bedeutet »Wohnwagen«.

Ich hätte jetzt einen Campingplatz bitter nötig. Um zur Ruhe zu kommen und um einen sicheren Schlafplatz zu haben. Es ist mittlerweile nämlich schon dunkel. Zum Glück hatte ich mir zu Hause eine App für mein iPad geladen, die alle Campsites mit ihren Koordinaten, also Längengrad und Breitengrad, anzeigt.

Man muss nur den auserwählten Platz markieren, dann führt die App einen per GPS direkt dorthin. Sehr praktisch.

Ich wähle die nächstgelegene Campsite. Irgendwo hinter einem kleinen Örtchen namens Millsdale, direkt an einem kleinen See gelegen. Das dürfte mein erstes Übernachtungsabenteuer werden. Nach einer Stunde komme ich endlich an. Erleichterung. Jetzt wird alles gut.

Aber: keine Camper in Sicht. Der Platz ist auch nicht beleuchtet. Es ist gruselig dunkel. Kein Office, in dem man seinen Stellplatz mietet. Und auch kein Kasten, in dem normalerweise Informationen über verfügbare Plätze in einem Umschlag stecken, den man nur herausnehmen muss. Am nächsten Morgen, wenn das Büro dann geöffnet hat, kann man bezahlen.

Ich sehe weit und breit nichts und niemanden. Doch ich befinde mich am richtigen Ort. Das verraten die Camper-Anschlussstellen für Strom und Wasser. Allerdings lässt sich nicht erkennen, wie groß der Platz ist und wo er endet.

Dass hier kein Leben ist, dafür kann es nur einen Grund geben. In der Gegend um Chicago ist es Mitte April noch zu kühl. Die meisten Plätze öffnen erst Anfang Mai.

Was nun? Soll ich mich trotzdem über Nacht einfach hier hinstellen? Aber so ganz allein? Ohne andere Camper? Mitten in der Wildnis? Ich schaue mir das Ganze lieber von draußen an, bevor ich eine Entscheidung treffe. Durch den strahlenden Vollmond kann ich die glänzende Oberfläche des Sees erkennen.

Ganz weit weg stehen kleine Häuser, in denen noch Licht brennt. Ansonsten tote Hose. Außer ein paar Enten, die schnatternd in den See gleiten. Ab und zu schreit eine Eule. Gespenstische Ruhe. Es ist so still, dass es schon fast wehtut. Und ich bin so verdammt müde.

Irgendwie ist mir mulmig zumute. Werwolf-Feeling. Kopfkino. Ich muss an das Gruseldrama Letzte Ausfahrt Brooklyn denken.

An Szenen aus CSI-Serien. Eine tote Frau niedergemetzelt in the middle of nowhere. Ihre Leichenteile verbuddelt. Hör auf dein Bauchgefühl, sage ich mir immer. Wenn ich mich nicht sicher fühle, das hatte ich mir bei Reiseantritt geschworen, dann bleibe ich auch nicht.

Und so fahre ich lieber wieder los. Ein wenig traurig, da dieser Platz sehr idyllisch gelegen ist. Aber nützt ja nichts. Also wieder zurück auf die Hauptstraße. Inzwischen ist es schon Mitternacht.

Jetzt knebelt mich eine schwere Müdigkeit. Ich fühle mich wie kurz vor einem Sekundenschlaf. Das kommt von der übermäßigen Konzentration, die so ein Fahrzeug mit diesen Abmessungen erfordert. Ich muss jetzt unbedingt einen Rastplatz finden. Aber meine App zeigt in der Nähe nichts an.

Ich bin ganz allein auf der Straße unterwegs. Nur der Vollmond ist mein Begleiter. Es hilft alles nichts. Ich kann nicht mehr. Ich muss schlafen. Und zwar jetzt sofort. Ich lenke das Monster von der Straße runter und auf einen Feldweg. Es ist einsam.

Mir geschieht schon nichts. Warum sollte plötzlich ein Irrer genau hier vorbeikommen? Ich parke an einem großen Gebüsch. Das verleiht mir ein Gefühl der Deckung.

Ich ziehe die Handbremse mit aller Kraft an und betätige einen Schalter, den ich mir gut gemerkt habe. Er fährt unter dem Vehikel vier elektronische Stahlstützen aus. Sie justieren das Riesenfahrzeug so, dass Unebenheiten ausgeglichen werden, damit es ganz gerade steht. »Du darfst nur bei der Weiterfahrt nicht vergessen, die Stützen wieder einzufahren«, hatte John mir erklärt.

Ich habe mir das deshalb gemerkt, weil ich vorher so was noch nie gesehen hatte. Aber wo war nur der Schalter für die Heizung? Es muss einer der Schalter sein, die über der Geschirrspüle angebracht sind.

Oder war es eine Kombination von Schaltern? Muss ich vielleicht draußen auch irgendwas anstellen? Keine Ahnung. Wenigstens funktioniert das Licht.

Als Erstes verriegele ich von innen die einzige Tür, die sich schräg hinter dem Beifahrersitz befindet. Dann beziehe ich mein Bett. Das Bettzeug riecht muffig. So, als sei es zwar gewaschen, aber bereits zusammengelegt worden, als es noch nicht ganz trocken war. Ich werde mir ein Waschcenter suchen müssen. Komische Gerüche kann ich ja gar nicht ausstehen. Doch jetzt gerade ist mir alles egal. Mir fallen im Stehen die Augen zu.

Den Beutel mit dem Geschirr packe ich morgen aus. Ich will nur noch schlafen. Katzenwäsche mit eiskaltem Wasser und ab ins Bett. Neben mein Kopfkissen lege ich griffbereit mein Reizgas-Fläschchen.

Das sollte jede Frau immer dabei haben. So wie den Lippenstift in ihrer Handtasche. Vor Erschöpfung penne ich sofort ein. Aber nach kurzer Zeit werde ich wach. Mein Gesicht ist eiskalt. Ich friere und zittere. Wie geht die Heizung an? Ich probiere wieder alle Schalter aus. Ohne Erfolg.

Jetzt hilft nur eines. Ich hole meine Reisetasche hervor und schütte den ganzen Inhalt auf das Bett. Daraus baue ich mir ein Iglu und schlüpfe hinein. Mir fallen wieder sofort die Augen zu. Doch plötzlich werde ich geweckt. Ein Geräusch in weiter Ferne erregt meine Aufmerksamkeit.

Ich kenne dieses Geräusch. Es ist das Signalhorn eines Amtrak-Zuges. Die Sirene scheint näher zu kommen. Dann ist es auf einmal ganz still. Und plötzlich höre ich sie erneut. Dann kleine Pause. Und wieder. Lauter, lauter und noch viel lauter.

Der Zug kommt näher. Er kommt immer näher. Verdammt! Er ist jetzt ganz nah dran. Es dröhnt. Fieser als ein startender Düsenjet.

Die Sirene kreischt jetzt in ohrenbetäubender Lautstärke. Voller Panik springe ich aus dem Bett. Ich erstarre fast vor Angst. Atemnot. Mein Herz pocht bis zum Hals. Wo ist die Tür? Ich muss hier raus. Und in diesem Moment donnert der Zug genau an mir vorbei.

Ich spüre eine gewaltige Druckwelle, die mein Wohnmobil zur Seite presst und ins Schwanken bringt. Ich höre das laute Geratter, das der tonnenschwere Zug auf den Schienen erzeugt. Und wieder diese furchtbaren, schrillen Töne des Signalhorns.

Sie dauern mehrere Sekunden lang an. Dann entfernen sie sich. Weiter und weiter. Und plötzlich ist es wieder ganz still. Oh, mein Gott. Was war denn das? Ich bin wie benebelt.

Als meine Panik weicht und mein Verstand die Oberhand gewinnt, wird mir klar, was gerade passiert ist. Um mich zu überzeugen, schnappe ich meine Taschenlampe und verlasse das Wohnmobil.

Ich leuchte in das Gebüsch. Tatsächlich. Jetzt kann ich die Schienen erkennen. Wie krass. Was für ein Wahnsinn. In der Dunkelheit hatte ich nicht aufgepasst und mich nichtsahnend viel zu nah an die Zugschienen gestellt. Das Gebüsch hatte sie verdeckt. Nichts wie weg hier. Bevor der nächste Amtrak kommt.

Wieder in die Nacht hinaus. Wieder auf die Hauptstraße. Allerdings bin ich jetzt hellwach. Von der Adrenalin-Überdosis. Nach einigen Kilometern entdecke ich in einer Nebenstraße im Licht der Straßenlaterne ein paar Campingwagen.

Sie stehen aufgereiht an einem kleinen Häuschen. Auf einem der vier Fahrzeuge sehe ich das Logo meines Vermieters. Es klebt auf der Heckscheibe eines C19.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch „Jetset-Bea im Wilden Westen" von Bea Swietczak

2016-03-25-1458924764-8945480-cowboy2.png

2016-03-16-1458140627-4476846-shop2.png Hier könnt ihr Bea's Buch kaufen.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Was ist das? Amerikaner entdeckt gruselige Kreatur in Garten

Lesenswert: