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09/08/2015 06:50 CEST | Aktualisiert 09/08/2016 07:12 CEST

Auch ich bin ein Flüchtling

Béa Beste

Nachdem ich mich in der Huffington Post bei der Aktion „Liebe Flüchtlinge, gut, dass ihr da seid..." geäußert habe und es dafür bei Facebook nicht nur tolle Kommentare erhalten habe, habe ich beschlossen, ein wenig von meiner Geschichte zu erzählen. Denn ich bin auch eine Art Flüchtling.

Es war genau am 21. August 1984 als ich wie ein normaler Tourist in eine Lufthansa Maschine von Bukarest nach Frankfurt am Main stieg. Ich tat wie ein Tourist, hatte scheinbar nur Touristengepäck (jedoch eine Geburtsurkunde in meiner Schuhsohle) und wusste, dass ich mein Land für immer verlassen würde. Alleine. Ich war 15 Jahre alt.

Ich war unterwegs zur Familie meiner Halbschwester aus der ersten Ehe meines Vaters. Wir hatten oft telefoniert, ich hatte Fotos von ihr zu Genüge gesehen - aber das Bild, was ich von ihr in Erinnerung hatte, stammt aus der Zeit, als ich ca. dreieinhalb Jahre alt war: Eine junge, große, wunderschöne Frau mit rot-goldenen langen Haaren.

Das war kurz bevor sie das Land verließ. Sie wurde Anfang der 70er Jahre von ihrem Bruder, also meinem Halbbruder, den ich nie getroffen hatte, „frei"-gekauft. Er hatte Jahre zuvor seine große Liebe, eine Deutsche, geheiratet und war nach langem Ringen mit den rumänischen Behörden als erster aus der Familie nach Deutschland gezogen.

Es fällt mir nicht leicht, dies hier zu erzählen: Ich stieg ins Flugzeug und wusste, dass ich meine Mutter nie wieder sehen würde. Ich ging in vollem Wissen, dass es kein Zurück gibt. Sie wollte das genau so und ich auch, auch wenn es mir das Herz zerbrach.

Drei Jahre vorher war mein Vater gestorben. Es ist grundsätzlich eine schlimme Sache, mit nur 12 Jahren seinen Vater zu verlieren, aber er hatte mich darauf gut vorbereitet. Mein Vater war früher der Professor meiner Mutter an der Uni gewesen, er war 27 Jahre älter als sie. Er war 62, als ich auf die Welt kam.

Er warnte mich schon seit ich klein war, dass die Kinder im Kindergarten oder Schule ihn für meinen Opa halten würden und bereitete mich vor, selbstbewusst zu einem alten Vater zu stehen. Er sprach mit mir über den Tod. Er erzählte mir, dass er ein volles Leben gelebt und „so gut wie nichts ausgelassen" hatte.

Er hatte die wilden 30er in Paris und Rom mitgemacht, eine Niere verloren und sein Herz mit argen Gewichtsschwankungen, Rauchen und sehr, sehr viel Käse und Rotwein zur später Abendstunde arg malträtiert. Er wollte, dass ich vorbereitet sein würde, wenn sein Herz versagen würde. Als er starb - nach einem zweiten Herzinfarkt - war ich tapfer. Es war traurig und meine Mutter litt sehr, aber ich war von meinem Vater liebevoll vorbereitet worden und kam besser damit zurecht als andere Halbwaisen.

Was ich nicht kommen gesehen habe, war, dass meine Mutter kurz darauf auch erkranken würde. Unheilbar. Plasmozytom. Zu gut Deutsch: Krebs. Das hat sie mir auch so lange verschwiegen, bis ich anfing zu schnüffeln und ein Diagnosepapier zu einem mit ihr befreundeten Arzt trug, es ihm unter die Nase hielt und die Wahrheit verlangte. Da war ich gerade frisch in der 9. Klasse. Also 14 Jahre alt.

Es war ein Schock, der mich schlagartig reifen ließ. Sämtliche pubertäre Verhaltensweisen fielen von mir ab. Seit dem Moment redeten meine Ma und ich Tacheles - offen über die traurige Wahrheit. Ihre Diagnose war ein Todesurteil. Das war grausam. Darauf hatte mich niemand vorbereitet.

Ich war doch eigentlich dabei, nach geeigneten Männer für meine Mutter im Freundeskreis zu schauen. Dass sie unheilbar krank war, war nicht Teil des Deals. Liebe Freunde versuchten sich um mich zu kümmern. Ich hörte oft die Beatles mit „Let it be" und weinte viel. Aber es drohte noch ein weiteres gefährliches Problem.

Im Ceausescu-Rumänien gab es ein Gerücht, was mit Vollwaisen gemacht wird, die fit in der Schule waren. Es war klar bei der Diagnose meiner Mutter: Ich würde in wenigen Monaten Vollwaise. Das Gerücht, das man sich untereinander zuflüsterte, war, dass Vollwaise mit guten Schulleistungen in Spezialanstalten der Securitate landeten und auf die härteste Art zu Spezialisten des brutalen rumänischen Geheimdienstes ausgebildet würden.

Ein Vollwaise aus meiner Parallelklasse, dessen Eltern bei einem Autounfall gestorben waren, war danach erklärungslos verschwunden und hatte sie nie wieder bei uns gemeldet. Das machte meiner Mutter und mir große Angst. In meiner Familie und in meinem Freundeskreis hasste man die Kommunistische Partei, die Securitate - alles, was mit dem unmenschlichem Regime zu tun hatte, in dem wir lebten...

...oder besser gesagt in dem wir versuchten, zu überleben.

Es gab nicht immer genug zu essen, Öl und Zucker waren rationalisiert, für Fleisch und gutes Gemüse musste man sich bereits um 2:00 oder 3:00 Uhr nachts in Schlangen anstellen um um 7:00 bei der Eröffnung von Geschäften etwas ergattern zu können.

Es gab öfter kein elektrisches Licht (wie oft habe ich im Kerzenlicht Hausaufgaben gemacht) und nicht genug warmes Wasser (ein Tag in der Woche). In Winter saßen wir nur in der Küche, denn Wärme gab es nur aus dem Gasofen dort. Die anderen Räume wie Schlaf- u. Wohnzimmer waren eisig kalt.

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1983, Winter: Mit meiner Mutter und einem Freund, der bei der Ausreise geholfen hat, in der Küche beim Gasofen.

Wir mussten als Kinder bei unsinnigen Demonstrationen mitmachen zu Ehren des Diktators Ceausescu und seiner Frau. Dabei mussten wir stundenlang in der Sonne stehen und mit Fähnchen winken - trinken verboten, damit wir nicht aufs Klo müssen. Es gab bei solchen Veranstaltungsorten keine Klos. Wer es nicht aushielt musste sich in die Hose machen.

Wir besaßen keine Reisepässe und konnten nicht über die Grenzen - nicht einmal kurz nach Bulgarien. Nur mit tausend Genehmigungen und ewiger Wartezeit. Da gab es einen vorläufigen Reisepass gegen Abgabe der Geburtsurkunde und wenn man zurück war, erfolgte der Tausch wieder.

Wir hatten Angst, politische Witze zu erzählen (taten es trotzdem) und merkten, dass ab und zu Menschen verschwanden, die sich zu sehr aus dem Fenster gelehnt hatten mit Meinungen oder Aktionen. Wir hörten heimlich im Radio „Free Romania" und wussten, dass unsere Telefonate abgehört und unsere Briefe an Verwandte im Ausland von der Securitate gelesen werden.

Meine Mutter beschloss, dass ich das Land verlassen sollte.

Meine Mutter war in großer Angst, was mit mir als Fünfzehnjähriger ohne Eltern in Rumänien geschehen würde. Sie initiierte, dass meine Schwester aus Westdeutschland mich adoptieren würde und ich aus „humanitären Gründen" das Land verlassen dürfte.

Mein Schwager, der Mann meiner Schwester, wie mein Vater ebenfalls Professor für Architektur, reiste in Dezember 1983 aus Frankfurt zu uns, um die Formalitäten zu erledigen. Der Versuch scheiterte - so nahe Verwandte durften sich nicht gegenseitig adoptieren.

Dann wurde meine Mutter so krank, dass sie sich nicht mehr darum kümmern konnte. Sie reagierte mit einer geistigen Störung auf die Chemotherapie (davon ein anderes Mal mehr). Und die Chemotherapie brachte keine guten Ergebnisse. Zusammen mit meiner Schwester in Deutschland, ihrem Mann, und ganz vielen Freunden von meiner Mutter versuchten wir, mich rüber zu schleusen.

Das war ein Kampf gegen die Zeit, denn wäre sie vorher gestorben, hätte ich einen Vormund von der Partei gestellt bekommen (das war offiziell) - und dann wäre eine Ausreise nicht mehr möglich gewesen. Wir entschieden uns für eine ganz normale Touristenreise, nur für drei Wochen während den Ferien zwischen der 9ten und 10ten Klasse.

Ich lernte, völlig gelassen Briefumschläge mit Dollars lächelnd über die Theken von Funktionären zu schieben. Jemand aus dem Freundeskreis trug einen noch dickeren Umschlag direkt ins Außenministerium. Ich absolvierte mein Schülerpraktikum während den Ferien (Kartoffelernte) um keine Fragen aufkommen zu lassen.

Dann hieß es: Reisepass ist fertig. Wenn ich nachweisen könne, dass ein geeignetes Transportmittel hin- und zurück vorhanden war, dürfte ich innerhalb von zwei Tagen das Land verlassen. Mein Schwager kaufte ein Lufthansa-Ticket und dann ging alles ganz schnell. Wie diese letzten Tage in Rumänien und der Abschied von meiner Mutter abliefen erzähle ich hier nicht - sind eher Stoff für einen Roman.

Beim Abholen meines Passes beim Passamt wurde ich stundenlang befragt, behielt aber die Nerven. Nur meine Geburtsurkunde musste ich abgeben, ohne die man in Deutschland keine Aufenthaltsgenehmigung bekommt.

Mit einem für drei Wochen gepackten kleinen Koffer und einer in letzter Minute mit Bestechungsgeld besorgten Kopie meiner Geburtsurkunde in der Schuhsohle wurde ich zwei Tage später durch die Flughafenkontrollen gelassen und stieg ins Flugzeug. Ich wurde in Frankfurt von der Familie meiner Schwester herzlich empfangen und, so schien es mir, ins Paradies eingeführt...

Ihr glaubt nicht wie genial es sich anfühlte, einmal aus voller Kehle auf offener Straße zu brüllen: „Ceausescu ist ein Schwein!" Außer dass man etwas komisch angeguckt wird, passiert nichts. Oder einen Supermarkt betreten zu dürfen, in dem es alles gibt.

Nachts auf beleuchteten Straßen zu gehen. Jeden Morgen mit Warmwasser duschen zu können. Bei den Kindern meiner Schwester anhand von Steiff-Kuscheltieren (unerschwinglich in Rumänien) die Tiernamen auf Deutsch beigebracht zu bekommen. In eine Schule zu kommen ohne Uniformen und politischen Zwang.

Meine Mutter starb eine Woche später.

Auch davon ein anderes mal mehr.

Aber jetzt zu unserem Thema, Flüchtlinge: Was wäre gewesen, wenn ich in Deutschland keine Familie gehabt hätte, die Geld für dicke Funktionärsumschläge geopfert hätte - der ich für immer dankbar bin, dass sie mich aufgenommen hat?

Was wäre gewesen, wenn ich damals illegal mit Gefahr für Leib und Leben hätte flüchten müssen, in einem Kofferraum eines Busses versteckt oder durch einen Fluss geschwommen? Was wäre gewesen, wenn die einzige Möglichkeit eine Schlepperbande gewesen wäre, um mich vor einem Securitate-Schicksal zu bewahren? Und was wäre gewesen, wenn es Diskussionen gegeben hätte:

War ich ein politischer Flüchtling? Die Sache mit der Securitate war kein Fakt sondern eine Gefahr.

War ich ein Kriegsflüchtling? Der kalte Krieg galt nicht als Krieg.

War ich ein Wirtschaftsflüchtling? Meine Mutter wollte, dass es mir gut ging, und ich natürlich auch.

Hätte man mich zurück geschickt?

Ich war ein Kind, das eine bessere und sichere Zukunft suchte.

Ich habe sie gefunden. Ich habe die Sprache gelernt, Abitur gemacht, studiert, geheiratet, ein Kind bekommen, gearbeitet, Schulen gegründet. Was damals ein Traum schien, ist jetzt meine Gegenwart.

Wie viele Kinder, deren Eltern für sie eine bessere Zukunft suchen, sind da draußen in den Flüchtlingslagern? Wenn ihre Eltern noch dabei sind, umso besser für sie.

Ich sage es hier noch mal, wie in der Huffington Post: Flüchtlinge bringen Mut mit, Mut zur Veränderung und Mut zum Lernen. Sie haben sich aus einer Situation befreit, die nicht tragbar war. Sie haben keinen leichten Weg eingeschlagen.

Sie haben sich mutig aufgemacht und nehmen es mit einer neuen Kultur und einer neuen Sprache, mit neuen Menschen und einem unbekannten Lebensstil auf. Davon können wir als Gesellschaft lernen - und selbst mutiger sein und auf sie zukommen. Dann entwickeln wir uns gemeinsam weiter. So funktioniert Fortschritt.

Ich freue mich über Kommentare, die respektvoll bleiben. Und wenn ihr etwas mehr von mir wissen wollt, fragt ruhig. Ich kann euch gern auch mehr von damals erzählen, wenn ihr wollt.

Wenn ihr helfen wollt: Macht euch vor Ort schlau, wie man den Flüchtlingen helfen kann. Und macht hier mit: http://1000malwillkommen.tumblr.com/

Der Beitrag erschien zuerst auf Bea's Blog.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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