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01/06/2015 07:01 CEST | Aktualisiert 01/06/2016 07:12 CEST

In 7 Schritten zum perfekten Verbraucher

dpa

Wer möchte das nicht? Bewusst einkaufen und dabei alles erfolgreich beachten, auf das man eben Wert legt: Regionale und saisonale Produkte wegen der CO2-Bilanz und zur Förderung der ansässigen Landwirtschaft. Bio, damit man sich und seine Familie nicht mit Schadstoffen vergiftet. Lieber ein paar Euro mehr ausgeben, damit das den Tieren und den Erzeugern zu Gute kommt.

Achtung, der folgende Text von Alex enthält Ironie. Sollten Sie im Zweifel sein, ob diese für Sie geeignet ist, fragen Sie bitte Ihren ortsansässigen Landwirt.

1. Glauben Sie nur, was Sie sehen!

Seien Sie kritisch und schauen Sie sich die Verpackungen der Lebensmittel genau an. Sind weidende Kühe auf dem Joghurtbecher, der Milchtüte oder gar dem Paket Hackfleisch zu 1,69 Euro abgebildet? Greifen Sie zu! Jeder weiß ja schließlich, dass Weidehaltung für Rinder das Beste und Natürlichste ist.

Orientieren Sie sich an Siegeln, Logos und generell allen offiziell aussehenden, aufgedruckten Bildchen von ca. 3 x 3 cm Größe. Wird schon seine Richtigkeit haben. Wer hat denn schon Zeit, jedes Logo auswendig zu lernen? Sie müssen schließlich bewusst einkaufen!

Keine Angst vor Fertigprodukten - die sind zwar industriell verarbeitet, aber dafür werden alle Inhaltsstoffe fein säuberlich aufgelistet. Außerdem kann eine Fabrik die Pizza auch viel effizienter produzieren als Sie selbst. Im Zweifel kaufen Sie einfach Bio. Dann schlagen Sie zwei Fliegen mit einer Klappe, denn:

2. The Bio, the better!

Sie sind gegen Massentierhaltung und Agrarfabriken? Mit dem Kauf von Bioprodukten lässt sich das leicht umgehen. Da kann es auch gerne aus dem Discounter sein. Dort ist Bio nur ein wenig teurer als konventionelle Ware. Aber die werden sicher einen Weg gefunden haben, diesen niedrigen Preis nicht durch Masse zu erreichen. Massentierhaltung geht schließlich anders. Und wenn Bio draufsteht, kann man sich als Verbraucher auch das Hinterfragen sparen.

Obst, Gemüse und Co. dürfen dann gerne auch aus Übersee einfliegen, solange sie nur Bio sind. Für das Einhalten der Qualitätsstandards in den produzierenden Ländern sorgt schließlich ein zertifizierter Qualitätskontrolleur, der zwei Mal im Jahr anreist und die Plantagen besichtigt.

Durch die niedrigen Löhne und Kosten in diesen Ländern relativiert sich dann auch der Transport nach Deutschland und Bio ist für Sie zum Schnäppchenpreis erhältlich.

3. Regional? Saisonal? Egal?

Kaufen Sie regional ein - nein, nicht im regionalen Supermarkt, regionale Ware! Die gibt es dort schließlich auch. Je größer das dazugehörige Hinweisschild für „Deutsche Zwiebeln", desto kürzer ihr Weg! So können Sie sich auch den Weg zum nächsten Hofladen sparen. Der hat eh nicht alles, was Sie brauchen.

Kaufen Sie Saisonware! Zur Not lagern Sie eben selbst ein. Machen Sie schon, fast ausschließlich? Dann teilen Sie bitte Ihre große Rezeptsammlung für Kohl, Wirsing und Steckrüben!

Unterstützen Sie das ansässige Handwerk. Kaufen Sie beim Bäcker, am besten bei einer Kette. Dort ist die Qualität immer gleich. Fragen Sie die Fachverkäuferin ruhig nach einzelnen Inhaltsstoffen oder der Sauerteigführung - sie wird Ihnen qualifiziert Auskunft geben können.

Die Brötchen aus der ursprünglichen Dorfbäckerei sind ja leider öfter mal schief und auch nicht immer gleich fluffig. Außerdem sind dort die Öffnungszeiten eine Zumutung für vielbeschäftigte Verbraucher - lediglich von 7-16 Uhr am Sonntag!

4. Für Sie und Ihre Familie nur das Beste!

Gönnen Sie sich 1a-Ware - klar besteht der Unterschied teilweise nur in der Krümmung von Möhre, Gurke und Co. Aber wenn selbst die Industrie 1a möchte, ist das für Sie doch gerade gut genug. Schälen müssen Sie schließlich auch und das möglichst schnell. Sie brauchen ja die Zeit für bewusstes Einkaufen!

Umgeben Sie sich mit Schönem! Ein knallroter, glänzender, makelloser Apfel strotzt nicht nur vor Vitaminen, er macht sich auch noch gut in der Obstschale. Gleichzeitig unterstützen Sie die Entwicklung neuer Sorten - den alten, fleckigen Schrumpelkram mag ja schließlich keiner mehr mit ansehen.

Prüfen Sie genau, was Sie kaufen: Drehen Sie, begutachten Sie und vor allem: Drücken Sie! Hat der Salat an einem äußeren Blatt eine Macke, pfeffern Sie ihn ruhig wieder zurück. Kauft eh keiner mehr. Und dem Supermarkt haben Sie gezeigt, was Sie von dem angebotenen Schund halten!

Im Zweifel kaufen Sie lieber die teurere Packung Milch oder Fleisch von einer Marke, die Sie aus der Werbung kennen. Da können Sie sicher sein, dass die Tiere es besser hatten als bei dem billigen Produkt.

5. Achten Sie auf völlige Genfreiheit!

Gene sind gefährlich, veränderte noch mehr - schließlich kommt so etwas in der Natur nicht vor! Vertrauen Sie der Kennzeichnungspflicht und haben Sie keine Scheu vor Fertigprodukten, denn: Drin ist, was draufsteht! (vgl. Regel 1.). Schließlich wäre es undenkbar, unwissentlich Käse zu essen, der mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen im Lab hergestellt wurde. Oder Fleisch aus Tieren, die mit gentechnisch veränderten Produkten gefüttert wurden. Sicher ist sicher!

6. Noch besser: Werden Sie zum Selbstversorger!

Sind Sie jetzt entsetzt, erschrocken, verunsichert? Sie möchten Ihre Ernährung lieber in die eigene Hand nehmen? Was ein Bauer kann, kann schließlich nicht so schwer sein. Und als Ergebnis haben Sie den genauen Überblick, was in Ihrem Essen steckt und die eigene Herstellung spart Geld. Wie, Sie haben keine Möglichkeit, selbst Tiere zu halten? Werden Sie doch Veganer! Nein? Dann versuchen Sie es zumindest mit Gemüse:

Bauen Sie doppelt so viel an, wie Sie theoretisch benötigen. Die Hälfte davon wird Ihnen von diversen Insekten, Schnecken und Vögeln weggefressen werden. Diese Tiere haben ja auch eine Existenzberechtigung und müssen von etwas leben.

Sie haben daher auch kein Problem damit, dass ihre selbst angebauten Produkte durch die so halbierte Ernte doppelt so teuer und aufwändig werden. Andere Krankheiten brauchen Sie gar nicht erst mit einplanen. Die kommen, wie sie wollen und sorgen ziemlich sicher für einen Totalausfall. Aber wenigstens ganz natürlich.

Verzichten Sie auf Kunstdünger und düngen Sie organisch. Sie wohnen in der Stadt? Kein Problem, im Baumarkt gibt es hygienisch abgepackten Rinderdung zu 3,99 Euro/kg! Doch noch zu stinkig? Na gut, greifen Sie zum Fertigdünger. Den gibt es auch in ganz natürlich mit Schafwolle oder Hornspänen.

Bringen sie ihn großzügig per Hand aus, schließlich ist Ihre Fläche ja klein und Sie verursachen damit sicher keine punktuellen Schadstoffeinträge in Ihr Grundwasser. Preiswert war das Ganze auch, nur 6,99 Euro für 20 Quadratmeter. Warum jammern bloß die Landwirte immer über die hohen Kosten?

Sie haben die Nase voll von den Schädlingen? Sämtliche selbst gemachten Aufgüsse und Begleitpflanzen bringen nichts? Auch hier hilft der örtliche Bau- oder Gartenfachmarkt. Bringen Sie an einem schönen, sonnigen Tag das Mittel der Wahl aus. Ruhig etwas mehr, es ist ja schließlich windig. Die Flecken, die Sie zwei Tage später auf dem Blättern Ihrer Pflanzen sehen, haben damit nichts zu tun, versprochen!

Und weil Sie Vitamin D tanken wollen, verzichten Sie beim Ausbringen auf lange Kleidung und Handschuhe. Das Zeug kann ja nicht schädlich sein, ist schließlich frei verkäuflich.

7. Zum Schluss: Haben Sie ein reines Gewissen!

Ihre Küche und Vorratskammer ist voll mit selbst angebauten, regionalen, saisonalen und/oder biologisch erzeugten Produkten? Glückwunsch! Sie dürfen sich auf Ihren Lorbeeren ausruhen! Und nachdem Sie so bewusst einkaufen waren, gönnen Sie sich doch eine Currywurst oder ein Brathähnchen vom Stand vorm Supermarkt. Kostet auch nur die 2 Euro, die Sie eben nicht noch zusätzlich für die Eier aus Freiland- statt Bodenhaltung ausgeben wollten. Sind ja nur zum Backen. Alles vollkommen gerechtfertigt: Einkaufen macht schließlich hungrig. Mahlzeit!

Haben Sie alle hier aufgeführten Schritte befolgt, darf man Ihnen gratulieren: Sie sind der perfekte Verbraucher - für den Handel!

Sollten Sie sich in einigen Punkten wiedererkannt haben, geht es Ihnen wie den meisten Menschen, auch mir. Obwohl Deutschland in der EU zu den absoluten Schlusslichtern gehört, was die Ausgaben an Lebensmitteln angeht, ist es für viele Haushalte „nicht drin" all das so zu kaufen, wie sie gerne möchten.

Natürlich kann man auch hier diskutieren, dass es eine Sache von Prioritäten ist. Möchte ich aber gar nicht. Man kann auch klein anfangen, stück- und im wahrsten Sinne manchmal auch scheibchenweise.

Manchmal bekommt man es aber verdammt schwer gemacht, das einzukaufen, was man eigentlich möchte. Nicht unschuldig daran sind der Handel und das Marketing. Verwirrende Labels, etliche Fleischprogramme, hübsche Bilder von weidenden Tieren auf Verpackungen. Viel Billig-Bio, viele leere Versprechungen.

Da hilft nur: Mehr hinterfragen, mehr Zeit nehmen, besser informieren und vor allem: Handeln. Jeder einzeln und alle zusammen. Tag für Tag.

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