BLOG
14/11/2016 12:39 CET | Aktualisiert 15/11/2017 06:12 CET

Ein offener Brief an Donald Trump, der 18 Jahre lang mein Chef war

Reuters

Lieber Donald,

herzlichen Glückwunsch zu Deiner Wahl. Ich wünsche Dir nur das Beste für eine erfolgreiche Präsidentschaft.

Wie Du weißt, habe ich Hillary Clinton unterstützt. Deine Politik hat mich nicht überzeugt. Ich bin kein Fan Deiner Haltung in Umweltfragen und der Gesundheitspolitik.

Ich finde, dass die Mexikaner zur Verbesserung unserer Gesellschaft beigetragen haben und bin der Ansicht, dass ihnen auf dem Weg zur Staatsbürgerschaft keine Steine in den Weg gelegt werden sollten.

Ich bin wie Du der Meinung, dass unsere Grenzen sicherer werden müssen. Aber ich glaube nicht, dass eine Mauer, die unnötig und unglaublich kostenintensiv ist, hier der richtige Weg ist.

Selbst wenn ich einigen Deiner Standpunkte zustimmen würde, so hätte ich dich nicht gewählt. Denn du verfügst nicht ansatzweise über die Erfahrung, wie sie Hillary Clinton vorweisen kann.

Du hast nicht das politische Know-how und die Regierungsroutine, die man meiner Meinung nach für den Job braucht.

Außerdem hast Du dich in den letzten Jahren sehr verändert.

Wenn ich an die gemeinsame Zeit im Trump Tower zurückdenke, dann erkenne ich Dich kaum noch wieder.

Es sind nicht mehr die "Spitzenkräfte", die für Dich arbeiten. Außerdem nimmst Du keine Kritik an und ignorierst Ratschläge - zwei Fähigkeiten, die für einen Präsidenten grundlegend sind. Ich bin nur ehrlich - du sagtest ja immer zu mir, ich sei "zu ehrlich".

Aber wir sind nun einmal, wo wir sind und ich schreibe Dir als jemand, der Dich lange kennt. Ich habe Dich unterstützt, als Du bereits in den 1980er-Jahren verkündest hast, für das Amt des Präsidenten kandidieren zu wollen. Damals, als alle dachten, wir hätten sie nicht mehr alle.

Keiner nannte Dich damals "Mr. Trump", wir alle nannten Dich Donald. Du warst immer für alle da und wir konnten mit all unseren Anliegen zu Dir kommen, Du hattest ein offenes Ohr für uns.

Mehr zum Thema: Ein Professor sagte fast jeden US-Präsidenten voraus - jetzt hat er eine schlechte Nachricht für Trump

Deine Bürotür stand immer offen und Du hattest immer die Freisprechanlage aktiviert. Wir brachten Dir Hochachtung und Respekt entgegen, aber wir scheuten uns auch nicht davor, Dich zu kritisieren und Dir ehrlich unsere Meinung zu sagen.

Wir beide wissen, dass das heute anders ist. Anscheinend brauchst Du jetzt das Gefühl, vergöttert zu werden.

Du musst niemandem mehr irgendetwas beweisen. Aber Du kannst immer noch wieder zu dem Zuhörer werden, der seine Meinung ändert und sie auch mal korrigiert. Ich glaube, der Ruhm ist Dir zu Kopf gestiegen und Du glaubst wirklich, dass Du alles weißt. Das tust Du nicht.

Jetzt bist Du mein Präsident. Dann benimm Dich auch so

Ein Haufen Loser folgt Dir auf Schritt und Tritt. Die Loser in Deiner Organisation können dem Land keinen Schaden zufügen, aber jetzt wird mir klar, warum Du so viele geschäftliche Niederlagen einstecken musstest. Jetzt musst Du ein Kabinett zusammenstellen und Du MUSST die richtigen Leute dafür auswählen.

Zeig der Welt, dass Du Dich nur mit den Besten zufrieden gibst. Zu Deinen Mitarbeitern sollten Republikaner und Demokraten gehören, ebenso Frauen und Farbige. Tu nicht das, was die Experten alle vorhersagen.

Giuliani und Gingrich, die wie Schoßhündchen an Dir hängen, sind veraltete Exemplare, deren Zeit abgelaufen ist. Sie sind Deiner unwürdig.

Genauso ist es mit Chris Christie, dem Gouverneur von New Jersey, der vom gesamten Staat gehasst wird und dessen Glaubwürdigkeit gleich null ist. Typen wie Sarah Palin und Ben Carson stehen auch weit unter Dir. Sie sind Witzfiguren, die keinen Draht zu den meisten Amerikanern haben. Du brauchst - mehr als sonst jemand - Leute, die Ahnung vom Regieren und von Politik haben.

Deine größte Sorge galt immer der Frage, wem Du vertrauen konntest. Und Du hast Positionen mit Personen besetzt, die das nicht verdienten. Weil Du ihnen vertrauen konntest.

Aber jetzt musst Du erkennen, dass sich Menschen, die alles für Dich tun würden, meistens nur an Jobs festklammern, von denen sie wissen, dass sie sie andernfalls nie bekommen hätten. Die Menschen, denen Du vertrauen kannst, befinden sich außerhalb deines Inner Circle.

Denk daran, dass die Mehrheit der Amerikaner Hillary gewählt hat. Es haben mehr für sie gestimmt als für Dich. Auf diese Menschen und ihre Anliegen musst Du eingehen.

Du wurdest hauptsächlich von Menschen gewählt, die ihren Job zurückwollen. Ja, viele Deiner Unterstützer sind rassistisch und ausländerfeindlich. Aber ich weiß, dass Du ihren Interessen gar nicht wirklich entsprechen willst. Du hast eigene Interessen, an denen musst Du jetzt arbeiten.

Mehr zum Thema: Erstes TV-Interview nach der Wahl: Was Trump sagte - und was er wirklich meinte

Du musst für die Menschen aller Klassen da sein. Schluss mit dem Unsinn derer, die nur nach Deinem Mund reden, in der Hoffnung, einen Posten abzubekommen. Diese Idioten werden den Hass, die Angst und das Misstrauen, das für Deinen Wahlkampf so charakteristisch war, nur weitertragen. Werde sie schnellstmöglich los.

HuffPost-Tarif

Europa-Flat, Daten-Flat: Einer der günstigsten Handy-Tarife auf dem Markt

Mit der Spar-Aktion der Huffington Post in Zusammenarbeit mit Chip und Tarifhaus bucht ihr einen Smartphone-Tarif, der preislich kaum zu schlagen ist und eine Vielzahl an Vorteilen bietet.

Mehr Infos findet ihr hier.

Du musst das Bild des Trump-Anhängers, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Hillary ist eine Schlampe" trägt, zerschlagen. An seine Stelle muss ein hart arbeitender Amerikaner rücken, farbig oder weiß, Muslime oder Christ, Einwanderer oder auch nicht, der das Rückgrat dieses Landes ist. Jetzt bist Du mein Präsident. Dann benimm Dich auch so.

Als ich für Dich gearbeitet habe, warst Du ein Anhänger der Demokraten.

Du hast starke Frauen wie mich unterstützt. Stell Dir nur vor, Du würdest die konservative politische Aktivistin Phyllis Schlafley glorifizieren.

Was würden Melania und Ivanka von einer Frau halten, die sagt, Frauen sollten außerhalb des Hauses nicht arbeiten? Und Du willst Roe v. Wade kippen, die Grundsatzentscheidung zum Schwangerschaftsabbruch aus dem Jahr 1973? Warum? Die Menschen wollen das nicht! Das wird Dich nicht groß machen! Vergiss es.

Weißt Du noch, wie sehr Du Mel Fante, Peter Lobello und Jerry Floyd gemocht und verehrt hast? Du würdest ihnen nie sagen, sie könnten den Menschen, den sie lieben, nicht heiraten. Rühr das Gesetz zur Homo-Ehe nicht an. So bist Du nicht. Klar, Mike Pence würde sie alle ins Gefängnis stecken, aber Du nicht.

Ich glaube, Pence war eh nicht gerade Dein Wunschkandidat für das Amt des Vizepräsidenten.

Du sagst, Du willst alle regulierenden Bestimmungen und Gesetze zum Klimaschutz abschaffen, aber willst Du wirklich als der Präsident in die Geschichte eingehen, der die Umwelt vollends zerstört hat? Du kannst den Planeten retten, denn Du bist der Anführer der freien Welt und der Kongress steht hinter Dir.

Du willst Obamacare rückgängig machen, aber Du sagst selbst, dass die Menschen eine Krankenversicherung brauchen. Überrasche alle mit einem Plan, der noch besser ist, der niemanden wegen Vorerkrankungen ausschließt. Es muss gar kein Plan sein, den die Wirtschaft liebt.

Die Wall-Street-Experten erwarten, dass Du auf die Interessen der Pharma-Industrie eingehst. Überrasche sie damit, dass Du Medikamentenpreise neu verhandeln willst. Donald, nichts hindert Dich daran.

Du kannst der Präsident aller sein, wenn Du das Land an die erste Stelle setzt und Dein Ego auf dem Rücksitz Platz nimmt

Nachdem, was Du über Frauen gesagt hast, ist es schwer, Dich noch zu respektieren. Ich habe immer gesagt, dass Du mich nie diskriminiert oder mir weniger Respekt entgegengebracht hast, obwohl Du schönen Frauen gerne nachschaust.

Ich habe das immer abgetan, aber Dein Verhalten bei Howard Stern und das Access Hollywood-Tape sind widerwärtig und unentschuldbar. Nenn es wie Du willst, aber die Welt war Zeuge.

"Niemand respektiert Frauen mehr als ich." Was für ein blödsinniger Satz! Aber Du kannst es wieder gutmachen und Du kannst meinen Respekt zurückgewinnen. Ich weiß, dass Dir das wichtig ist.

Zuerst einmal musst Du Abstand von der Aussage nehmen, dass eine Frau doch kündigen soll, wenn sie am Arbeitsplatz belästigt wird. Hätte ich das getan, dann hätte ich nie für Dich arbeiten können. Ganz ehrlich, dann hätte ich nirgendwo arbeiten können.

Es kann helfen zuzugeben, dass man selbst auch schon einmal jemanden belästigt hat und sich dafür schämt. Eine andere Sache ist die Gleichstellung. Das ist ein wichtiges Thema und es kann sich positiv auswirken.

Du musst ein Komitee zu Frauen in der Industrie aufstellen, dem eine fortschrittliche Frau vorsitzt, die sich wirklich mit den Gründen der Einkommensschere bei Männern und Frauen auseinandersetzt.

Es sollte außerdem eines der Hauptthemen Deiner Präsidentschaft sein, die Gehälter von Männer und Frauen anzugleichen. Hol die Frauen aus ihrer traditionellen Rolle heraus. Sie sollten Ingenieurinnen und Bauleiterinnen werden.

Und vor allem: Tu etwas gegen die Belästigung von Frauen am Arbeitsplatz! Du hast es in der Hand und kannst alles mit einem Erlass ändern. All die positiven Veränderungen, die Du den Frauen bringen könntest!

In dieser verrückten Welt kannst Du eine riesige Katastrophe oder eine riesiger Glücksfall sein.

Wenn Du erstmal Präsident bist, kannst Du tun und lassen, was Du willst. Vergiss, was es Dich gekostet hat, soweit zu kommen.

Vielleicht wirst Du dadurch ein paar der Evangelikalen verlieren, vielleicht bleiben bei der nächsten Wahl ein paar Rassisten zuhause, aber Du kannst eine Menge Demokraten-Wähler für Dich gewinnen.

Du kannst der Präsident für alle sein, wenn Du das Land an die erste Stelle setzt und Dein Ego hinten anstellst.

Reformiere die Gefängnisse, bau die Infrastruktur wieder auf, mach die ärztliche Versorgung für alle erschwinglich und zugänglich, gehe die Einwanderungsthemen human an.

Vergiss die Steuererleichterungen für die Reichen, führe Steuererleichterungen für die Mittelschicht ein.

Du weißt, dass viele Jobs dem technologischen Fortschritt zum Opfer fielen und nicht die durch Handelsabkommen geschlossenen Fabriken für den Verlust der Arbeitsplätze verantwortlich sind. Hol die Jobs in der Technologiebranche zurück in die Vereinigten Staaten.

Tu etwas gegen die Verschuldung der Studenten. Hilf armen jungen Leuten, einen Studienplatz oder eine Berufsausbildung für die guten Jobs zu bekommen, die Du allen versprichst.

Ich bete dafür, dass Du einige der Dinge tust, die Du versprochen hast. Ich würde in vier Jahren gerne Dich wählen, obwohl ich noch nie einen republikanischen Kandidaten gewählt habe. Aber für Dich würde ich eine Ausnahme machen, wenn Du Dich änderst.

Ich weiß noch, als Du mir einmal einen Nerzmantel aus zweiter Hand gekauft hast, weil ich in dem Mantel durch das Büro stolziert bin. Ich weiß noch, dass Du mich immer auf gleicher Ebene behandelt hast, wir zusammen rumgealbert haben und Du Dir Scherznamen für mich ausgedacht hast. Ich weiß noch, wie Du mich getröstet hast, als ein großes Projekt scheiterte.

Obwohl Du mich wirklich an meine Grenzen gebracht hast, erinnere ich mich gerne an meine Zeit im Trump Tower. Ich würde es gerne sehen, dass Du wieder zu dem selbstbewussten, engagierten und zumeist fairen Menschen von damals wirst.

Als ich Mitglied des Schülerrates meiner High School war, war ich radikal. Dann wurde ich zur Schülersprecherin gewählt und ich erkannte, dass ich alle Interessen vertrat, nicht nur meine eigenen, eng gefassten. Das hat mich zu einer guten Schülersprecherin gemacht. Ich weiß, dass Du ein guter Präsident sein kannst.

Viel Glück.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.