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07/07/2015 07:57 CEST | Aktualisiert 07/07/2016 07:12 CEST

Wieso ich eine Online-Petition an Birgit Kelle gestartet habe

dpa

Ein öffentlicher Vortrag von Birgit Kelle ist ein aufschlussreiches Ereignis. Die sympathisch wirkende Mutter von vier Kindern redet über die Defizite der Familienpolitik in Deutschland. Sie sagt, dass es für Eltern ein Armutsrisiko darstellt, mehr als zwei Kinder haben. Dass viele Mütter zur Erwerbsarbeit gezwungen sind und sich deshalb gar nicht frei entscheiden können, ob sie sich ganztägig ihren Familien widmen oder ihre Kinder in Kindertagesstätten abgeben.

Dass Politiker den Eltern die Fähigkeit absprechen, selbst zu beurteilen, was für sie und ihre Kinder am besten ist. Birgit Kelle kritisiert, dass unsere Gesellschaft trotz der drastisch gesunkenen Geburtenraten den Familien zu wenig Förderung und Unterstützung bietet.

Und nach Birgit Kelles Ansicht wurde die Emanzipation der Frau längst durch eine staatliche Bevormundung der Frauen abgelöst. Das politische Programm, das Mütter mit traditionellen Rollenvorstellungen diskriminiere und eine totalitäre Gleichmacherei der Geschlechter wolle, habe einen Namen: Gender Mainstreaming.

Im traditionalistisch-konservativen Milieu sind Ehe, Familie und Kinder hochemotional besetzte Schlüsselkategorien. Wer wie Birgit Kelle hier die richtigen Worte wählt, gewinnt die Herzen. Wer hier die Auflösung von Werten, Traditionen und gewohnten sozialen Strukturen beklagt, darf sich der Zustimmung gewiss sein.

Aus dem Beifall spricht der Trotz symbolischer Modernisierungsverlierer, die es als Zurücksetzung und Kränkung empfinden, dass ihre Ideale und Lebensweisen Konkurrenz bekommen haben. Ihnen ist die Gesellschaft etwas zu bunt und unübersichtlich geworden: Alle möglichen Lebensentwürfe und Familienmodelle haben sich ausgebreitet. Von der sexuellen Freizügigkeit ganz zu schweigen.

Reizworte wie „Gender", „queer", „sexuelle Vielfalt" und „Homo-Ehe" bringen das Blut der Traditionalisten in Wallung

Wieso macht der Staat so viel „Lobbypolitik" für Schwule, Lesben, Bi-, Trans- und Intersexuelle, also für seltsame und fremdartige kleine Minderheiten, anstatt sich um wichtigere Dinge - um die Belange der „ganz normalen Menschen" - zu kümmern? Werte wie Respekt, Empathie, Solidarität oder universelle Rechte treten dann in den Hintergrund, wenn es gilt, das Eigene, das „Natürliche" - die Ehe, die Familie und die Kinder - vor vermeintlicher Bedrohung zu schützen.

Beim Stichwort „Gender" nimmt Birgit Kelle Fahrt auf, ohne jedoch die Stimme zu erheben, scharf zu klingen oder gar giftig zu werden. Sie redet frei und gerät kein einziges Mal ins Stocken. Sie hat ein ganzes Buch zum Thema geschrieben und kann aus dem Vollen schöpfen. Kelle suggeriert in humorvoll anmutenden Einlassungen, nach den Plänen der queeren Lobbyisten dürften normale Männer nicht mehr Männer sein, normale Frauen dürften nicht mehr Frauen sein.

Dabei hätten doch sogar die meisten Homosexuellen ein eindeutiges biologisches Geschlecht; die Idee eines sozialen Geschlechts "Gender" sei also vollkommen abwegig. Noch viel lächerlicher sei die Idee, es gäbe möglicherweise mehr als zwei, ja unzählige verschiedene Geschlechter. Die "satirischen" Bemerkungen Kelles zu den angeblichen Absurditäten der „unwissenschaftlichen" Gender Studies finden beachtliche Resonanz beim Publikum. Es lacht, applaudiert begeistert, einige rufen „genau".

Am meisten aber verfangen die mittlerweile bekannten Schockbeispiele zum Aufklärungsunterricht; so etwa die Behauptung, schon Grundschüler sollten in der Schule Bordelle planen, Sex-Stellungen ausprobieren oder SM-Praktiken erlernen. Dies sei der eigentliche Charakter der staatlichen Bildungspläne für die Akzeptanz sexueller Vielfalt! - Die Empörung im Publikum ist echt.

Hier offenbart sich die Demagogie Birgit Kelles

Menschen, die bereits mit der Idee einer freizügigen "heterosexuellen" Sexualkunde für Kinder und Jugendliche sehr wenig bis überhaupt nichts anfangen können, werden durch Kelles Darstellung übergriffiger Homo-Lobbyisten in ihrer Aversion gegen die Vielfalt sexueller Orientierungen, Identitäten und Lebensweisen bestärkt. Sie werden förmlich zur Selbstpositionierung gegen LGBTIQ*-Interessen getrieben.

Birgit Kelle bedient sich einer strategisch geschickten Form der Agitation. Niemand könnte sagen, sie wirke apodiktisch oder gar aggressiv. Sie scheut keine Debatte, lässt Nachfragen zu. Doch ihre Rhetorik wirkt bisweilen entwaffnend. In spontanen Redebeiträgen bei öffentlichen Diskussionen können die von Kelle aneinandergereihten Beispiele kaum richtig eingeordnet oder widerlegt werden.

Vor allem nicht ohne ausführliche Erklärungen abzugeben. Kelles Publikum kann auf solche Gegenreden ohnehin gut verzichten: Es versteht Einwände als Belehrungsversuche durch 'linksgrüne Gender-Ideologen' oder als Angriffe auf die Meinungsfreiheit. Kritik wird mit Gejohle und höhnischen Zwischenrufen quittiert. Der Diskursrahmen steht von Anbeginn fest.

Da jedoch Birgit Kelle ihre suggestive Polemik auch zwischen Buchdeckel pressen lässt und außerdem einen Blog betreibt, habe ich die Form des offenen Briefes bzw. der Online-Petition gewählt, um für Birgit Kelles Wirken zu sensibilisieren. Vielleicht hört die Eine oder der Andere demnächst genauer hin, wenn Birgit Kelle wieder im Fernsehen auftritt oder einen öffentlichen Vortrag hält. Und widerspricht ihr energisch.

Der Link zum offenen Brief und zur Online-Petition auf www.change.org


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