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16/01/2016 06:26 CET | Aktualisiert 16/01/2017 06:12 CET

„Gender-Ideologie": Zur Verwendung eines Kampfbegriffes

Johannes Simon via Getty Images

„Totalitäre Gender-Ideologie" - das wirkt bedrohlich. Kaum etwas eignet sich besser zur Verunglimpfung politischer Gegner*innen und zur Mobilmachung als der Vorwurf einer „totalitären Ideologie". Assoziationen zum Nationalsozialismus und Stalinismus sind beabsichtigt: Totalitarismus tötet, das lehrt die Geschichte.

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Seit geraumer Zeit gehört der Kampfbegriff „Gender-Ideologie" zum obligatorischen Marschgepäck derer, die gegenüber der offenen, pluralistischen Gesellschaft einen tiefsitzenden Groll hegen und am liebsten die Zeit zurückdrehen würden: Zum Kulturkampf blasen konservative „Familienschützer", fundamentalistische Katholik*innen und Evangelikale, Rechtspopulist*innen, Verschwörungstheoretiker*innen.

Auch jene Parteien und Bewegungen, die angesichts „Asylflut" und „Überfremdung" den Untergang des deutschen Volkes und der abendländischen Kultur beschreien, haben längst die „Gender-Ideologie" ins Visier genommen. Wo es als Tugend gilt, „politisch unkorrekt" zu sein und „unterdrückte Wahrheiten" auszusprechen, gedeiht auch die homo- und trans*phobe Agitation gegen „Gender".

Im Kampf für eine antiliberale, traditionalistische Gesellschaft werden Allianzen geschlossen und Aussagen getroffen („Demo für Alle"), bei denen sich aufgeklärten Demokrat*innen die Nackenhaare aufstellen.

Feindbild „Homo-Lobby" und „Homo-Propaganda"

Den Gegner*innen der „Gender-Ideologie" geht es darum, die LGBTIQ*-Bürgerrechtsbewegung, die interdisziplinäre Genderforschung und insbesondere die Queer Theory (Stichwort: Judith Butler) durch Reduktionismen, unverhohlene Falschdarstellungen und gehässige Ausschmückungen zu diskreditieren. Auf die „jüdische Intellektuelle" Judith Butler hat sich besonders die streng katholische Autorin Gabriele Kuby („GENDER - Eine neue Ideologie zerstört die Familie", "Die Gender-Revolution - Relativismus in Aktion") eingeschossen.

Die Begriffe „Gender-Ideologie" und „Gender Mainstreaming" werden oftmals synonym gebraucht; hauptsächlich um die staatliche Frauenförderungs- und Gleichstellungspolitik und deren feministische Vordenker*innen zu diffamieren. Das eigentliche Ziel ist jedoch, Menschen in homo- und trans*phoben Vorurteilen zu bestärken und zum „Widerstand" gegen LGBTIQ*-Interessen aufzuwiegeln.

Besonders lautstark engagieren sich dabei Personen, deren streng religiös geprägtes Verständnis von Sexualität keine Anerkennung von Homosexualität zulässt und Schwule und Lesben als „Sünder" stigmatisiert. Der angebliche „Verstoß gegen die göttliche Schöpfungsordnung" wird von Klerikalen u.a. als Begründung dafür angeführt, politischen Einfluss gegen die Öffnung der Zivilehe für gleichgeschlechtliche Paare zu nehmen, als ob keine Trennung zwischen Kirche und Staat bestünde.

Gabriele Kuby behauptet: „Toleranz gibt es für LGBTs, aber immer weniger für Christen." Sie propagiert die „Heilung" Homosexueller und spricht im Zusammenhang mit der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare von einem „Missbrauch" der Menschenrechte.

Höchste und allerhöchste Würdenträger der römisch-katholischen Kirche propagieren in ihren Einlassungen zur christlichen Sexualmoral und Familienfragen den Widerstand gegen „Gender-Ideologie" und „Gender-Theorie" inzwischen wie selbstverständlich. So warnte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick von Bamberg in seiner Silvester-Predigt vom 31.12.2015 „vor sogenannten Gender-Theorien, die die Unterschiede zwischen Mann und Frau aufheben wollten:

'Wir wollen die Gleichberechtigung der Geschlechter, aber nicht die Gleichheit der Geschlechter.' Wer letzteres propagiere, leugne den Schöpfungsplan Gottes." Doch auch in säkularisierten Kreisen wird (gleichberechtigte) Nicht-Heterosexualität zur amoralischen Bedrohung für die Familie, für die Gemeinschaft oder sogar für den Fortbestand der Menschheit verdunkelt.

"Abweichler, die nicht systemkonform in den regenbogenfarbenen Sonnenuntergang mitmarschieren"

Es sei an der Zeit, dass das Volk widerspräche - der „Diktatur" einer „Homo-Lobby", die in Kitas und Schulen „unsere Kinder" umerziehen und ihnen eine „Gehirnwäsche" verpassen wolle. Bemühungen, die Akzeptanz sexueller Vielfalt schon im Kindesalter zu thematisieren und Homo-/Trans*phobie endlich wirksam zu ächten, assoziiert die Autorin Birgit Kelle („Dann mach doch die Bluse zu", „Gender Gaga") mit Huxley's „Schöner neuer Welt", Orwell's „1984", der DDR-Staatssicherheit und der Vorbereitung sexuellen Missbrauchs.

Mehrheitsinteressen würden angeblich denen von Minderheiten untergeordnet. Implizit fordert Kelle das Recht auf Abwertung und Ablehnung von LGBTIQ*, gleichgeschlechtlichen Ehen und Regenbogenfamilien ein - dies sei demokratisch.

Nach Kelles Darstellungen formuliere die „Homo-Lobby" unsinnige Forderungen („geistig umnachtet"), setze fragwürdige Projekte durch und tyrannisiere damit die „normale" heterosexuelle Bevölkerungsmehrheit. Generell würde durch nicht-heterosexuelle Minderheiten zu viel Einfluss auf Politik und Gesellschaft genommen.

Dies reiche von der „Zerstörung unserer Sprache" (durch Binnen-I, Gender-Unterstrich und -sternchen) über den „Eingriff in den Straßenverkehr" (durch regenbogenfarbige Zebrastreifen oder schwulesbische Paare an Fußgänger-Ampeln) bis hin zur „Auflösung der Geschlechter", einer „Kindeswohlgefährdung" bei Adoptionen durch gleich-geschlechtliche Paare und der „Zerstörung der traditionellen Familie" durch die Ehe für Lesben und Schwule.

Und queere, nicht-heterosexuelle Menschen selbst werden von Kelle so dargestellt, als handele sich um ein Kuriositätenkabinett der Abartigkeiten und Verwirrungen. Hierfür beispielhaft sind die Assoziationen, queere Menschen bzw. Trans* seien psychisch gestört, da sie doch nicht wüssten, ob sie nun Männlein oder Weiblein sind, und angeblich je nach Laune ihr Geschlecht neu definierten. Fast täglich würden zudem „neue Geschlechter erfunden".

Als Beleg wird von Birgit Kelle ein Drop-down-Menü bei Facebook angeführt (und ins Lächerliche gezogen), das den User*innen seit 2014 eine Selbsteinordnung jenseits der Mann-Frau-Dichotomie ermöglicht. Der angeblich beliebige, sprunghafte Geschlechterwechsel ist einer der hartnäckigsten und zugleich wohl absurdesten Mythen über die „Gender-Theorie" bzw. queer*e Menschen. Doch je abstruser die Falschdarstellung, desto einfacher und verfänglicher die Verächtlichmachung.

„Steuerverschwendung" durch „Pseudowissenschaft" im „Elfenbeinturm"

Was Gender Studies wirklich sind und womit sie sich beschäftigen, erklärt eine bisher neunteilige Serie auf der Website des Tagesspiegels anschaulich und leichtverständlich mit Gast-beiträgen von Expert*innen aus unterschiedlichen Fachrichtungen.

Aber das ernsthafte Interesse an ausgewogener Information und die Bereitschaft, solche Erklärungsversuche gelten zu lassen, sind leider rar gesät bei Menschen, die sich trotzig in ihren Vorurteilen eingerichtet haben und alles anzweifeln, das nicht zu ihrer vorgefertigten Stammtisch-Meinung passt. Ein Großteil der Leserkommentare auf der Website des Tagesspiegels dokumentieren dies genauso wie die üblichen Kommentare unter „genderfreundlichen" Online-Beiträgen anderenorts - von der taz.de über zeit.de bis spiegel.de.

Ebenso typisch wie billig ist jene Argumentationsfigur, mit der „den Genderisten" schnödes Profitstreben in eigener Sache vorgeworfen wird: Professor*innen auf „200 Gender-Lehrstühlen" erfänden unsinnige, weltfremde Begriffe und redeten Probleme herbei, nur um ihrer eigenen Daseinsberechtigung und ihrer Alimentierung durch die Steuerzahler willen. Studierende würden indoktriniert und unter Sanktionsandrohungen mit grotesken Sprachneuschöpfungen zur Political Correctness abgerichtet.

In Zeiten der „Lügenpresse" ist der Schritt zur „Lügenwissenschaft" bzw. „Pseudowissenschaft" nicht weit - ins-besondere für Menschen, die aus Unkenntnis Soziologie mit Sozialismus verwechseln oder die denken, Philolog*innen schrieben den ganzen Tag Romane und Gedichte.

Der Vorwurf der „Pseudowissenschaft" ist in hohem Maße davon abhängig, was allgemein als „seriöse" oder „echte" Wissenschaft" gilt, d.h. wessen Expertenautorität fraglos anerkannt wird. Vermutlich ist dies am ehesten der Fall, wenn die Wissenschaftler*innen weiße Kittel getragen und in mit Technik vollgestopften Labors Experimente durchführen.

Neues Altes aus der Biologie

Ein Kronzeuge der Gegner*innen der „Gender-Ideologie" ist der renommierte Kasseler Biologie-Professor Ulrich Kutschera, dessen öffentlichkeitswirksamen Provokationen in den bundesdeutschen Naturwissenschaften wohl beispiellos sind. Nichtsdestotrotz finden Kutscheras Entgleisungen mittlerweile Unterstützung und Nachahmung durch andere Naturwissenschaftler*innen.

Prof. Dr. Ulrich Kutschera ist Botaniker, Zoologe und Evolutionsforscher und macht aus seiner Geringschätzung für die ihm fremden Geistes- und Sozialwissenschaften keinen Hehl („Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie."). Verkürzt gesagt: Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen gelten Kutschera als faule, ehrgeizlose und allenfalls zu duldende Worthülsenproduzent*innen.

Die „unwissenschaftliche Gender-Ideologie" verachtet Kutschera als „Nonstop-Nonsens", als „Ersatzreligion einer heterophoben Minderheit", von deren Unsinn sich „intelligente Normalmenschen" mühelos überzeugen könnten. Unablässig vergleicht Kutschera die „Gender-Ideologie" mit dem bibeltreuen Kreationismus, den er seit Jahren mit großem Engagement bekämpft.

Dementsprechend drastisch geraten die Ausfälle des Evolutionsbiologen: Die Idee des sozialen Geschlechts beschrieb er in einem FOCUS-Interview als das „soziale Konstrukt weltfremder, quasi-religiöser Normalfrauen-Hasserinnen, die meist homoerotisch gepolt und kinderlos" (sic!) seien.

Anderenorts schreibt Kutschera von „Gender als geistige Vergewaltigung des Menschen". Vor allem Kutscheras unkollegialen und arroganten Attacken gegen die Vertreter*innen der Gender Studies haben für heftige Kritik und schließlich einen Ordnungsruf durch die Kasseler Universitätsleitung gesorgt. Der Skandal war kalkuliert: Kutschera und seine Anhängerschaft redeten fortan vom „Maulkorb", vom Angriff auf die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit.

Kutschera hat sich zum Ziel gesetzt, die Idee der sozialen Konstruktion von Geschlechtlichkeit regelrecht in der Luft zu zerreißen. Dafür schreibt und spricht er in seinen Beiträgen vor allem von der menschlichen Fortpflanzung, von der Anatomie und dem Gebrauch von Genitalien, von Reproduktionserfolg und Darwinscher Fitness.

Physiologische oder verhaltensbedingte Abweichungen vom heterosexuellen Reproduktionsmodus erscheinen nach seinem Verständnis der Variation und Selektion im Evolutionsprozess folgerichtig als natürliche Extremausprägungen statistisch normalverteilter Parameter.

Ausdrücklich distanziert sich Kutschera von einer normativen Bewertung eben dieser abweichenden Formen. Gleichwohl muss ihm klar sein, dass sein Vokabular auf der alltagssprachlichen Ebene allzu gut geeignet ist, einer Pathologisierung, Abwertung und Stigmatisierung sexueller Minderheiten Vorschub zu leisten. Bereits seine eigenen Ausführungen gleiten schnell ins Beleidigende und Verächtliche ab.

Kutschera definiert u.a. Homosexuelle als asexuell bzw. unfruchtbar, weil für ihn „Sex" per Definition ausschließlich die Befruchtung von Eizellen durch Spermien darstellt. Intersexualität diskutiert er als funktionale Störung der Geschlechtswerkzeuge. Geschlechterrollen sind für Kutschera vor allem phylogenetisch determiniert; Caveman lässt grüßen. Partner- und kinderlose Akademikerinnen charakterisiert er als fehlgeleitete „Möchtegern-Alpha-Weibchen".

Für all dies gebe es überwältigende „objektive Beweise". Er selbst sei „immer wieder erstaunt", wie die Natur den feministischen Emanzipationsforderungen Grenzen setze, beispielsweise wenn von ihm geförderte Frauen zum Zwecke der Familiengründung ihre akademischen Karrieren abbrächen.

Sicher traurig, aber wahr: „dass Männer über alle Kulturen hinweg deutlich jüngere, attraktive, fertile, nicht besonders wortgewandte Frauen bevorzugen. Männer sind quasi die Urviecher in uns, die Affen ... Männer wollen einfach eine nette Frau, mit der man nicht viel diskutieren muss; jung, attraktiv, gut kochen muss sie können, Kinder großziehen."

Hier hat sich die Grenze zwischen dem analytischen Zugriff eines seriösen Evolutionsbiologen und - vorsichtig formuliert - der naiven, vulgarisierten Deutung von Sachverhalten durch einen Laien längst aufgelöst. Wer mit einem Verweis auf ‚natürliches Brutpflegeverhalten' Gleichstellungsdefizite im Wissenschaftsbetrieb zu erklären versucht, macht sich nicht nur in den Augen von Soziolog*innen lächerlich. Jenseits geistes- und sozialwissenschaftlich geprägter Kreise darf er allerdings auf eine neugierige Zuhörerschaft hoffen.

Paradigmenvielfalt als Kränkung

Die evolutionsbiologische Brille zwingt Kutscheras Blick auf die Reproduktion des Menschen, auf den Fortbestand einer Population, auf die Arterhaltung als naturwissenschaftliches Forschungsthema. Die Diversität gesellschaftlicher Sinnkonstruktionen und Beschreibungen der Geschlechtlichkeit des Menschseins bleibt dabei auf der Strecke. Alternative Deutungen akzeptiert Kutschera nicht, am wenigsten jene der poststukturalistischen Philosophie Butlers.

Kutschera mag sich als positivistischer Naturwissenschaftler in seiner Eitelkeit gekränkt fühlen und angesichts wirkungsmächtiger sozial- und geisteswissenschaftlicher Diskurse nicht zu Unrecht einen relativen Bedeutungsverlust seiner Profession im Kosmos der modernen Wissenschaften beklagen. Deshalb sucht er Anschluss an ein politisch-kulturelles Milieu, das seine Äußerungen instrumentalisiert.

Die Behauptung, dass die Gender Studies ernsthaft die Naturwissenschaft Biologie bedrohen, gereicht Kutschera als Totschlagargument, das Andere dankbar aufgreifen. Selbst wenn sich Kutschera mit seinem Antikreationismus noch vor kurzer Zeit in kampfeslustige Opposition zur ebenfalls als „unwissenschaftlich" gebrandmarkten Theologie und zu fundamentalistisch-klerikalen Kreisen begeben hat, kann er dort inzwischen als wichtiger Verbündeter gelten.

Seine wissenschaftliche „Expertise" dient Gläubigen als Ausweis der eigenen „Objektivität" im gemeinsamen Kampf gegen die „wahnhafte Gender-Ideologie". Männer seien nun einmal Männer und Frauen nun einmal Frauen. Das sei eine unumstößliche Naturgesetzmäßigkeit - egal ob seit Jahrmillionen oder seit Adam und Eva.

Von Höhlenmenschen und Gendermännern

Es leuchtet ein, dass Geschlechterverhältnisse samt ihrer gesellschaftshistorischen Hintergründe und Wirkungsweisen in Wahrheit doch etwas zu komplex sind, als dass sie sich auf einprägsame Halbsätze über das hormongesteuerte Balzverhalten steinzeitlicher Höhlenmenschen oder auf das Durchschlagen egoistischer Gene reduzieren ließen.

Deshalb desinformieren und verunsichern die Gegner*innen der „Gender-Ideologie" ihr Publikum gezielt. Dabei werden besonders solche Menschen angesprochen, denen ein heterosexistischer Rollentraditionalismus („echte Männer, echte Frauen", „Eine Familie besteht aus Vater, Mutter, Kindern") als symbolischer Ruhepol in Zeiten gesellschaftlicher Heterogenisierung und des Wertewandels dient.

Jegliche Irritation der gewohnten, persönlich-keitsstabilisierenden Geschlechterstereotypen erscheint als Bedrohung und wird mit autoritären Reflexen abgewehrt. Mit emotional besetzten, auf die Privat- und Intimsphäre bzw. den Persönlichkeitskern bezogenen Schlüsselreizen („Sexualität", „Geschlechtsidentität", „Familie", „Kinder", Zukunft" usw.) wird versucht, zunehmend auch Menschen aus der „Mitte der Gesellschaft" zum Aufruhr zu treiben. Am rechten Rand braucht es dafür längst keine Überzeugungsarbeit mehr.

Aufschlussreich ist die Verwendung des absurden Begriffes „Gendermann" (als Synonym einer verweichlichten, vom Feminismus unterworfenen und kastrierten, „verschwulten" Witzfigur) in Online-Kommentaren und Diskussionsforen. Der „Gendermann" wird als Antipode zum markigen Idealmann gedacht.

Der Idealmann trotzt jeder zeitgeistigen Verunsicherung, bejaht traditionelle Rollenkonventionen und sorgt im Bett - gleichsam einer soldatischen Bestimmung folgend - für den Erhalt des „Staatsvolkes", um dadurch den verhängnisvollen Ansturm inva-siver Arten aus Afrika und Asien abzuwehren.

Nach Akif Pirinçci ist „die große Verschwulung" eines der Grundübel des zunehmend überfremdeten und zur „Moslemmüllhalde" verkommenden Deutschlands. Heterosexistischer Maskulismus und völkisch-identitärer Rassismus gehen Hand in Hand.

Echte Kerle, keine Tunten: „Lasst uns Schwule einfach nur Männer sein!"

Auch unter LGBTIQ* selbst ist solche Stimmungsmache gegen die „Gender-Ideologie" zu beobachten. Der schwule und katholische Publizist David Berger behauptet in seinen regelmäßigen Online-Beiträgen, die „Gender-Ideologie" propagiere die „Auflösung der Geschlechter", spräche homosexuellen Männern das Recht auf das Mann-Sein und auf die Männer-Liebe ab - und sei damit selbst homophob.

"Queer" gilt Berger als Inbegriff der Negation seines schwulen Männlichkeitsideals und als Bedrohung für dessen gesellschaftliche Normalisierung. (Queere) Kritik an Schönheitswahn und Fitnesskult sei körperfeindlich, die feministische Kritik an Pornografie sei lustfeindlich, langweilig und bemüht „politisch korrekt". LGBTIQ*-Aktivist*innen bezeichnet Berger als „Berufshomos".

Neuerlich stilisiert sich Berger als Verfechter der Meinungsfreiheit, in dem er die von ihm früher kritisierten Pamphlete Pirinçcis als verfemte Bücher gegen eine angebliche „Zensur" und die „inquisitorischen" Boykottaufrufe linker Kritiker*innen in Schutz nimmt.

Berger ist begeistert, wie Pirinçci sich in seinem Buch „Die große Verschwulung" an der angeblichen „Feminisierung" und „Verweichlichung" des deutschen Mannes durch „Gendermüll" abarbeitet. Er meint: „Pirinçci klingt wie ein Homoaktivist, der zur Eigenkritik fähig ist."

Sogar Pirinçcis Vulgarismen („Spinatstecher", „Fickificki-Zeugs", „Abnormitäten", „linksversifft") bezeichnet Berger in einer ‚Stilkritik' schließlich als „strategisch klug durchdachte(n) Versuch, einer ihm verhassten Welt der Political Correctness, der Denk- und Redeverbote etwas entgegenzusetzen".

Des Weiteren behauptet Berger, „manche der queeren Genderideologen" seien „nicht ganz unschuldig", dass das homophobe Vorurteil vom femininen Schwu-len weiterexistiere. Und es sei dem Wirken einer „Sprachpolizei" zuzurechnen, dass „Verschwulung" zu einem der Unwörter des Jahres 2015 gewählt wurde.

Nicht nur manch schwuler Mann, der sich selbst als „heterolike" oder „straight-acting" bezeichnet (d.h. seiner Erscheinung bzw. seinem Auftreten nach quasi-heterosexuell) und der auf „weibische" „Tunten" herabblickt, spendet Berger für seine Einlassungen im Internet Beifall. Auch christlich-fundamentalistische Publizist*innen und rechtspopulistische Medien zitieren den ‚homosexuelle Kritiker' der „Gender-Ideologie" geradezu genüsslich. Schließlich dienen ihnen solche Zitate vorzüglich als Feigenblatt gegen den Vorwurf, homophob zu sein.

Mit bösartigen Unterstellungen und Ignoranz gegen die Akzeptanz von Vielfalt

Ideen wie die Infragestellung der Zweigeschlechtlichkeitsnorm sind für die Gegner*innen der „Gender-Ideologie" etwas, das bedingungslos verleugnet, grotesk überzeichnet oder als blödsinnig denunziert werden kann. Die in großen Teilen der Bevölkerung bestehende Distanz zu sozial- und geisteswissenschaftlichen Denktraditionen kommt hier gelegen; so manche biologistisch-naturalisierende Plattitüde hingegen erscheint anschlussfähig an Alltagserfahrung und (naturwissenschaftliche) Allgemeinbildung.

Dies erweist sich besonders in Bildungsfragen als verhängnisvoll, wo linke Reform-Pädagogik seit langem von rechts attackiert und diffamiert worden ist (Stichwort: „Seinen Namen tanzen"). Demokratie- und akzeptanzfördernde Schulprojekte gelten da rasch als unnötiges „Konfliktgeschwätz" strickpullovertragender Alt-Achtundsechziger, liberale Sexualpädagogik gilt per se als unsittlich und schmuddelig.

Der Missbrauchs-Skandal an der Odenwaldschule und die hochproblematischen politische Positionen zur Pädophilie in der Parteigeschichte der GRÜNEN lieferten weitere Munition, um heutige schulische Aufklärungsarbeit pauschal als „Frühsexualisierung" von Kindern durch Pädophile und andere „Perverse" zu diskreditieren.

Die „ideologisch verordnete" Akzeptanz sexueller Vielfalt bedeute letztlich auch: „Sex mit Kindern, Sex mit Tieren, Sex per Exhibition, Sex in Verbindung mit Gewaltanwendung.". Solche verleumderischen Aussagen bleiben nicht ohne Wirkung bei denen, die ohnehin distanziert gegenüber LGBTIQ* sind.

Wenn sich die Logik der Aufwieglung gegen eine angebliche „Gender-Ideologie" weiter im öffentlichen Diskurs etablieren kann, werden Homo- und Trans*phobie bzw. LGBTIQ*-Diskriminierung in den kommenden Jahren vermutlich wieder stark ansteigen. Es bleibt zu wünschen, dass sich endlich alle demokratisch und pluralistisch gesinnten Kräfte konsequent für die Akzeptanz von Vielfalt einsetzen.

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