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09/09/2015 10:07 CEST | Aktualisiert 09/09/2016 07:12 CEST

Russland und China marschieren gegen den gemeinsamen Feind – die USA

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WLADIWOSTOK, RUSSLAND - Am 3. September zelebrierte China die Niederlage Japans im zweiten Weltkrieg mit einer prunkvollen Parade auf dem Tiananmen-Platz in Peking. Wie zu erwarten war, blieben die meisten Weltpolitiker der Veranstaltung fern, um die Gedenkfeier, die vom Westen als eine übertrieben propagandistische, nationalistische und anti-japanische Zurschaustellung der militärischen Macht gesehen wird, nicht zu legitimieren.

Die USA und ihre wichtigsten Bündnispartner wurden lediglich von Botschaftern und ehemaligen Regierungschefs wie Tony Blair und Gerhard Schröder vertreten. Eine auffällige Ausnahme davon bildete die südkoreanische Präsidentin Geun-hye, die nach anfänglichem Zögern zum Missfallen Washingtons doch nach Peking fuhr.

Angesichts der Tatsache, dass Südkorea mit einem Exportanteil von 26,1 Prozent von China abhängig ist, verwundert dies jedoch nicht sonderlich.

Es galt jedoch Russlands Wladimir Putin als wichtigster Ehrengast der chinesischen Feierlichkeiten.

Während der Gedenkveranstaltung stand Putin rechts neben dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Dies war genau das gleiche Bild wie auf der Parade am 9. Mai in Moskau, mit welcher vor ein paar Monaten der Sieg über Nazi-Deutschland gefeiert wurde. Zu dieser Veranstaltung war keiner der westlichen Regierungschefs erschienen und Xi Jinping war der berühmteste Ehrengast.

Während auf dem Roten Platz in Moskau regelmäßig marschierende Truppen und rollende Panzer zur Schau gestellt werden, ist dies in China nur selten der Fall. Früher fanden derart aufwändige Paraden auf dem Tiananmen-Platz lediglich alle 10 Jahre zur Feier des Jahrestags der Gründung der Volksrepublik China statt.

Mit der letzten Parade wurde zum ersten Mal Chinas Sieg im zweiten Weltkrieg gefeiert oder auch „der Widerstand des chinesischen Volkes gegen den Angriff Japans und der Weltkrieg gegen den Faschismus", so die offizielle Bezeichnung in China.

Den Beobachtern entging nicht, dass die Feierlichkeiten in Peking eine frappierende Ähnlichkeit mit der Gedenkfeier zum Tag des Sieges in Moskau aufwiesen. Chinesische Regierungssprecher bestätigten, dass China sich an Russlands Erfahrung bei der „Erweckung von patriotischen Gefühlen" orientiert habe.

Warum feiern Russland und China ihren Sieg im zweiten Weltkrieg, als ob dieser gerade erst geendet hätte?

Schließlich ist er für die meisten Länder, die an dem Krieg beteiligt waren längst Geschichte. Doch für Moskau und Peking ist der Krieg noch immer von besonderer Bedeutung. Man darf nicht vergessen, dass Russland und China während des Krieges am meisten Todesopfer zu verzeichnen hatten.

Russland verlor rund 27 Millionen Menschen, während sich die Zahl der chinesischen Opfer auf ungefähr 20 Millionen Menschen belief. Der zweite Weltkrieg machte die Sowjetunion zur Supermacht und verschaffte ihr dadurch eine Spitzenposition im internationalen System -- eine privilegierte Position, die das heutige Russland unbedingt behalten will, zumindest in seiner postsowjetischen und europäischen Nachbarschaft.

Für China symbolisiert der Sieg über Japan das Ende „des Jahrhunderts der Demütigung" durch fremde Mächte und er wird von der Kommunistischen Partei Chinas zur Legitimierung ihrer Herrschaft benutzt. Die Regierungen in Russland und China benutzen den Sieg über Nazi-Deutschland und das japanische Kaiserreich als wirksames Mittel, um bei der Bevölkerung nationalistische Emotionen zu schüren und es dadurch zu manipulieren.

Der Sieg im zweiten Weltkrieg wurde in Russland schon immer hauptsächlich den Anstrengungen und Opfer der Sowjetunion zugeschrieben, die von Amerika und Großbritannien unterstützt wurde. Russland ändert seine offizielle Sichtweise hierzu momentan offensichtlich stark, da nun China die westlichen Alliierten als zweitwichtigsten Mitwirkenden beim Ausgang des Krieges ablöst:

Die Sowjetunion leistete den entscheidenden Beitrag, um Nazi-Deutschland in Europa zu besiegen, während China das japanische Kaiserreich bezwang.

Die Teilnahme Xi Jinpings an den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges in Moskau und Putins Gegenbesuch in Peking anlässlich der Gedenkfeier zum Ende des Krieges in Asien unterstreichen diese neue Auslegung der Geschichte, die offensichtlich die Solidarität zwischen den beiden Ländern als Opposition gegen den Westen verstärken soll.

Russland gehörte zu den wenigen Ländern, die Truppen für die Teilnahme an der chinesischen Parade zur Verfügung stellten.

Die Soldaten des elitären Preobraschenski-Regiments erhielten das Privileg, den Abschluss des Festzuges aus marschierenden Formationen auf dem Tiananmen-Platz zu bilden und revanchierten sich dadurch für die Teilnahme chinesischer Truppen an der Parade auf dem Roten Platz im vergangenen Mai.

Wer mit der Geschichte Russlands vertraut ist, dem könnten beim Anblick von russischen und chinesischen Soldaten, die gemeinsam aufmarschieren, unangenehme Parallelen ins Auge fallen.

Während des prunkvollen Kongresses von Alexander dem Ersten und Napoleon im Jahr 1808 in Erfurt veranstalteten russische und französische Truppen eine gemeinsame Parade. Nur vier Jahre nach dieser Veranstaltung marschierte Napoleon in Russland ein.

Im September 1939 führten die Rote Armee und die Wehrmacht eine gemeinsame Parade im besiegten Polen durch - nur zwei Jahre, bevor Nazi-Deutschland die Sowjetunion angriff. Am wahrscheinlich deutlichsten sind die Erinnerungen an „die ewige und untrennbare Freundschaft zwischen der Sowjetunion und dem chinesischen Volk" der 1950er, aus der in nur wenigen Jahren eine bittere Auseinandersetzung wurde.

Dennoch wird diese neue Version des chinesisch-russischen Bündnisses in nächster Zeit kaum zerbrechen. Wenn Russland und China auch diverse Uneinigkeiten und konkurrierende Interessen besitzen, so haben sie keinerlei Zweifel im Bezug auf ihren Hauptkontrahenten -- die USA.

So lange Moskau und Peking der Meinung sind, dass Washington versucht, sie auf geopolitischer Ebene einzuschränken und die politischen Regime ihrer Länder zu untergraben, wird das Bündnis zwischen Russland und China immer stärker werden. Diese Aussicht sorgt bei vielen strategischen Denkern in den USA zu zunehmender Beunruhigung.

Genau zu dem Zeitpunkt, als die neue Ausstattung der Volksbefreiungsarmee auf dem Tiananmen-Platz vorgeführt wurde, steuerten fünf chinesische Kriegsschiffe die Beringsee bei Alaska an -- es war das erste Mal, dass die chinesische Marine so nah an der amerikanischen Arktik-Küste auftauchte.

Die chinesische Flottille fuhr geradewegs von gemeinsamen Übungen mit der russischen Marine im Japanischen Meer in die Gewässer der Arktis. Zu diesem Zeitpunkt war zufällig auch Barack Obama in Nord-Alaska unterwegs. Wollte China damit die Botschaft übermitteln: „Du wirst unsere Flaggen so oder so sehen, auch wenn du der Einladung zu unserer Parade nicht folgst"?

Dieser Artikel ist ursprünglich bei der Huffington WorldPost erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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