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27/11/2015 14:46 CET | Aktualisiert 27/11/2016 06:12 CET

2034: So könnte der Dritte Weltkrieg aussehen

Frank Rossoto Stocktrek via Getty Images

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WLADIWOSTOK - Sollte der nächste Weltkrieg ausbrechen, dann wird dies höchstwahrscheinlich in Asien passieren. Auslöser wird ein Zusammenstoß zwischen dem amtierenden Hegemon, den USA, und seinem größten Herausforderer, China, sein.

Die gute Nachricht ist, dass China keinen Krieg will. Nicht jetzt und auch nicht in absehbarer Zukunft. Vor allem, weil Peking weiß, dass die Chancen dabei nicht sehr gut stehen. Aber wenn wir 20 Jahre in die Zukunft blicken, ins Jahr 2034, werden sich die Umstände deutlich verändert haben.

NICHT JETZT


Es gibt drei Gründe, die einen baldigen Krieg unwahrscheinlich machen.

Erstens hinkt das chinesische Militär trotz zweistelligem jährlichem Zuwachs im Verteidigungsbudget den USA immer noch deutlich hinterher. Es wird 15 bis 20 Jahre dauern, bis China mit den Verbündeten der USA und Japans an der ostasiatischen Küste gleichziehen kann.

Zweitens hängt China, trotz allen Geredes von gegenseitiger Abhängigkeit, viel stärker von den USA ab als umgekehrt. China ist immer noch in kritischem Maße auf die USA und deren Alliierte angewiesen.

Hierzu zählen vor allem die EU und Japan, als Hauptexportmärkte, Technologie- und Know-how-Lieferanten. Insgesamt ist die Abhängigkeit Chinas von den internationalen Märkten sehr hoch, mit einem Anteil des Gesamtaußenhandels am Bruttoinlandsprodukt von 53 Prozent. Außerdem importiert China viele wichtige Rohstoffe, wie Öl und Eisenerz.

Da die meisten Rohstoff- und Warenimporte China auf dem Seeweg erreichen, wäre China bereits durch eine Seeblockade, ein im Konfliktfall wahrscheinlicher Zug der USA, extrem verwundbar. Nicht umsonst verfolgt China aus wirtschaftlichen und strategischen Gründen eine Politik zur Reduzierung der Abhängigkeit von ausländischen Märkten.

So versucht das Land, Exporte auf inländische Wachstumsquellen zu verlagern. China ist auch bemüht, sich die Rohstoffe angrenzender Länder und Regionen wie Zentralasien, Russland oder Burma zu sichern, ebenfalls um der Abhängigkeit von Seetransporten entgegenzuwirken. Dennoch wird Chinas Abhängigkeit vom globalen Wirtschaftssystem zumindest für die nächsten 15 bis 20 Jahre signifikant bleiben. Dieses wird nach wie vor vom Westen dominiert.

Drittens müsste China nicht allein die USA, sondern auch deren Verbündete in Asien, darunter Japan, Australien und möglicherweise Indien, konfrontieren. Hierfür würde China mindestens eine verbündete Großmacht und weitere kleinere Alliierte benötigen.

Ob China eine so ernsthafte Herausforderung der USA wagen würde, hinge zum größten Teil von der Bildung eines eurasischen geopolitischen Blocks zwischen Peking und Moskau ab. Zwar lässt sich dies bereits jetzt beobachten, jedoch wird es noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Fazit: In den nächsten 15 bis 20 Jahren ist ein größerer Krieg in Asien

sehr unwahrscheinlich, weil Peking ein äußerst vorsichtiges Spiel spielen wird.

Selbst wenn es eine militärische Auseinandersetzung geben sollte, würde diese von kurzer Dauer sein. Mit einem China, das sehr schnell von den Kräften des amerikanischen Militärs zurückgetrieben wird.

Allerdings wird sich dieses Ungleichgewicht um das Jahr 2030 erheblich verändern, wenn China erstens die militärische Lücke zu den USA schließt, zweitens die Abhängigkeit der Wirtschaft von westlichen Märkten und Rohstofflieferungen aus Übersee reduziert, und drittens eine eigene Allianz bildet.

2034: INDO-PAZIFISCHE KOALITION VS. EURASISCHE ALLIANZ


Es existiert eine unendliche Zahl möglicher Zukunftsentwürfe. Der Ausbruch des 3. Weltkriegs in Asien ist vielleicht nicht der wahrscheinlichste, gleichzeitig aber auch nicht der unglaubwürdigste.

Stelllen wir uns dieses Szenario für 2034 vor.

(Unter dem Video geht es weiter)

Russen-U-Boote tauchen nah an Unterseekabeln - USA fürchten Ausfall des Internets

China, das vor vier Jahren die Wiedervereinigung mit Taiwan abgeschlossen hat, ist zunehmend wegen des Wachstums der bereits jetzt großen Macht Indiens besorgt. Schon im Jahr 2030 überholte Indien China als bevölkerungsreichstes Land. Noch bedeutender ist aber, dass Indien mit seiner viel jüngeren Bevölkerung und dynamischen Wirtschaft bereits schneller wächst. Das Land modernisiert energisch seine Streitkräfte, die in ein paar Jahren eine ernsthafte Bedrohung für China darstellen könnten.

Als die Rivalität zwischen Indien und China um die Vorherrschaft Asiens immer neue Dimensionen erreicht, beschließt Peking den ersten Schlag - bevor Neu-Delhi die Chance hat, die noch vorhandene Machtlücke zu schließen.

Mit Hinweis auf die Einmischung Indiens in die Konflikte in Tibet und Übergriffe an der umstrittenen Himalaya-Grenze gehen chinesische Streitkräfte im Grenzgebiet in die Offensive und treffen indische Marine- und Luftwaffenstützpunkte.

Der Angriff auf Indien löst gleichzeitig Krieg mit Japan aus. Schließlich haben Tokio und Neu-Delhi im Jahr 2031 einen gegenseitigen Verteidigungsvertrag unterzeichnet, um sich genau gegen einen solchen chinesischen Angriff abzusichern. Zeitgleich mit der Attacke auf Indien besetzt die Marine der Volksrepublik China die Senkaku-Inseln und versucht die Ryukyu-Inseln zu erobern.

Im Jahr 2032 ziehen die Amerikaner ihre Truppen aus Japan zurück. Sie erwarten, dass der Pakt zwischen Japan und Indien und die Tatsache, dass Japan im Jahr 2029 zum Kernwaffenstaat wurde, ausreicht, um China abzuschrecken.

Die Chinesen ihrerseits setzen alles auf eine Karte. Sie spekulierten darauf, dass die isoliert erscheinenden USA nicht auf der Seite Japans intervenieren werden. Jedoch treten die USA nach einigem Zögern doch gegen China in den Krieg ein. Die Ereignisse des Juli 1914, als Berlin sich verspekulierte, London würde sich im Falle eines Krieges gegen Frankreich und Russland zurückhalten, könnten sich dabei wiederholen.

Zwei Alliierte Amerikas im Pazifik, Australien und die Philippinen, sowie drei NATO-Mitglieder - Kanada, Großbritannien und Polen, erklären China den Krieg. Die Anti-China Indo-Pazifik Koalition aus den USA, Indien, Japan und anderen Verbündeten entsteht.

China führt diesen Krieg nicht allein. Im Jahr 2025 unterzeichnen China, Russland, Weißrussland, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Pakistan das eurasische Abkommen - ein kollektives Verteidigungsbündnis das zum politisch-militärischen Arm der Schanghai-Kooperationsorganisation wird. Die Mongolei ist gezwungen, dem Pakt im Jahr 2033 beizutreten.

Russland sichert China aus dem Norden ab und versorgt es mit Rohstoffen und militärischer Ausrüstung. Ebenfalls sendet Moskau eine kleinere Zahl von Militärpersonal, wie Kampfpiloten und Drohnenoperatoren, die in den chinesischen Marineeinheiten kämpfen.

Davon abgesehen ist die direkte russische Beteiligung am Indo-Pazifik-Schauplatz minimal. Moskau ist vor allem mit Osteuropa beschäftigt. Insbesondere mit der Ukraine, wo die von EU und NATO unterstützten pro-westlichen Kräfte versucht haben, die Kontrolle über die südlichen und östlichen Teile der Ukraine zurückzugewinnen. Regionen, die vor dem Ausbruch des Kriegs in Asien im russischen Einflussbereich lagen.

Russland und die EU/NATO, die zwar nicht formell in die Feindseligkeiten verwickelt sind, führen einen Stellvertreterkrieg in der Ukraine.

Korea, das seit 2027 ein Staatenbund aus Nord- und Südkorea ist, bleibt dem Pakt fern. Die südostasiatischen Länder (mit Ausnahme der Philippinen) erklären ebenfalls ihre Neutralität. Genau wie Afrika, Lateinamerika und der Mittlere Osten.

WELTKRIEG-LITE


Im Bezug auf die Kriegsführung wird der dritte Weltkrieg ganz anders ablaufen als die großen Konflikte im 20. Jahrhundert. Die großen Kämpfer werden Atommächte sein. Weil ihnen aber bewusst ist, dass die Nutzung von Atomwaffen zur gegenseitigen Vernichtung führen wird, verzichten die Konfliktparteien auf deren Einsatz. Das ist nicht anders als im zweiten Weltkrieg, als die Kriegsteilnehmer große Vorräte an chemischen Waffen besaßen, die sie aber aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen nicht verwendeten.

Atomwaffen werden voraussichtlich auch eine dämpfende Wirkung auf das Verhalten in konventionellen Kampfhandlungen haben. Ein Staat wird Atomwaffen sehr wahrscheinlich nur als letztes Mittel einsetzen. Insbesondere wenn Feinde in Kerngebiete eindringen oder Großstädte bombardieren. Mit diesem Wissen werden Angreifer es bevorzugen, den Gegner nicht in die Enge zu treiben.

Dies könnte ebenfalls dazu führen, dass Hauptkampfgebiete bewusst auf Randgebiete, weit weg von besiedelten und industrialisierten Regionen, eingegrenzt werden. Darüber hinaus werden sich Militärstrategen eine Lektion aus der Vergangenheit ins Gedächtnis rufen: Ein großer, offensiver Landkrieg auf dem asiatischen Kontinent ist fast immer eine verlorene Sache.

All diese Überlegungen machen das Meer, die Luft, die kargen Bergregionen sowie den Weltraum und Cyber-Space zu den wichtigsten Schlachtfeldern eines Dritten Weltkriegs.

Eine weitere Besonderheit des WKIII könnte das weitere Funktionieren der Diplomatie und der internationalen Gremien sein, die als effektive Kommunikationskanäle zwischen den Gegnern agieren. Die vielen Jahrzehnte internationaler Institutionsbildung werden sich nicht als umsonst erweisen.

Daran gescheitert, den Krieg zu verhindern, werden diese Institutionen zumindest dabei helfen, dessen Umfang zu begrenzen und die Auswirkungen zu mildern. Sogar der Handel und Finanztransaktionen zwischen den Feinden könnten bis zu einem gewissen Grad weiter stattfinden. Dieser würde über neutrale Länder wie Korea, Singapur und die Türkei umgeleitet. Der ultimative Beweis dafür, dass gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit und Krieg sich nicht unbedingt ausschließen.

Vielleicht könnte man das, was wir möglicherweise miterleben werden, als „Weltkrieg Lite" bezeichnen. Als solcher würde er die totale Mobilisierung personeller und materieller Ressourcen nicht erfordern. In dieser Hinsicht könnte der WKIII mehr dem Spanischen Erbfolgekrieg oder den siebenjährigen Kriegen des 18. Jahrhunderts ähneln als den „totalen" Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts.

Die Tatsache, dass der Krieg eine vergleichsweise begrenzte Zahl von Opfern erfordern wird und die vollständige Mobilisierung von Ressourcen nicht nötig macht, kann die unbeabsichtigte Nachwirkung auf unbestimmte Zeit zur Folge haben. Ganz im Gegensatz zu den Zermürbungskriegen der Vergangenheit, die lediglich für ein paar Jahre ausgetragen werden konnten, weil die Ressourcen schnell erschöpft waren.

Wenn Kriege die Gesellschaft nicht bis ins Unerträgliche belasten, könnte sie lernen, mit ihnen zu leben. Könnte der dritte Weltkrieg also ein weiterer 30-jähriger oder sogar 50-jähriger Krieg werden?

Nichtsdestotrotz wird immer das Risiko bestehen, dass die „humanen" Kriege niedriger Intensität mit ausgewiesenen Friedenszonen und klaren Verhaltensregeln in traditionelles Blutvergießen mit schweren Verlusten und ohne Rückhaltemittel ausarten. Die Eskalation in einen Atomkrieg kann ebenso wenig ausgeschlossen werden. Was auch immer dabei herauskommen mag, dieser Krieg wird mit Sicherheit das Ende der Welt, wie wir sie kennen, bedeuten.

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