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27/12/2015 07:24 CET | Aktualisiert 27/12/2016 06:12 CET

Warum Hausaufgaben abgeschafft werden müssen

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Hilmar Schwemmer, selbst Lehrer, hatte 1980 eine Studie veröffentlicht, für die er sich von 450 Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen Jahrgangsstufen, Schulen und Bundesländern ihre Erfahrungen mit Hausaufgaben berichten ließ.

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Er hatte sie explizit dazu aufgefordert, insbesondere die negativen Aspekte zu erläutern, und kam damit zu einer eindrücklichen Sammlung von exemplarischen „Hausaufgabennöten" (Ilse Nilshon), die überdeutlich machte, wie konflikt- und angstbeladen die verordneten Nachmittagsaufgaben von vielen Schülern erlebt wurden.

Hausaufgaben sind unwirksam und zudem Familienkonfliktherd

Schwemmer zog daraus vor allem Schlussfolgerungen im Hinblick auf die von ihm als „Konfliktherd" erlebte Hausaufgabensituation innerhalb der Familien. Seiner Ansicht nach gefährden Hausaufgaben den Aufbau positiver Beziehungen zwischen Eltern und Kindern genauso wie zwischen Lehrern und Schülern.

Sie beeinträchtigen die Chancengleichheit wegen der ungleichen Unterstützung in den Elternhäusern und bilden letztlich eine Gefahr für die moralische Entwicklung der Schülerinnen und Schüler, weil denen mit der selbstständigen Erledigung der Hausaufgaben eine Verantwortung übertragen wird, die sie überfordert und ihrem Alter und ihren Fähigkeiten nicht gerecht wird.

Schwemmers Fazit: Man muss, will man die mit den Hausaufgaben eigentlich angestrebten methodisch-didaktischen und erzieherischen Ziele erreichen, diese Funktionen systematisch in den Schulalltag und die Schulpraxis integrieren. Im häuslichen Umfeld jedenfalls sei das im Grunde nicht möglich.

Niederschmetternd sind auch die Studienergebnisse, die sich explizit auf die erzielten Lernfortschritte beziehen. Die Frage, ob es einen leistungssteigernden Effekt hat, wenn die Schülerinnen und Schüler über den Unterricht hinaus noch mit Arbeitsaufgaben belastet werden, stand auch vor über 100 Jahren im Fokus der Schulpraktiker und -theoretiker.

So bemängelte schon Friedrich Schmidt 1904 in seinen „Experimentellen Untersuchungen über die Hausaufgaben des Schulkindes" das Fehlen eines „zuverlässigen Nachweises hinsichtlich der Qualität der Hausaufgaben, die doch allein ihren Wert begründen könnte"53.

Auch wenn Schmidts Untersuchung in zwei Volksschulklassen heutigen wissenschaftlichen Kriterien nicht genügt und eher als exemplarische Beobachtung bezeichnet werden muss, griff sie doch eine damals schon engagiert geführte Debatte auf.

Der Autor untersuchte die Anzahl und Qualität von Fehlern in Arbeiten von Schülerinnen und Schülern daraufhin, ob diese Arbeiten in der Schule oder zu Hause erledigt worden waren. Die beiden Aufgaben - eine mathematische und ein Deutschaufsatz - wurden von den Schülern einmal zu Hause, einmal im Unterricht erledigt.

„Schmidt konnte kein eindeutiges Ergebnis ausmachen: Während die Rechen- und Abschreibarbeiten bei der Mehrzahl der SchülerInnen weniger Fehler aufwiesen, wenn sie in der Schule angefertigt wurden, beurteilte Schmidt die Güte (Inhalt und Form) von Aufsätzen höher, wenn sie zuhause erstellt worden waren", schreibt Ilse Nilshon über die Ergebnisse.

Die schon im ersten Kapitel kurz skizzierte Untersuchung von Bernhard Wittmann mit dem Titel „Vom Sinn und Unsinn der Hausaufgaben" von 1964 ist für Nilshon „Meilenstein und zugleich Prototyp der deutschen empirischen Hausaufgabenforschung".

Auch Wittmann untersuchte die Leistungen im Rechnen und Schreiben, er hatte insgesamt 362 Schülerinnen und Schüler aus drei dritten und drei siebten Klassen über mehrere Monate hinweg zum Teil mit, zum Teil ohne Hausaufgaben lernen lassen.

Seine Ergebnisse bei den älteren Schülern waren nicht eindeutig, bei den Drittklässlern dagegen schon: „Zusammengefasst ergibt sich, dass bei der Messung der Rechen- und Rechtschreibleistungen am Ende der viermonatigen Experimentalperiode keine signifikanten Unterschiede vorliegen, also auch keine Wirksamkeit der Hausaufgaben behauptet werden kann".

Spätere Untersuchungen bestätigten den Befund immer wieder, eine leistungsstärkende Wirkung von Hausaufgaben ließ sich nicht nachweisen.

Hausaufgaben als fragwürdiges selbstreguliertes Lernen

Den flächenmäßig größten Versuch mit einer Schule ohne Hausaufgaben gab es allerdings nicht in Deutschland, sondern in der Schweiz. Dort waren - im ersten Kapitel wurde darüber berichtet - ab dem Schuljahr 1993/1994 im Kanton Schwyz vorübergehend die Hausaufgaben abgeschafft und in den Schulalltag integriert worden. Die Erziehungswissenschaftlerin Franziska Bischof nutzte das zu einem Vergleich.

Sie untersuchte, wie sich die Leistungen der Schülerinnen und Schüler im Kanton Schwyz verglichen mit denen im Kanton Zug entwickelten, wo weiterhin traditionell Hausaufgaben aufgegeben wurden.

43 Schulklassen der Jahrgangsstufen vier und sechs nahm sie dafür unter die Lupe. Die Schüler mussten mehrmals einen Mathematiktest absolvieren und außerdem einen Fragebogen zu ihrem Umgang mit Hausaufgaben ausfüllen.

Auch Franziska Bischof kam zu einem eindeutigen Befund: „Die Ergebnisse legen nahe, die Integration der Hausaufgaben in den Unterricht zu befürworten, da sich im Leistungsbereich keine Auswirkungen ergaben".

Und noch ein anderes Ergebnis bestärke sie in ihrer Forderung nach Abschaffung der häuslichen Aufgabenpflicht: Die Schülerinnen und Schüler im hausaufgabenfreien Kanton Schwyz würden „deutlich lieber zur Schule gehen, als die gleichaltrigen im Vergleichskanton".

Nutzen von Hausaufgaben nicht bestätigt

Ungeachtet dessen, dass der Nutzen von Hausaufgaben trotz zahlreicher Anläufe bisher nicht wissenschaftlich bestätigt werden konnte, halten dennoch viele Schulforscher und Erziehungswissenschaftler am Dogma der Aufgabenerteilung für die Zeit der außerschulischen Freizeit fest.

So beispielsweise Ulrich Trautwein und Oliver Lüdtke, die in einem neueren Aufsatz feststellen: „Das selbstregulierte Lernen stellt dabei nicht nur Mittel zur positiven Leistungsentwicklung dar; vielmehr soll auch das selbstregulierte Lernen gelernt werden.

In der Hausaufgabensituation begegnen die Schülerinnen und Schüler meist bereits in der Grundschule den Anforderungen einer selbstregulativen Beschäftigung mit Lerninhalten; die Hausaufgabenerledigung ist in gewissem Sinne eine frühe Manifestation selbstregulativer Beschäftigung mit Lernstoff, die in modernen Gesellschaften zunehmend als Teil des lebenslangen Lernens gefordert wird.

Was mit und an den Hausaufgaben gelernt werden soll, ist also eine wichtige überfachliche Kompetenz, bei deren Förderung - ähnlich wie im Falle der sozialen, emotionalen und kommunikativen Kompetenzen - regelmäßig Defizitdiagnosen gestellt werden." Das klingt, mit Verlaub, ziemlich nach einem argumentativen Zirkelschluss ohne echte pädagogische Basis:

Durch selbstreguliertes Lernen soll selbstreguliertes Lernen gelernt werden - und zwar dadurch, dass den Kindern immer wieder ihr Nichtkönnen, ihre Defizite vor Augen geführt werden. Und indem das alles zu einer „wichtigen überfachlichen Kompetenz" erklärt wird, kehrt man die Fragen nach dem Sinn und der Relevanz für den schulischen Lernprozess einfach unter den Tisch.

Ansatzweise erahnen das wohl die auch die Autoren, wenn sie im Weiteren schreiben, es sei naiv zu glauben, „dass Fähigkeiten der Selbstregulation automatisch als Nebenprodukt der Hausaufgabenvergabe durch die Lehrkräfte abfallen".

Auch seien elterliche Hilfsmaßnahmen bei den Hausaufgaben nicht unbedingt und in jedem Fall hilfreich. Insgesamt, so Trautwein und Lüdtke, sei die Kritik berechtigt, „dass das Potenzial der Hausaufgaben als Instrument der Förderung von Selbstregulation suboptimal genutzt wird".

Doch daraus ziehen sie nicht etwa die naheliegende Konsequenz, eine Abschaffung der Hausaufgaben und eine Integration der mit ihnen verfolgten Lehrziele in die Schule zu fordern, sondern hoffen auf Verbesserung.

Mit einer besseren Organisation von Hausaufgaben und einer Systematisierung der mit ihnen verbundenen Ziele lasse sich das Potenzial der Hausaufgaben viel besser nutzen. Eine Hoffnung, die angesichts der bisherigen Untersuchungen zu und den Erfahrungen mit Hausaufgaben doch wohl illusorisch ist.

Weder das Wissen noch die Selbstwirksamkeit wird erhöht

Betrachtet man die vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Hausaufgaben zusammenfassend, so kommt man zu zwei Feststellungen: Von einer systematischen Steigerung von Leistung oder Wissen durch die Erledigung von Hausaufgaben kann nicht die Rede sein. Und: Die real zu beobachtende Hausaufgabenpraxis in den Schulen entspricht nur äußerst selten dem damit verbundenen Anspruch, Schlüsselqualifikationen zu vermitteln.

Im Gegenteil: Selbstwirksamkeitserfahrungen, Motivationssteigerungen, Selbststrukturierung bleiben in aller Regel auf der Strecke. Allerhöchste Zeit also, sich mit anderen Konzepten des eigenständigen Lernens zu befassen und ein pädagogisch unbegründetes Dogma, dass irgendwie schon immer gehen, Schule und Unterricht so zu gestalten, dass eigenständiges Lernen dort produktiv und in pädagogischer Begleitung stattfinden kann - zum Nutzen der Schüler und Lehrer gleichermaßen.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Hausaufgaben - Nein Danke!"

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hep-Verlag

ISBN 978-3-03822-017-6

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