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21/04/2016 12:01 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 07:12 CEST

Lebender Biokompost oder Mensch mit Würde?

Ein Mitglied meiner Kirche hat mir diesen Text zukommen lassen mit der Gestattung ihn zu veröffentlichen. Ich habe mir die Freiheit genommen, ihn etwas zu adaptieren, doch dem Autor gebührt Dank für seine philosophischen Gedanken, die weit über das hinausgehen, was üblicherweise im weltanschaulicheh Kontext besprochen wird. Es geht um die Frage: Was ist die Seele?

Gibt es sie wirklich, und wenn ja, wo befindet sie sich? Diese Fragen stellen sich die Menschen, Gelehrte wie auch Gläubige, schon seit je her. Die Idee einer Seele jenseits von Körper und Materie ist schwer fassbar und kaum jemals beweisbar. Glaube heißt deswegen auch Glaube und nicht Wissen. Wer damit ein Problem hat, dem steht es frei, als Atheist glücklich zu werden und in Sachen Transzendenz zu schweigen.

Ganze Religionen haben es sich zum Ziel gemacht, die Seelen ihrer Gläubigen zu umsorgen. Auch Psychologen werden im Volksmund nicht nur zufällig Seelenklempner genannt. Manche Menschen aber sind überzeugt, dass die Seele nicht existiert. Danach wären wir logischerweise alle aus dem Nichts entstandene Bioroboter und jede Moral wäre überflüssig. Denn wo es keine Transzendenz gibt, da wird Moral entbehrlich.

Denn es würde in diesem Fall angesicht eines Milliarden Jahre alten Universums überhaupt keinen Unterschied machen, ob jemand 10 oder 100 Jahre lebt. Und wenn alles sich am Ende nur in Biomasse auflöst, gibt es theoretisch auch keinen Grund, dem Nachbarn nichts anzutun. Wenn Atheisten von Moral sprechen, machen sie sich also im Wesentlichen lächerlich. Ohne Transzendenz besteht kein Bedarf an Moral. So einfach ist das. Jedem steht frei diesen Weg zu gehen, er sollte dann aber auch seinen Mund halten, wenn es um Moral und Transzendenz geht. Ansonsten ist er so ernst zu nehmen wie ein Veganer, der über die perfekte Zubereitung eine Steak Tatar schwadroniert.

Manche Wissenschaftler sehen im Urknall und der Evolution alle Antworten. Aber was war vor dem Urknall? Vor der ersten lebenden Zelle, aus der sich dann evolutionär der Mensch entwickelt hat? Die Evolution erklärt die Entwicklung der Arten. Sie hat aber keine zufriedenstellende Antwort darauf, was ganz am Anfang war. Einige Menschen glauben, dass die Vorstellung einer Seele auf Erfahrungen in Trance und in Träumen zurückgeht, auf spirituelle Reisen; in denen die Seele den Körper verlässt.

Von steinzeitlichen Stämmen könnte das Konzept der Seele dann ins antike Griechenland gekommen sein. Aber so genau weiß es keiner. Für die antiken Griechen war die Seele eine von den olympischen Göttern eingehauchte Lebensenergie. Sie glaubten an einen "Seelenstoff", der die Seele mit dem Kosmos verbindet, ähnlich wie das Chi (Qi) der Asiaten. Heraklit sprach vom "Funken der Sterne" und Platon war überzeugt von der Existenz einer unsterblichen Seele. Beweisen konnte auch er es nicht, natürlich nicht. "Glaube", nicht "Wissen" - schon vergessen?

Die Naturwissenschaften, die seit der Periode der "Aufklärung" stark wurden, veränderten vieles. Sie verabschiedeten sich von der Vorstellung, dass Mensch und Kosmos mystisch zusammenhängen. Die Naturwissenschaften trennten Körper und Seele, beanspruchten die Deutung der Welt für sich. Sie schoben die "Seele" als fantastisches Konzept den Religionen zu. Der Philosoph Rene Descartes schrieb dann jedoch, dass die Seele ein "denkendes Ding" sei, welches unabhängig vom Körper existiert.

Viele moderne Wissenschaftler lehnen diese Sicht Descartes' ab und verneinen die Existenz einer Seele. Sie meinen, es gäbe keinen Geist und wir Menschen wären nur biologische Maschinen. Sie glauben, dies sei eine Antwort auf die großen Fragen der Existenz. Sie gehen davon aus, dass das Universum, das Leben und der Mensch von selbst aus dem völligen Nichts entstanden sind. Doch der Volksmund sagt: "Von nichts kommt nichts". Manchmal ist der Volksmund weise, in diesem Fall mit Sicherheit.

Ohne Frage: Die moderne Naturwissenschaft ist großartig, absolut unentbehrlich. Sie hat allerdings teilweise eine krankhafte Angewohnheit entwickelt, sich in Themen einzumischen, die sie nichts angehen. Namentlich die Fragen der Transzendenz. Findet die Physik ein neues Teilchen, wird oft so getan, als könne man die Existenz der Welt als solche erklären. Auch die Medizin hat manche segensreichen Fortschritte gemacht und Physik wie Chemie verstehen immer besser die Regeln und Muster der Natur. Aber wer hat sie festgelegt? Wer hat die Regeln der Natur programmiert?

Auf einmal wird es schwer mit den Antworten, manche Naturwissenschaftler versuchen es trotzdem. Diese sind dann aus dem Blickwinkel des Theologen so etwas wie armselige Figuren in einem Computerspiel. Sie sitzen da als Spielfiguren und meinen, sie könnten ihre Welt erklären, weil sie ihre Regeln zunehmend durchschauen. Aber dass sie eigentlich in einem Computerspiel leben, das ahnen sie nicht einmal. Manche ärgern sich über eine solche Haltung. Mir persönlich ist das egal, aber ich kann mir nicht verkneifen darüber zu lachen, wenn ich daran denke, was wohl passiert, wenn diese Leute nach ihrem unvermeidlichen Ableben merken, dass sie noch da sind.

Auch die moderne Hirnforschung kann bis zum heutigen Tag nicht wirklich erklären, was das Bewusstsein und die Seele ist. Man diskutiert das Bewusstsein als eigenständige Entität und die Seele dennoch gerne weg, denn sie stören das kleine feine naturwissenschaftliche Weltbild. Als Mann des Glaubens finde ich eine solche Sicht gar nicht schlimm, sondern einfach nur albern. Jeder möge auf seine Weise glücklich werden, kein Problem.

Wer unbedingt glauben will, er sei ein aus dem Nichts entstandener Bioroboter, der kann dies gerne so handhaben. Ich werde einem solchen Menschen aber sicher nicht die Hand halten, wenn er im Sterben liegt und Trost sucht. Denn wenn er ohnehin nur Biomasse ist und seine Gefühle "Abgase" biochemischer Vorgänge im Gehirn, dann ist auch sein Leid irrelevant. Oder?

Der Autor ist der theologische Leiter der liberalen Christian Universal Life Church und der Artikel eine Adaption des Textes eines Kirchenmitglieds.

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