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18/12/2015 05:50 CET | Aktualisiert 18/12/2016 06:12 CET

Ist Weihnachten nur ein Gefühl?

maximkabb via Getty Images

Weihnachten steht an, das Fest der Liebe, der Geschenke, der Mitmenschlichkeit und Freundlichkeit, der Willkommenskultur, wie man heute gerne sagt. Schon lange erleuchtet Weihnachtsschmuck unsere Städte und die Kaufhäuser sind voll von Weihnachtsmännern, Engeln, Adventskalendern, auch solchen, die gar nicht an Weihnachten erinnern.

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Der Lichterglanz ist da, aber die Botschaft der Heiligen Nacht ist verhallt. "Bitte lesen Sie uns etwas Schönes, Erbauliches, aber bitte nichts Religiöses vor", bat man mich für eine Adventsfeier. Also Santa Claus statt Messias, schon klar... Man wundert sich, was in den Köpfen der Menschen vor sich geht.

Jeder Mensch hat das Recht nicht zu glauben und so mancher aufrechte Atheist ist mir da inzwischen lieber als ein Glaubensheuchler - aber das allgemeine Sichbreitmachen gegen alles was Glaube ist, das ist schon bedenklich.

Vor allem die um sich greifende Ahnungslosigkeit der Menschen, die z.B. so simple Dinge nicht wissen, wie etwa dass ein freikirchlicher Pastor nicht dem Papst untersteht. Mit diesen „Basics" beginnt das religiöse Gaga-Land und reiht dann eine Unsäglichkeit an die nächste.

Weihnachten für Anfänger


Also machen wir es jetzt mal ganz einfach à la Malen nach Zahlen: Gott entschied sich vor etwa 2015 Jahren einmal selbst Mensch zu sein, also in seine eigene Schöpfung zu inkarnieren. Meistens kommt an dieser Stelle die idiotische Frage, wie das gehen kann, weil ja dann der Himmel unbesetzt sei.

Der durchschnittliche Pastor möchte an dieser Stelle wahlweise schreien oder heulen. Denn, natürlich kann Gott an mehreren Stellen gleichzeitig sein, denn er ist ohnehin überall. Wir haben es mit einer infiniten Entität zu tun, oder - um es wieder verständlicher zu sagen - ja, Gott kann das.

Akzeptiere es und lebe damit. So kam er also inkarniert als Mensch auf die Welt, wurde Jesus genannt und war der Messias. Nein, kein Prophet, denn das sind Menschen, die vermeintliche göttliche Anweisungen channeln - oder schlicht ein Fall für den Psychiater sind, man weiß das ja generell nie so genau; also vergessen wir das mal ganz schnell wieder.

Zurück zu Jesus: dessen Körper war also menschlich, doch statt einer menschlichen Seele war da Gott höchstpersönlich. Und er wollte den Menschen zeigen, wie das so geht mit dem Leben, der Liebe und dem ganzen irdischen Geschehen.

Letztendlich ging es für ihn insofern etwas unglücklich aus, als dass er am Kreuz hingerichtet wurde. Doch das war Teil seines Plans, wie wir Christen glauben, denn er wollte "das ganze Bild" des Menschseins erfahren, um dann mit seiner Wiederauferstehung zu zeigen: Leute, ihr seid auf dem Holzweg.

So starb also der in einen Menschen inkarnierte Gott am Machthunger, der Ignoranz und der allgemeinen Dummheit der Menschen. Muss eine interessante Erfahrung gewesen sein für den Schöpfer des Ganzen.

Gott geht es genau darum!


Doch genau darum geht es. Um Erfahrung. Gott hat diese Welt der Kreativität erschaffen, um Erfahrungen zu sammeln. Mit uns, durch uns und dank uns. Darum geht es, gerade an Weihnachten - das Fest, an dem wir feiern, dass der Chefprogrammierer unserer netten kleinen Matrix sich in einen Avatar hineinbegeben hat, um uns zu lehren: schaut her, ich bin auch ein Lernender.

Eigentlich müssten Computer-Nerds angesichts dieser Sachlage aus dem Häuschen sein. Aber leider kapieren das die meisten nicht. Aber wir schweifen ab... Weil all dies so ist, sind diese ganzen Lob und Liebe Weihnachtstraditionen ziemlicher Schnickschnack, hübsch aber null religiös.

Ein reich gedeckter Gabentisch schafft weder Frieden noch Liebe. Im Gegenteil: Wie leicht entstehen Missverständnisse, weil sich jemand übergangen fühlt, weil ein anderer vielleicht mehr bekommen hat. Wie leicht geschieht das bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen! Ich habe mehr verdient! Ein anderer bekam das Lob und ich ging leer aus.

Das kennen wir alle, denn es geschieht jeden Tag, am Arbeitsplatz, in der Schule, aber auch zu Hause. Gerade dort übersehen wir so leicht die Mühen, die jemand hat, den Haushalt zu führen, Kinder zu erziehen und für alles zu sorgen.

Vielmehr sollten wir uns an Weihnachten daran erinnern, dass Gott existiert. Dass er sogar einer von uns geworden ist, was alles andere als ein Vergnügungstrip für ihn war."Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet, denn das Maß, mit dem ihr messet, wird auch euch als Maß zu teil", mahnte er damals als Mensch Jesus. (Die Bibel, Markus 4:24)

Immer dieses Glück hier und Erfolg da...!


Gott selbst wählte diesen ungewöhnlichen Weg in das menschliche Leben hinein, um selbst direkt unter uns zu sein. Um das Leben voll und in Gänze zu erfahren, in allen seinen Farben - und nicht um Urlaub am Roten Meer zu machen oder nach immerwährender Glückseligkeit zu streben.

Aber in der heutigen Welt scheuen wir uns davor so unmittelbar zu leben. Unsere Welt ist kalt und gefühllos geworden. Trotzdem oder gerade deswegen werden im Fernsehen so oft Geschichten gezeigt, in denen Menschen „glücklich" sind. Diese Bilder sollen in uns Emotionen wecken, denn es tut gut, Emotionen zu fühlen: glücklich zu sein, auch Schmerz zu empfinden, Mitleid oder Freude. Aber das sind Gefühle aus zweiter Hand und damit nicht unsere Gefühle.

Mag sein, dass wir angesprochen werden, dass wir Leid und Glück mitempfinden können, aber viel wichtiger ist es, auch selber Gefühle haben zu dürfen. Wenn wir Mensch bleiben wollen, müssen wir zurückkehren zu unserem eigentlichen Sein.

Wir sind Menschen mit Gefühlen, wie Hunger, Durst, aber auch Sehnsucht nach Liebe und Nähe und Geborgenheit. Wenn wir uns dafür öffnen, verstehen wir die Geheimnisse Gottes besser und können seine wunderbare, stärkende Nähe erfahren. Lassen wir doch einfach einmal Gefühle zu - nie ist man näher an Gott als in diesem Moment.

Reverend Armin Elias ist der theologische Leiter der Universal Life Church Deutschland.

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