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10/04/2015 06:21 CEST | Aktualisiert 10/06/2015 07:12 CEST

Vielfalt statt Einfalt, Haltung statt Herkunft - für dein Wohl, mein Deutschland

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Manifest der Vielfalt - Das deutsche Bundesverfassungsgericht entschied jüngst zugunsten Kopftuch tragender Lehrerinnen, indem es das pauschale Kopftuchverbot kippte. Damit holte es jahrelange Versäumnisse nach und ebnete erste Schritte zur Wiedergutmachung erlebter Diskriminierung.

Ein Schritt, der für angehende Lehrerinnen und solche, die davon träumen, eines Tages welche zu sein, einen Lichtblick nach Jahren schärfster gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse am Körper der muslimischen Frau darstellt.

Die Zeit war nämlich schon längst überfällig, die Maschinerie an institutioneller Diskriminierung gegenüber Kopftuch tragenden Frauen zu stoppen, die zahlreiche Träume von sozialer Partizipation platzen ließ.

Neues Deutschlandbild der jungen Deutschen

Für Viele mag es noch unverständlich und befremdlich sein, doch ist für einen großen Teil der jungen Menschen in Deutschland die Kopftuch tragende Frau schon längst ein selbstverständlicher Teil des Alltags. Immer mehr junge Menschen führen einen transnationalen Lebensstil und sind geprägt von hybriden Identitäten. Ihre Lebenswirklichkeit ist stark durch Heterogenität in der Gesellschaft und Migration bestimmt, ihre Vorstellung vom Deutschsein ist eine andere, als die vieler älterer Mitbürger.

Dass dies keine nur angenommene These ist, bestätigt die im März dieses Jahres veröffentlichte repräsentative Studie „Deutschland postmigrantisch II - Einstellungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Gesellschaft, Religion und Identität", der Forschungsgruppe JUNITED (Junge Islambezogene Themen in Deutschland) an der Humboldt-Universität Berlin.

Ihr zufolge sehen 71 % der 16- bis 25-jährigen das Kopftuch an einer Lehrerin als ein ihr zustehendes Recht an, während es bei den über 25-jährigen mit lediglich 45 % beachtlich weniger sind.

Auch anhand anderer Fragestellungen zu Muslimen kristallisiert sich heraus, was viele junge Erwachsene schon ahnten: Die Bereitschaft, Muslimen Mitbestimmungsrechte und Anerkennung entgegenzubringen, ist bei jungen Menschen höher als bei älteren, ebenso das Wissen über den Islam und die Muslime.

Während beispielsweise 86 % der 16- bis 25-jährigen es als ein gutes Recht ansehen, dass Muslime Forderungen stellen, sind es bei den über 25-jährigen 21 % weniger. Außerdem lehnen 55 % der jüngeren Befragten ein religiöses Beschneidungsverbot ab, das in die traditionelle Glaubenspraxis von Juden und Muslimen eingreifen würde. Bei der älteren Befragtengruppe dagegen tun dies nur 31 %.

Vor uns jungen Menschen steht noch viel überzeugende, aufklärerische und Wogen glättende Arbeit an der Anerkennung der Muslime als einen gleichwertigen Teils, dem dieselben Partizipationsmöglichkeiten offen stehen müssen wie allen anderen auch.

Denn trotz hoffnungsvoller Resultate zeichnen sich nicht nur bei älteren Menschen, sondern auch bei manchen jungen Erwachsenen, nicht zu verharmlosende Tendenzen ab, sich einer Gleichwertigkeit der Muslime zu verweigern.

Buntes Deutschland

Das Bild des Deutschen ist ein neues. Deutschland ist in allen Facetten bunter geworden. Darunter auch im Hinblick auf die Bekleidungsformen, die in diesem Land anzutreffen sind. Einige Kleidungsvorschriften der Ursprungsländer, aus dem die Großeltern und Eltern der heutigen Deutschen stammen, haben sich weitestgehend authentisch erhalten. Andere dagegen gingen mit nahen wie mit fernen Kulturkreisen Symbiosen ein.

Letzten Endes sind aus der Konfrontation mit Vielfalt und anderen Vorstellungen von Bekleidung neue stoffliche Ausdrücke von Identität generiert worden. So unterschiedlich auch all die Produkte sind und so unterschiedlich sie von den Menschen empfunden werden, haben sie eines gemeinsam: Sie sind alle „made in Germany" und gelebte Realität des demographischen Wandels.

Die von geometrischen Blumenmustern durchzogenen Turban-Kreationen und modern interpretierten, aber dennoch der Tradition treu gebliebenen Kleider ghanaischer und nigerianischer Frauen, die Sonntags Kirchen in Deutschlands Städten besuchen; die Turbane der Sikhs; die Ordenstracht der Nonnen; die jüdische Kippa; der keinem bestimmten Werte- und Ordnungssystem zuzuordnende Bleistiftrock der Hindus, Musliminnen oder Atheistinnen, als auch das Kopftuch, ob als Khimar bis zur Hüfte bedeckend oder expressiv gebundener Turban getragen, gehören genauso wie seine Trägerinnen und Träger zu Deutschland.

Trotz der unverkennbaren Sichtbarkeit von Heterogenität und den tagtäglich wachsenden Begegnungsräumen mit Kopftuch tragenden Musliminnen, bilden diese zusammen mit den Sinti und den Roma und mit Asylbewerbern die Bevölkerungsgruppe, die am meisten Ressentiments und Schuldzuschreibungen ausgesetzt ist.

Projektionsfläche Kopftuch

Buchstäblich über die Köpfe der Trägerinnen hinweg wird das Kopftuch in öffentlichen Diskursen immer noch oft zu einem Symbol für Unterdrückung, Rückständigkeit und religiösen Extremismus deklariert. Es wird auch, womöglich durch mehr oder weniger bewusste Rückgriffe auf historisch überlieferte Orientbilder als ein Sinnbild für Verführung, im Zaun gehaltene Weiblichkeit und als eine die Frau einschränkende Reaktion auf die zügellose Sexualität des muslimischen Mannes verstanden.

Auf Pressefotos oft von hinten oder mit verschleiertem Gesicht abgebildet, sind Kopftuchträgerinnen in den Köpfen vieler Deutscher das, was Der Spiegel auf dem Cover einer Ausgabe ausdrücklich als „Allahs rechtlose Töchter" (47/2004) bezeichnete - eine Überschrift, der mit einer schwarzen, gesichtslosen Frauensilhouette wohl besonderer Nachdruck verliehen werden sollte und umgekehrt.

Dass laut der Studie „Deutschland postmigrantisch I" 38 % der Deutschen das Kopftuchtragen als unvereinbar mit dem Deutschsein ansehen (Humboldt-Universität zu Berlin, 2014), kann u.a. vor dem Hintergrund der überwiegend negativen und oftmals mit Terrorismus und Auslandskonflikten in Verbindung gebrachten Berichterstattung über den Islam nicht verwundern. Verschiedenen Studien zufolge bewegt sich der Anteil der negativen Berichte über den Islam im 80 %-Bereich (Universität Erfurt, 2007 und Media Tenor, 2014).

Entgegen den gängigen Ressentiments, aber auch entgegen den historischen Zuständen geben die Trägerinnen in Deutschland selbst andere Motive an.

Nach einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem Jahre 2006 tragen es 97 % der Trägerinnen, da sie es schlichtweg als eine religiöse Pflicht ansehen.

Dass das Kopftuch nicht in jedem Kontext und von allen Trägerinnen ausschließlich als Befolgung eines göttlichen Gebots verstanden wurde, lässt sich am Beispiel des vorkommunistischen Bosniens und der Herzegowina veranschaulichen.

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts diente das Kopftuch dort neben der religiösen Komponente u.a. als Unterscheidungsmerkmal für innerislamische Klassenzugehörigkeit. Das Kopftuch wurde vor allem von Frauen in dörflichen Gegenden oder in niedrigeren sozialen Schichten getragen.

Gesichtsschleier genoss Prestige

Es unterschied sich deutlich von der in den Städten üblichen Gesichtsverschleierung der Frauen, vor allem solcher aus den höher gestellten sozialen Schichten. Diese wandten die Gesichtsverschleierung als Erkennungs- und Zugehörigkeitssymbol an, um kenntlich zu machen, dass sie zur städtischen Elite gehören bzw. edler Abstammung sind. Gesichtsschleier genoss Prestige und zeugte, anders als das Kopftuch, von gesellschaftlichen Privilegien.

Im deutschen Kontext bezeichnen manche Trägerinnen das Aufsetzen des Kopftuches als eine weitere Stufe theologischer Reflexion und als konsequente Befolgung des göttlichen Willens. Für Manche ist es auch ein Signal an die Außenwelt, nicht über den sexualisierten Körper definiert werden zu wollen, und durch eine gezielte Desexualisierung des Äußeren zu einer gleichheitsfördernden Objektivierung von Gesprächen zwischen Mann und Frau beizutragen.

„Ach wirklich, klingt doch gar nicht so schlimm, wie ich immer dachte!" - so des Öfteren die Reaktionen nach einem aufklärerischen Gespräch. Wer sich die Mühe macht, Frauen persönlich zu ihrem Umgang mit der Bedeckung ihres Haares zu befragen, wird sich genauso wundern wie etwa manche Muslime wenn sie erfahren, dass männliche Sikhs ihr Haar aus Respekt gegenüber Gottes Schöpfung in einen Turban wickeln und nicht schneiden.

Deutschland, die Zeit ist schon längst überfällig, dass du uns ein reales Bild über die Menschen in diesem Land lieferst. Der Spiegel, Focus, Cicero und Co. zeigt uns endlich mal die Gesichter und Persönlichkeiten jener stets amorph anmutenden Kopftuch tragenden Covergirls, anstatt uns ständig den Hinterkopf ausgerechnet derjenigen vorzuhalten, über die so laut und kontrovers geredet wird.

Bringt uns die unzureichend von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommenen Erfolgsgeschichten näher, wie etwa von Kopftuch tragenden Professorinnen und Dozentinnen wie z.B. Prof. Dr. Lejla Demiri, Dr. Ayşe Başol und Jasmin Ulfat, von Künstlerinnen wie Tasnim Baghdadi, Seren Başoğul, Soufeina Hamed, von Journalistinnen und Bloggerinnen wie Kübra Gümüşay (laut Medium Migazin unter den TOP 30 bis 30, der vielversprechendsten Journalisten) und Betül Ulusoy, von denen letztgenannte auch als Juristin im Berliner Landesgericht arbeitet.

Und um mit dem Klischee der unemanzipierten, von weltweiten Trends evakuierten Kopftuchträgerin zu brechen, zeigt uns Mode-Designerinnen wie Ayşe Kiliç und Neslihan Kapucu. Letztgenannte lehrt übrigens mit Kopftuch am Fashion Design Institut in Düsseldorf.

Stellt euren Nachbarn und Mitbürgern Fragen, anstatt jeder neuen Fremdzuschreibung sofort Glauben zu schenken. „Alle Deutschen sind irgendwo Nazis.", ein Vorurteil, das man in Großbritannien oft hört ist ja schließlich auch nur eben das - ein weitverbreitetes Vorurteil.

Ich wünsche mir, Deutschland, dass du erkennst, dass das Schwarz-Weiß-Denken keine Lösung ist und dass Äußerlichkeiten unserer Miteinander nicht bestimmen sollten.

Deklariere bitte nicht einen blauen, um den Kopf gebundenen, 50 Gramm schweren Schal zum „gefährdenden" Symbol, so wie du es auch nicht machst, wenn er um den Hals oder die Schultern gebunden oder als Rock getragen wird.

Frage, sei kritisch und vor allem weltoffen.

Vielfalt statt Einfalt, Haltung statt Herkunft - für dein Wohl, mein Deutschland.


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