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15/03/2016 16:27 CET | Aktualisiert 16/03/2017 06:12 CET

"Aus der Haut" - gefahren

Wie ungewöhnlich, die ARD bringt am 9. März zur Hauptsendezeit einen Schwulenfilm - "Aus der Haut". Und das Resultat: Ein einziges Fiasko. Von Heteros geschrieben, inszeniert und gespielt. Der Hauptdarsteller ein absoluter Hetero-Typ, damit das arme ARD-Publikum niemand mit einem auch nur leicht schwulen Habitus verkraften muss. Schwache Leistung - ganz abgesehen, dass er erkennbar fünf Jahre älter war als seine Filmfigur.

Was dann kommt ist lähmende Langatmigkeit unterbrochen von Exzessen, in selbstmörderischer Absicht wird das Auto seines Vaters zu Schrott gefahren, alles in benebeltem Zustand. Es ist ohnehin schon aus der Zeit gefallen, dass ein 18jähriger mit Alibi-Freundin und langweiligem Hetero-beste-Freund erst weiß, was er wirklich ist; die Geschlechtsreife tritt viel früher ein. Bis das Ganze verarbeitet wird, kommt es ständig zu Selbstaggression und psychopathischen Anfällen - man ist wie vor den Kopf gestoßen: Wieso das alles, er ist 18 und mündig und muss seine Eltern nicht um Akzeptanz anflehen.

Eine gefühlte Stunde lang kommt das Wort "schwul" gar nicht vor und dann kommen absehbare, erbärmlich dürftige Szenen - Mobbing in der Schule - aber das passiert doch dauernd, ganz abgesehen von der Sexualität, Abhärtung und Gegenaktionen sind angesagt; wenn die Mitschüler schon über 18 ist kann man sie wegen Beleidigung auch anzeigen. Die anfänglich empathischen, stetig angespannten Eltern, "warum kann unser Sohn nicht ganz normal sein" - ja so "normal" wie ein Massenmörder vielleicht, Hauptsache hetero? Dieses Filmchen bediente das Klischee Ewiggestriger, wenn man sich "outet" muss man suizidgefährdet, selbstaggressiv, besoffen sein. Ich kenne durch gemeinnützige Arbeit in einer Gay-Organisation viele "Schwellen"-Schwule; neulich eröffnete mir ein 17jähriger (vom Land), er hätte seinen Freund zum Kaffee eingeladen und geküsst; die Eltern applaudierten.

Ich hab in den 60er und 70er jahren schon Filme von Praunheim und Fassbinder gesehen, sie waren x-mal fortschrittlicher. Hier wurde gezeigt, dass coming-out offenbar nur mit unglaublichen Krisen und psychopathischen Wutausbrüchen einhergeht. Mensch wir leben 2016 und es gibt etwa 4 Millionen Schwule hir zu Land, Obama leuchtet das Weiße Haus mit Regenbogenfarben aus - das ist doch keine abstoßende ansteckende Krankheit. Verklemmter und rückwärtsgewandter geht es nicht. Es gibt Ansprechstellen, das Internet; man kann sich Hilfe holen, wenn man tatsächlich noch solche vorsintflulichen Outing-Ängste hat. Die Firma "degeto" hat jedenfalls wieder mal ihre Erbärmlichkeit bewiesen.