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28/09/2015 12:54 CEST | Aktualisiert 28/09/2016 07:12 CEST

Ein unbenanntes Gedicht

Deux via Getty Images

Dieses Gedicht erschien ursprünglich bei Glasnost.

Als ich sechs Jahre alt war, gab ich meinen ersten Blowjob.

"Das ist ein Spiel", sagte Er. "Willst du etwa nicht spielen?"

Er war zu groß und ich übergab mich auf ihn.

Er sagte, nächstes Mal würde ich es besser machen.

Als ich sieben Jahre alt war, sah ich einer Gruppe anderer Zweitklässler dabei zu,

wie sie einen Jungen anfeuerten, der versuchte mich zu küssen.

Er umarmte mich von hinten, kicherte die ganze Zeit.

Ich warf ihm Sand in die Augen und wurde zum Direktor gerufen.

Als ich acht Jahre alt war, bat mich ein älterer Lehrer, nach dem Unterricht zu warten. Er

trug mich auf den Schultern und nannte mich hübsch.

"Lehrerliebling!" erklärten meine Freunde, mit sichtbarem Neid in ihren Gesichtern.

An diesem Tag ignorierten sie mich beim Mittagessen.

Als ich neun Jahre alt war, sagte mir ein größeres Mädchen im Schulbus, dass ich meinen Rock hochheben sollte. Sie war hübsch und nett und sagte, ich könnte ihre Freundin sein, wenn ich mache, was sie sagt.

Ich wollte ihre Freundin sein.

Als ich zehn Jahre alt war, verlangte ein Verwandter, dass ich ihn jedes Mal auf die Backe küsste, wenn wir uns sahen. Er war riesig und laut und ich versteckte mich unterm Bett, wenn ich hörte, dass er kommen würde.

Ich wurde als unhöfliches Kind bezeichnet.

Als ich elf Jahre alt war, sagte mir mein Auto-Man, dass er mich nur gehen lasse, wenn ich ihm jeden Tag eine Umarmung gab.

Er roch nach billiger Seife und Zigaretten.

Als ich zwölf Jahre alt war, sah ich, wie ein Mann auf der Straße im Vorbeigehen meiner Mutter an den Busen fasste. Sie verpasste ihm eine Ohrfeige vor den schockierten Augen der Passanten, die ihr sagten, sie sollte sich beruhigen.

Sie beruhigte sich nicht.

Als ich dreizehn Jahre alt war, sah ich beim Verlassen eines Restaurants, wie ein Mann masturbierte, während er auf mich zu lief. Als er an mir vorbei ging, zwinkerte er lüstern.

Meine Freundin und ich senkten den Blick, fassungslos.

Als ich vierzehn war, folgte mir ein junger Mann in einem teuren Auto als ich vom Abendunterricht nach Hause lief. Ich ignorierte sein Angebot, mich mitzunehmen und bekam Panik als er ausstieg und mir eine Schachtel Pralinen anbot, die ich ablehnte. Er parkte am Ende der Straße und blieb eine Stunde.

"Es macht mich an, dich so verängstigt zu sehen."

Als ich fünfzehn Jahre alt war, wurde ich im Bus begrapscht. Mein Herz war schwer vor Scham, als ich mich einem Freund anvertraute, der wütend und enttäuscht war, dass ich den Angreifer nicht angeschrien hatte, als es passierte.

Mein vorsichtiger Protest, dass ich Angst hatte und allein war, wurden von ihm zerstört, als er mein Nicht-Handeln verurteilte. Für ihn waren meine Passivität und Stille der Grund, warum solche Sachen weiterhin passierten.

Er wartete nicht auf meine Antwort.

Als ich sechzehn war, fand ich heraus, dass es auf Facebook einen Nachrichtenordner namens "andere" gibt, in dem Nachrichten von Fremden direkt als Spam gespeichert werden.

Aus Neugier öffnete ich ihn und fand diverse Nachrichten von Männern, die ich noch nie gesehen hatte. Mir wurden Angebote gemacht, ich wurde sexy genannt, nach Nacktbildern gefragt und beschimpft.

Nachricht löschen.

Als ich siebzehn war, rief ich um Hilfe als ein betrunkener Mann versuchte, mich auf einer belebten Straße sexuell zu belästigen.

Die Passanten schienen ihren Schritt zu beschleunigen.

Mit achtzehn wurde mir gesagt, das Sexismus in der modernen Gesellschaft nicht existiere.

Mir wurde gesagt, dass Belästigung für uns Frauen nicht so schlimm sein konnte, wie wir es darstellten.

Dass ich aufpassen sollte, was ich anziehe.

Egal, dass du sechs Jahre alt warst. Egal, dass du einen rosa Pyjama getragen hast.

Dass ich lauter sein sollte.

Aber nicht zu laut, eine Dame muss höflich sein.

Dass ich nicht immer um Hilfe bitten sollte.

Aber aufhören sollte, überzureagieren. Das wäre ein Unterschied.

Dass ich abends zu Hause bleiben sollte, weil es da draußen nicht sicher wäre.

Am helllichten Tag kannst du nicht belästigt werden.

Dass ich nie mit weniger als zwei Jungs an meiner Seite reisen sollte.

Du musst beschützt werden.

Dass es nicht so schwer sein kann, ein Mädchen zu sein.

Ich bin jetzt neunzehn Jahre alt.

Ich bin jetzt müde.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.

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