BLOG
12/10/2015 09:52 CEST | Aktualisiert 12/10/2016 07:12 CEST

Integriert Euch! - Plädoyer für ein selbstbewusstes EInwanderungsland

Getty

Integration ist für mich eine Aufgabe für alle, die in diesem Deutschland leben, das ein Einwanderungsland geworden ist. Sie ist auch ein Projekt für alteingesessene Deutsche, nicht

nur für Einwanderer.

Die Bezeichnungen »Alte Deutsche« und »Neue Deutsche«, die in diesem Buch eine wichtige Rolle spielen, übernehme ich von Wissenschaflerinnen und Journalistinnen, die selbst Deutsche mit Migrationshintergrund sind (Foroutan 2010; Bota u.a. 2012). Bislang wird in der Öffentlichkeit meist von »den Deutschen« einerseits und den »Menschen mit Migrationshintergrund« andererseits gesprochen.

Diese Begrifflichkeit verbirgt, dass Menschen mit Migrationshintergrund zu einem großen Anteil heute auch Deutsche sein können. Diese Veränderung möchte ich betonen, in dem ich von Alten Deutschen und Neuen Deutschen spreche.

Während ich dieses Buch schreibe, kommen Hunderttausende von Flüchtlingen in Deutschland und anderen europäischen Ländern an. Tausende sind bereits bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, ertrunken. Die, die es schaffen, bemühen sich, in Italien, Griechenland, Bulgarien, aber vor allem in Deutschland und anderen mittel- oder nordeuropäischen Ländern Fuß zu fassen.

Über eine Quotierung eine bessere Verteilung auf die Staaten der EU zu erreichen, ist bislang gescheitert. Rechtsradikale legen Feuer an die Unterkünfte, die gerade fertiggestellt sind, andere führen Rechtsstreits, um die Ansiedelung von Flüchtlingen in ihrer Nachbarschaft zu verhindern.

Wiederum andere kümmern sich tagtäglich haupt- und ehrenamtlich um die Neuankömmlinge. Die Debatten über die Frage, wie die Kommunen bei der Unterbringung und Versorgung unterstützt werden sollen bis hin zu einer möglichen europäischen Vereinbarung werden noch lange andauern.

Mein Anliegen hier ist ein anderes: Es geht mir um das Verhältnis von schon länger in Deutschland lebenden Einwanderern zu anderen Einheimischen, also um die Beziehungen zwischen Alten und Neuen Deutschen. Unter welchen Bedingungen und in welchen Zeiträumen

jetzige Flüchtlinge zu möglichen Einwanderern werden (können), kann ich hier nicht erörtern.

Was versteht man unter Integration?

Integration ist in aller Munde. Was aber versteht man darunter? Im Alltagsverständnis ist damit die Eingliederung einer kleineren, neueren, in spezifischer Hinsicht »anderen« Gruppe in eine größere, ältere, etablierte Gruppe gemeint: Ausländer integrieren sich in das Aufnahmeland,

die Neuen Bundesländer in die Alten Bundesländer, Frauen in Männerberufe, und so weiter.

Bei diesem Verständnis kommt es entscheidend darauf an, dass die neue, »andere Gruppe« als untergeordnet gilt und sich an das Reglement der älteren Gruppe anpassen soll. Wer fordert »Die sollen sich integrieren!«, geht davon aus, dass er selbst zu der größeren oder älteren Gruppe gehört, einer kollektiven Einheit.

Man sieht sich selbst als Teil eines »Wir« und »die Anderen« sollen sich integrieren. Wenn es um »die Ausländer« geht, lautet eine klassische Erwartung: »Sie sollen möglichst nicht auffallen und uns möglichst ähnlich sein.« Ein mögliches Anforderungsprofil könnte so aussehen: »Die sollen sprechen wie wir, sich kleiden wie wir, essen und sich einrichten wie wir, laut oder leise sein wie wir, sich an Regeln halten, sich ordentlich benehmen.«

Aber wer ist dieses »Wir«? Wer ist die Bezugsgruppe? Die Deutschen, die Schwaben, die Berliner,

die Rostocker? Gruppenbildungen haben viel mit Stereotypen und Selbstbezüglichkeiten zu tun. Sie halten der Realität nicht zwingend stand, helfen aber, den eigenen Status zu stabilisieren.

Wenn sich beispielsweise »der Berliner« für weniger ordentlich und für eher lässig hält, so kann ihm »der ordentlichere und formellere Schwabe« schon als Fremdkörper erscheinen, der in Berlin die feindliche Übernahme plant (vgl. Strohmaier 2014).

In ihrem Artikel über »Philister, Spießer, Schwaben« nimmt die Publizistin Hannelore Schlaffer (2015) vor allem die selbsternannten Berliner Intellektuellen aufs Korn, die sich von den zugezogenen Schwaben gestört fühlen: »Der Schwabe ist der wiederauferstandene

Spießer, provinziell, engstirnig, sauber, zungenschwer, treu und fest, der es dahin bringt, von ›unserem Hauptstädtle‹ zu sprechen.

Nicht zufällig kommt der Affront gegen dieses harmlose Gemüt aus Prenzlauer Berg, jenem Viertel, wo die zu wohnen bestrebt sind, die sich zur intellektuellen Avantgarde zählen und mittlerweile die Flucht vor den Bürgern aus Westdeutschland nach Kreuzberg oder Friedrichshain angetreten haben. Was als Gentrifizierung tatsächlich stattfindet, deuten sie als Angriff auf ihren Lebensstil, der seit dem 19. Jahrhundert für aufgeklärt, zynisch, urban, metropolitan, keinesfalls aber für ›global‹ und geschäftstüchtig gelten darf.« (Ebd.: 87f.)

Beim öffentlichen Integrationsverständnis geht es um Zugehörigkeiten und Anpassung: Die Neuen sollen so sein, aber mindestens so werden wie die Alten. Insbesondere dann, wenn es um »Ausländer« geht, ist das Alltagskonzept relativ einseitig. Es lässt ein weiteres Verständnis von Integration ungenutzt: Integration mit Blick auf das Gesamte, auf die ganze Gesellschaft (Heckmann 2013).

Im Zusammenhang mit der »europäischen Integration« ist dieses doppelte Begriffsverständnis selbstverständlich. Spricht man von europäischer Integration, so geht es sogar primär um das Zusammenwachsen und den Zusammenhalt in dem sozialen Gefüge EU, das sich permanent

verändert - und weniger um die »Integration« eines (Beitritts-)Landes in die EU.

In sozialwissenschaftlicher Perspektive sieht man im Gegensatz zum Alltagsverständnis beide Integrationsprozesse als relevant und miteinander verbunden an: Die Integration in eine Gesellschaft und die Integration als Gesellschaft gehören zusammen - sie sind zwei Seiten

einer Medaille.

Vom Deutschwerden und Deutschsein

Wie viele Deutsche leben in Deutschland? Das Statistische Bundesamt veröffentlichte im November 2014 die aktuellen Daten des Mikrozensus 2013. Dieser gibt Auskunft über die Bevölkerung in Deutschland. Danach leben 73,8 Millionen Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund und 6,8 Millionen Ausländer in Deutschland (Statistisches Bundesamt 2014).

Von den 80,6 Millionen Menschen in Deutschland haben 20,5 Prozent einen Migrationshintergrund, das sind 16,5 Millionen. Mehr als die Hälfte von ihnen, nämlich 9,7

Millionen, sind Deutsche.

Diese knapp 10 Millionen Deutschen mit Migrationshintergrund haben unterschiedliche Biografien. Sie sind beispielsweise als Russlanddeutsche eingewandert, haben im Ausland geborene Eltern und sind selbst in Deutschland geboren, oder sie sind selbst migriert und

haben sich einbürgern lassen: »Deutsch ist auch das Kind iranischer Flüchtlinge, der Aussiedler, der immer noch Russisch spricht, der Deutsch-Türke, der zwei Pässe hat.« (Preuss 2014; vgl. Foroutan u.a. 2014)

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Deutsche oder Deutscher kann man sein - und werden. Manchen bereitet das Unbehagen, denn für sie ist »deutsch« mit einer bestimmten Identität verknüpft. Deutsche oder Deutscher ist man - oder man ist es nicht:

»Deutsch kann man doch nicht werden!« Aus dieser Perspektive kann man sich Deutschsein nicht aneignen, also nicht einfach Deutsch werden (Bade 2007: 3; Olfert 2014).

Gänzlich anders stellt sich die Situation für die Einwanderin dar, die einen Einbürgerungsantrag stellt, oder für den Sohn von Einwanderern, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Für Letzteren ist Deutschland sowieso seine Heimat, für Erstere ist Deutschland zur Heimat geworden. Für beide entspricht der deutsche Pass ihrem Wunsch nach rechtlicher Gleichstellung, ihrer Lebenssituation als in Deutschland Geborene, oder er ist Ausdruck ihrer Identifikation mit der neuen Heimat (vgl. Weinmann u.a. 2012).

Sie können die Vorbehalte gegen ihr Deutschgewordensein nicht verstehen. Denn sie

haben es ja in vielen Fällen aktiv betrieben, den deutschen Pass zu bekommen. Und sie haben sich um das Deutschsein bemüht, sich damit auseinandergesetzt. Als Ergebnis dieses Prozesses betrachten sie sich als ganz normale Deutsche.

Deutschsein bzw. Deutschwerden ist ein Thema für beide Seiten. Wie soll man diese beiden Seiten nennen? Ich spreche hier von »Alten Deutschen« und von »Neuen Deutschen«, ohne diese Begriffe selbst erfunden zu haben. Sie wurden von Wissenschaftlerinnen und Journalisten

ins Spiel gebracht, die selbst Deutsche mit Migrationshintergrund sind. Denn sie hatten festgestellt, dass man als Deutschgewordene nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann:

Offenbar besteht ein Bedarf nach einer eigenen Begrifflichkeit (Foroutan 2010; Bota u.a. 2012).

Am 22. Mai 2014 verwandte Bundespräsident Joachim Gauck diese Unterscheidung auf höchster politischer Ebene in seiner Rede bei der Einbürgerungsfeier anlässlich 65 Jahre Grundgesetz

in Schloss Bellevue: »Ich will von den Veränderungen sprechen, die Einwanderung für unser Land bringt. Von den Zumutungen, die diese Veränderungen manchmal bedeuten. Von dem, was wir, AltDeutsche wie Neu-Deutsche, gewinnen und was wir längst gewonnen

haben.« (Gauck 2014: 2)

In der Wissenschaft, insbesondere in den sogenannten Cultural bzw. Postcolonial Studies, spricht man von »hybriden Identitäten«. Hybridität betont das Neue, das sich nicht einfach aus der Mischung von Kubanisch-Amerikanisch, Pakistanisch-Britisch oder RussischDeutsch

ergibt, sondern etwas Zusätzliches und Eigenes ist.

Hybridität hat mit den Einwanderungsbiografien der Personen, der ethnischen oder nationalen Herkunft ihrer Eltern zu tun, aber diese Identitätsbestandteile werden auf besondere, kreative Weise angeeignet und transformiert. Es entstehen kulturelle Neubildungen, die weder auf die Herkunfts-, noch auf die Aufnahmeländer zurückgeführt werden können.

Für Außenstehende ist die ordnungsstiftende Sortierung dann kaum noch möglich, wie das Erlebnis einer deutschtürkischen Architektin beim Verwandtenbesuch in der Heimat der Eltern zeigt: »Als sie neulich auf einer Beerdigung in Antakya war, setzte man die Deutschtürkin kurzerhand ins Männerzelt. Nicht richtig deutsch, nicht richtig türkisch, nicht richtig Frau.« (Ott 2013:14)

Neue Deutsche werden nicht - selbst wenn sie dies wollten - als ganz normale Deutsche angesehen; aber sie bewegen sich vom Ausländersein zum Deutschsein. Von Alten und Neuen Deutschen zu sprechen, hat einiges für sich. Vordergründig sind zwar Missverständnisse mit dem Lebensalter möglich - als ginge es um ältere oder jüngere Menschen.

Mögliche Alternativen wie die Bezeichnung »einheimische Deutsche« trifft es aber nicht besser, da die neuen oder neueren Deutschen ja ebenfalls einheimisch sind. Auch »eingeborene Deutsche« ist schief, da die neuen Deutschen vielfach bereits in Deutschland geboren sind.

Um die Deutschen mit ausländischen Wurzeln von Deutschen ohne ausländische Wurzeln zu unterscheiden, könnte man von »deutschitalienischen« Menschen einerseits und »deutsch-deutschen« Menschen andererseits sprechen. Weitere Bezeichnungen für die älteren Deutschen lauten - halb ernst, halb ironisch - »Herkunftsdeutsche« oder »Biodeutsche« (Nouripour 2014).

Das wären also diejenigen, die keine Einwanderungsgeschichte neueren Datums haben. Ein kurzer Blick in die Geschichte der Deutschen zeigt jedoch, dass es mit den Bio- oder Herkunftsdeutschen auch nicht so einfach ist.

Von außen gesehen, ist die Labilität und Künstlichkeit der Deutschen besser sichtbar als von innen. Auf humorvolle Weise schildert die neue Deutsche Mely Kiyak ihre Irritation beim Besuch der großen Ausstellung zu den Deutschen 2008 im Germanischen Nationalmuseum:

»Frohgemut und hoffnungsvoll reise ich nach Nürnberg. Ich bin auf der Suche nach ›dem Deutschen‹. Ich möchte wissen, was es ist und wo es beginnt. Was mich auszeichnet, ist mein Ehrgeiz, der schon an Strebertum grenzt. Man sagt Migranten nach, dass sie, nachdem sie begriffen hätten, was Deutschsein sei, deutscher seien als die Deutschen.

Ich möchte eine gute, eine bessere Deutsche sein, denn ich nehme Begriffe wie Anpassung und Integration ernst. Im Germanischen Nationalmuseum angekommen, gehe ich zuerst in die

Kantine. Ich möchte etwas typisch Deutsches essen, man empfiehlt mir das Tagesgericht: asiatische Nudeln mit Rindfleisch, scharf. Was man in Deutschland eben unter scharf versteht.« (Kiyak 2008)

Nach ihrem Rundgang durch die Ausstellung, bei dem sie den Eindruck gewinnt, dass das Deutsche viel mit den Germanen und schließlich mit dem deutschen Sprachraum zu tun habe, aber nicht wirklich zu fassen sei, konstatiert sie: »Ich habe das Deutsche nicht gefunden. Das macht aber nichts. Denn das Germanische Nationalmuseum ist offensichtlich auch nicht fündig geworden.

Man könnte das so stehen lassen, wenn aus der Politik nicht ständig der Vorschlag käme, dass man Zuwanderer und Migranten in Sachen ›deutsch‹ zu prüfen habe. Verbunden mit der Forderung nach kultureller Integration. Ja, wie denn, in welche? Besteck benutzen oder Faustkeile schnitzen?«

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Integriert Euch - Plädoyer für ein selbstbewusstes EInwanderungsland".

2015-10-12-1444643846-4332455-integrierteuch.jpg

Verlag: Campus

ISBN 978-3-593-50461-2

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Milliarden für die Integration: "Nicht alle sind hochqualifiziert": Nahles befürchtet arbeitslose Flüchtlinge

Hier geht es zurück zur Startseite