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25/06/2014 06:28 CEST | Aktualisiert 25/08/2014 07:12 CEST

Rezension zu "Genagelt" von Leonhard F. Seidl

Freddie Deichsler hat seine Kindheit und Jugend im idyllischen Isental verbracht, lebt nun aber schon lange in Nürnberg, wo er als Privatdetektiv arbeitet. Eines Nachts bekommt er einen telefonischen Hilferuf aus seiner alten Heimat: Sein alter Spezi Korbinian - Kurbi - Brandner, den er allerdings seit 18 Jahren nicht mehr gesehen hat, ist in Not und bittet Freddie um ein sofortiges Treffen um 3.30 Uhr am Schwammerl*). Doch als Deichsler dort samt seinem 3 Monate alten Sohn David ankommt, ist der Freund tot: Er wurde in Tracht an den Wetterpilz genagelt; bei ihm befindet sich ein Zettel mit einem Bibelzitat.

Als der Privatdetektiv sich einigermaßen von seinem Schreck erholt hat, steht für ihn fest, dass er den Mörder unbedingt finden will. Doch unversehens wird er selbst zum Hauptverdächtigen, weil man Spuren von ihm am Tatort findet.

Das bedeutet, dass sich Freddie Deichsler vor der Polizei verstecken muss - zu seinen Eltern kann er nicht, da das Verhältnis zu ihnen nicht das beste ist, außerdem ist der Vater selbst Polizist. Und auch durch den kleinen David ist der Aktionsradius eingeschränkt. Doch Freddie hat viele alte Bekannte in der Gegend, findet schließlich Unterschlupf sowie Betreuung für seinen Sohn und fühlt den Leuten gehörig auf den Zahn.

Dabei schlittert er von einer kritischen Situation in die nächste und statt die Zahl der Verdächtigen einzugrenzen, werden es immer mehr - denn hinter den biederen Fassaden brodelt es!

War das Verbrechen an Kurbi politisch motiviert? Wollte man einen Autobahn-Gegner aus dem Weg räumen? Oder spielte seine homosexuelle Veranlagung, über die viel gemunkelt wird, eine Rolle?

Da geschieht ein zweiter Mord - der Tote wurde ebenfalls ans Schwammerl genagelt und man findet das gleiche Bibelzitat wie bei Kurbi.

*) Beim Schwammerl handelt es sich hier um einen Wetterpilz in Fliegenpilz-Optik, der in der Nähe des bayerischen Ortes Dorfen steht und zum Symbol des Kampfes gegen die Isental-Autobahn geworden ist.

Resümee:

Ein rundherum gelungener Kriminalroman - spannend, humorvoll und kritisch.

Der Autor hat sich an ebenso aktuelle wie brisante Themen gewagt:

Zum einen geht es um den Konflikt bezüglich des Ausbaus der A 94, der Isental-Autobahn, der seit etwa 40 Jahren schwelt. Geschickt präsentiert Seidl die Argumente von Anhängern und Gegnern der Trassen-Erweiterung in unterhaltsamer Form.

Zum anderen dreht es sich in dem Buch aber auch um tabuisierte Themen wie Homosexualität und Pädophilie, über die von vielen unbedingt der Mantel des Schweigens gelegt werden soll. Auch die hiermit verbundene Problematik ist in eine kurzweilige Handlung umgesetzt worden.

Die Gratwanderung zwischen Ernsthaftigkeit, kritischer Betrachtung und Unterhaltung ist hervorragend gelungen und eine zum Teil düstere Atmosphäre wird jedes Mal mit viel Humor aufgelöst.

Überhaupt kann man beim Lesen oft schmunzeln oder gar lachen. Das liegt u.a. daran, dass besonders die Figur des Freddie Deichsler mit viel Leben erfüllt ist. Hier hat sich der Autor des Kunstgriffs bedient, uns mittels Kursivdruck an dessen Gedanken teilhaben zu lassen, die trotz aller Dramatik oft sehr herzerfrischend sind.

Soweit ich es als Nordlicht beurteilen kann, sind der Menschenschlag und die Charaktere sehr authentisch beschrieben, was auch am bayerischen Dialekt liegt, in dem die meisten Gespräche stattfinden. Auch dieses riskante Unterfangen hat der Autor optimal gemeistert: Bis auf sehr wenige Ausnahmen habe ich alles - und sei es aus dem Kontext heraus - verstanden, auch wenn man die Dialoge natürlich nicht zu flott runterlesen kann.

Kurz: Eine in vielerlei Hinsicht schwierige Aufgabe wurde hier hervorragend bewältigt.

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