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29/04/2014 03:33 CEST | Aktualisiert 29/06/2014 07:12 CEST

Rezension "Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreißern" von M. Vieser, I. Schautz

In ihrem Buch beschreiben die Autorinnen in 24 Kapiteln jeweils einen Beruf, den es (so) heute in Mitteleuropa nicht mehr gibt. Während einige Tätigkeitsfelder völlig ausgestorben sind (z.B. Kaffeeriecher, Köhler, Lichtputzer), existieren andere mit modernem „Anstrich" durchaus auch heute noch:

An die Stelle des Rosstäuschers, der einst zu verkaufenden Pferden zu besserem Aussehen und Auftreten verhalf, ist heute der geschäftstüchtige Gebrauchtwagenhändler getreten; Bänkelsänger wurden durch Nachrichtensprecher und Moderatoren von Boulevard-Sendungen ersetzt, Sänftenträger durch Taxi-Unternehmen usw.

Die Gründe für das Verschwinden von Arbeitsfeldern oder veränderte Berufsbilder sind vielfältig:

Für das Aussterben des Kaffeeriechers beispielsweise war ein neues Monopol-Gesetz verantwortlich.

Die Verarbeitung von Fischbeinen und Beschäftigung von Kammertürken dagegen unterlag der Mode.

Für Lichtputzer und Rosstäuscher gab es wegen veränderter Lebensbedingungen keinen Bedarf mehr, und andere Berufe wurden durch Erfindungen verdrängt: der Lithograph durch das Offset-Printverfahren, der Silhouettenschneider durch die Fotografie, die Rohrpostbeamtin durch moderne Kommunikationssysteme - um nur einige zu nennen.

Bei ihren Recherchen konnten die Autorinnen die Entwicklung der einzelnen Berufe zum Teil bis weit in die Vergangenheit zurückverfolgen. Während mir einige Bezeichnungen zumindest dem Namen nach noch bekannt sind, sie also erst relativ spät ausstarben - Rohrpostbeamtin, Lumpensammler, Quacksalber seien stellvertretend genannt -, sagten mir andere gar nichts: Was mögen Märbelpicker, Zeidler, Fullone sein?

Die einzelnen Kapitel sind sehr übersichtlich gegliedert:

Vorangestellt ist jedes Mal eine Kurzbeschreibung der Tätigkeit in wenigen Stichworten, gefolgt von typischen Kennzeichen des Berufs bzw. der Arbeiter und einer Angabe ihrer aktiven Zeit.

Es folgt eine genaue Beschreibung des Berufsbildes inklusive seiner Entwicklung. Gestützt werden die Aussagen durch Zitate aus Zeitdokumenten.

In den Text integriert ist jeweils eine künstlerisch ansprechende und erläuterte Illustration, die den Arbeiter bei seiner Tätigkeit respektive in seinem Umfeld zeigt.

Resümee:

Dieses Werk ist ein Dokument des Wandels unserer Berufswelt. Es ist den Autorinnen prima gelungen, die Ergebnisse ihrer umfangreichen Recherche-Arbeit in sachliche, dabei aber doch spannende Kapitel umzusetzen. Die Texte ufern niemals ins Langatmige aus, sondern werden straff erzählt. Im Gegenteil: Ich fand die Darstellungen so interessant, dass ich manchmal sogar gerne noch mehr erfahren hätte. Für solche Fälle aber existiert ein umfangreicher Anhang mit Anmerkungen und einem Literatur- und Bilderverzeichnis.

Kurz:

Michaela Vieser und Irmela Schautz ist die Gratwanderung zwischen sachlich-interessanter Information und spannender, aus heutiger Sicht teils auch amüsanter Unterhaltung prima gelungen.

135 Rezensionen von 98 Autoren findet der Leser im Bücher-Blog folgender Homepage:

http://www.annette-traks.com

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