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25/10/2015 09:39 CET | Aktualisiert 25/10/2016 07:12 CEST

Rezension "Luxurias Glück" von Henning Schöttke

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Luxuria, Jahrgang 1964, wächst als ältestes von 6 Kindern in Hamburg auf.

Die Zeit ist gesellschaftlich und politisch von Krisen und Umbrüchen geprägt - als ein paar wenige Stichworte seien hier die Friedensbewegung, Anti-Kriegs-Demonstrationen, Hippie-Kultur und RAF genannt.

Die äußere Unsicherheit und Unruhe spiegeln sich auch in Luxurias Familie wider, wo sie wenig Schutz und Fürsorge erfährt:

Die Eltern streiten oft, auch den Kindern gegenüber herrscht ein rüder Ton, das Geld ist knapp, der Vater trinkt, geht wohl auch gelegentlich ins Bordell und schon als Kind muss das Mädchen Verantwortung für seine Geschwister übernehmen.

In dieser von Lieblosigkeit geprägten Atmosphäre ist Nachbarin Marion der ruhende Pol, eine mütterliche Freundin, die dem Kind und der Jugendlichen ein wenig Nestwärme gibt. Sie ist es auch, die Luxuria nach dem Schulabschluss zum Hebammen-Beruf rät.

Doch weder die Freude über eine gut verlaufene Schwangerschaft und Geburt noch der Sex mit häufig wechselnden Partnern können die Sehnsucht der jungen Frau nach Anerkennung und erfüllende Liebe stillen.

Ihr Glück und zu sich selbst findet sie erst später bei Tom, der sie bedingungslos liebt, ihr Geborgenheit und stabilen Halt gibt. Mit seiner Fürsorge und menschlichen Wärme ent-schädigt er sie im wahrsten Sinne des Wortes für alles Schlimme, was ihr bis dahin widerfahren ist.

Resümee:

Dieses Buch ist nach "Gulas Menü" (ein Roman über das Essen) und "Acedias Traum" (ein Roman über den Schlaf) das dritte aus der Tod-sünden-Reihe des Autors.

Nach der katholischen Lehre ist "Luxuria" eine der 7 Todsünden, nämlich die "Wollust" als Synonym für Ausschweifung, Genusssucht, Begehren u. ä.. Sie steht als Wurzel allen Übels für einen unmoralischen, überwiegend sexuell geprägten Lebensstil, der zwangsläufig Verstöße gegen die 10 Gebote mit sich bringt und für den Sünder zur ewigen Verdammnis in der Hölle führt.

So endet es mit der Protagonistin nicht: Bei ihrem Streben nach dauerhaftem Glück am Tiefpunkt angekommen, erkennt sie zwar mit absoluter Klarheit: "Ich werde nie, nie, niemals im Leben glücklich werden." (Pos. 3982 E-Reader). Doch dann tritt mit Tom, ihrem späteren Ehemann, die Wende ein und er - passenderweise Pilot! - zeigt ihr das Paradies. Endlich findet sie inneren Frieden, Ruhe und Glück.

Genau diese Gegenüberstellung von der "Hölle" in Kindheit und Jugend und "Himmel" im Erwachsenenalter macht den Reiz des Buches aus. Der Autor wirft mit einzelnen, prägenden Episoden Schlaglichter auf Luxurias Lebensweg:

Auf der einen Seite steht ihr glückloses Gefangensein in den Lebensumständen, ohne nennenswerte Chancen, ihnen zu entfliehen und ihre verzweifelte Suche nach Anerkennung und Liebe, die sie oft mit Sex verbindet.

Auf der anderen Seite sehen wir das Glück in der Beziehung mit Tom, die auf einem stabilen Fundament steht - mit der von Zuneigung, tiefer Verbundenheit und Wertschätzung geprägten Liebe als existenzieller Lebensgrundlage.

Beide Ebenen, die immer wieder ineinandergreifen, durchzieht wie ein roter Faden Luxurias mütterliche Freundin und Vertraute Marion, die sie als Kind und Jugendliche so manches Mal "aufgefangen" hat.

Dabei geht der Autor nicht chronologisch vor, wenn wir die Protagonistin auf ihrem Lebensweg von der Dreijährigen bis zu ihrem Tod im hohen Erwachsenenalter begleiten. Er schließt aber den Kreis um das schließlich peu à peu entstandene Gesamtbild, wenn er im Prolog mit Luxurias und Toms Tod beginnt, als vorletzte Episode die Geburt ihres ältesten Kindes und als letzte ihren oben geschilderten Tief- und Wendepunkt erzählt.

Dass der gemeinsame Tod des Paares weit nach dem Jahr 2015 liegt, habe ich als Hoffnung gebendes und optimistisch zukunftsweisendes Signal an künftige Generationen verstanden: Liebe und das mit ihr verbundene Glück wird als Lebensgrundlage in jedem Menschenalter nötig - und möglich - sein.

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