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04/01/2016 03:14 CET | Aktualisiert 04/01/2017 06:12 CET

Rezension "Gulas Menü" von Henning Schöttke

1969, in dem Jahr, als die ersten Menschen den Mond betreten, begegnet Hippie Charly der jungen Ulrike. Als sie zum ersten Mal alleine in der Wohnung von Ulrikes Eltern sind, bereitet der ambitionierte Koch ihr symbolträchtig das Gericht "Himmel und Erde" zu - neun Monate später, im Januar 1970, wird ihre kleine Tochter geboren.

Die glücklichen Eltern nennen sie Gula. Der Name steht für die Todsünde der Völlerei, die laut katholischer Lehre zu ausschweifendem Leben führt und daher die Basis für Undankbarkeit gegenüber Gott bildet.

Charly und Ulrike landen nach ihrem Höhenflug schnell auf der Erde:

Ihre Lebenspläne decken sich nicht, und so wächst die kleine Gula bei ihrer Mutter in Hamburg auf, während der Vater in Göttingen eine Existenz aufbauen will.

Gula entwickelt ein ambivalentes Verhältnis zu ihm, der gelegentlich zu Besuch erscheint:

Sie, die anfangs genauso gerne wie ihr Erzeuger kocht, schwankt zwischen der Sehnsucht nach ihm und Ablehnung.

Bald ist klar, dass Charly nicht zurückkehren wird, sondern in Göttingen eine neue Familie gründet. Und auch Ulrike heiratet.

Nach dem Auseinanderbrechen ihrer "Kernfamilie" orientiert sich Gula neu, entwirft einen Lebensplan, studiert, heiratet Peter und bekommt mit ihm Kinder.

Resümee:

Das Buch besteht aus 7 Zeitabschnitten - angefangen mit "1969 - Amuse Gueule" bis "2031... - Nachspeise" -, die mit insgesamt 16 Kurzgeschichten gefüllt sind und Schlaglichter auf Stationen in Gulas Lebensweg werfen.

Sie alle haben etwas mit Essen zu tun und zeigen, welche unterschiedlichen Bedeutungen diese Tätigkeit hat: Mal ist es z. B. bloße Nahrungsaufnahme oder schneller Imbiss, dann stimmungsvolle erotische Zutat, gastliche Geste oder festliche Angelegenheit.

Jedem der 7 Kapitel ist ein Bild mit einem Zitat oder einer Erklärung vorangestellt, die Rezepte der in den Geschichten erwähnten Gerichte sind am Ende angefügt.

Das Geschehen wird variantenreich präsentiert: nicht nur aus unterschiedlichen Perspektiven, sondern auch durch verschiedene Methoden - meist zwar als Erzähltext, dazwischen aber auch als Brief oder E-Mail, Tagebuch-Eintrag und gedankliche Rückblenden.

Dabei begleiten uns Vater Charly und Freund André kontinuierlich.

Dies ist das 1. Buch der Todsünden-Reihe - "Acedias Traum" folgte 2013 und "Luxurias Glück" 2015 (siehe Rezension vom 24.Okt. 2015). Die jeweiligen Handlungen laufen zeitlich in etwa parallel und berühren sich inhaltlich. So haben die Hauptpersonen des einen Werkes "Gastauftritte" in einem anderen. Auch thematisch sind die Lebensläufe miteinander verknüpft: Wie in "Luxurias Glück" spielt zum Beispiel das Motiv "Himmel und Erde" auch in "Gulas Menü" eine wichtige Rolle - dies wird bereits in der Inhaltsangabe deutlich.

Fazit: Mit seiner Todsünden-Reihe hat Henning Schöttke ein riesiges Projekt ins Leben gerufen, und ich bin gespannt auf "Acedias Traum".

250 Rezensionen von 180 Autoren findet der Leser im Bücher-Blog folgender Homepage:

http://www.annette-traks.com

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