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29/11/2015 10:33 CET | Aktualisiert 29/11/2016 06:12 CET

Rezension "Berlin - Satirisches Reisegepäck" von Tilman Birr

Berlin ist seit 15 Jahren die Wahlheimat des Kabarettisten, Autors und Poetry-Slammers Tilman Birr, der für seine Bühnenprogramme schon etliche Preise erhalten hat.

In Bezug auf Reiseführer findet er, dass vieles "Reiseführerschreibergewäsch [sei], das nur dazu da ist, Besucher hinters Licht zu führen und ihnen vorzugaukeln, dass sie hier erwünscht sind." (Seite 6)

Im Gegensatz dazu stellt er in seinem Buch nicht Orte vor, die in jedem Berlin-Guide abgehandelt werden, sondern jene, die die meisten Leser mit Sicherheit - zumindest so! - noch nicht gesehen haben.

Dabei ist sein Blick auf die Stadt subjektiv, nach eigener Aussage "unvollständig, wertend, ungerecht und geprägt durch persönliche Vorlieben und zufällige Bekanntschaften." (Seite 9)

Auf langatmige, weit in die deutsche Vergangenheit zurückreichende Erklärungen verzichtet der Autor ganz bewusst, er rückt vielmehr das gegenwärtige, ganz reale Leben in den Fokus. Dazu gehören neben vielen ungewöhnlichen, aber von Reiseführern in der Regel vernachlässigten Örtlichkeiten auch die Einheimischen mit all ihren Eigenheiten. Von ihrem Humor und der sprichwörtlichen Berliner Schnauze bekommen wir einige erheiternde Kostproben; in einem Glossar sind außerdem ein paar sprachliche Charakteristika und Ausdrücke erklärt.

Der Inhalt des Buches ist vielfältig - eine kleine Auswahl sei hier genannt:

Ein Kapitel widmet sich den Berlinern und ihrem Stadtteilpatriotismus, in einem anderen erfahren wir, was der legendäre "Späti" ist.

Birr geht unter anderem auf die zwei Gesichter Friedrichshains ein, bringt dem Leser Friedrichshagen, Spandau und das Tempelhofer Feld nahe und beschreibt Kreuzberger Parallelgesellschaften. Ein gesondertes Kapitel befasst sich mit der Gentrifizierung.

Für Touristen hält Birr ein besonderes Lehrstück bereit, wenn er den Dialog eines Bestohlenen mit einem Polizeibeamten wiedergibt.

Am Ende einiger Kapitel sind noch einmal die genannten Lokalitäten zusammengestellt, die es sich zu besuchen lohnt - allesamt Geheimtipps.

Fotos unterstreichen eindrucksvoll das Geschriebene.

Außerdem sind einige Abschnitte über einen QR-Code als Audio-Texte, die der Autor selbst liest, abrufbar.

Resümee:

Bei diesem 120 Seiten umfassenden Buch handelt es sich, wie bereits oben geschrieben, um keinen Reiseführer im klassischen Sinne.

Ein Anspruch auf Objektivität und Vollständigkeit ist nicht das erklärte Ziel des Autors, vielmehr zeigt er uns sein Berlin, das er lieb gewonnen hat. Hier bekommt der Interessierte, der (auch) abseits der ausgetretenen Touristenpfade gehen möchte, echte Geheimtipps, die es ihm ermöglichen, einen Blick hinter die meist für Besucher aufpolierten Kulissen zu werfen.

Außerdem kann man Kostproben des recht speziellen Humors der Berliner und fantastische, künstlerisch wertvolle Fotos genießen, die das "andere Berlin" zeigen.

Die vom Autor gelesenen Audio-Texte, die man über QR-Codes am Schluss einiger Kapitel aktivieren kann, sind echte Highlights, die man sich nicht entgehen lassen sollte: Die Darbietung Birrs treibt einem gelegentlich die (Lach-) Tränen in die Augen.

Alle Texte sind humorvoll, witzig, kabarettistisch angehaucht, aber entbehren oft auch nicht kritischer Töne. Nur als "satirisch" - wie im Untertitel angegeben - habe ich sie in keinem Moment empfunden: Birr benennt zwar gelegentllich Missstände, stellt sie aber nicht satiretypisch in überspitzter Form (beißend) spottend dar.

Vielmehr wird in allem, was er sagt und beschreibt, deutlich, dass er seine Wahlheimat lieb gewonnen hat.

Fazit: Weihnachten naht - und dies wäre meines Erachtens ein Geschenk, über das sich mit Sicherheit sowohl Kenner der Hauptstadt als auch Neu-Entdecker, die sich dem Touristen-Rummel einmal entziehen möchten, freuen würden.

248 Rezensionen von 180 Autoren findet der Leser im Bücher-Blog folgender Homepage:

http://www.annette-traks.com

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