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20/01/2016 13:38 CET | Aktualisiert 20/01/2017 06:12 CET

Rezension "Acedias Traum" von Henning Schöttke

Georgie Wileman via Getty Images

Acedias Traum ist es, eine erfolgreiche Journalistin zu werden und in New York Karriere zu machen. Ihrem ehrgeizigen Ziel ordnet sie alles andere unter: Sie arbeitet unter Missachtung von Warnsignalen bis an den Rand der Erschöpfung, glaubt keine Zeit für Schlaf zu haben und wehrt sich gegen die Müdigkeit. Dabei vernachlässigt sie nicht nur sich selbst, sondern auch Freunde und Familie.

Doch dann passiert das Unglaubliche, denn nicht sie, sondern Petra, ihre beste Freundin aus Kindertagen, bekommt, was Acedia sich sehnlichst gewünscht, wofür sie so hart gearbeitet hat: Wenige Tage vor dem Anschlag aufs New Yorker World Trade Center tritt sie dort eine Stelle in einer renommierten Anwaltskanzlei an.

Acedia kann sich nicht so recht für Petra freuen und tut alles, um doch noch Karriere zu machen; Mann und Kinder rangieren dabei immer nur an zweiter Stelle.

Unmittelbar vor der Verwirklichung ihres Traumes wirft sie jedoch ein langer Krankenhaus-Aufenthalt mit anschließender Regenerationsphase aus der Bahn und bringt die Wende. Denn sie hinterfragt sich und ihr Tun, überlegt, wer sie eigentlich ist.

Dabei erwacht sie langsam und kehrt nach und nach ins Leben zurück - in ein neues, das sie genießen kann und in dem andere Platz haben. Doch es ist ein langer Weg, bis sie ohne Krücken selbstständig gehen kann.

Resümee:

Nach "Gulas Menü" (2011) ist dies das zweite Werk des Autors aus seiner Todsünden-Reihe.

"Acedia" steht dabei für "Trägheit des Herzens", auch für "Gleichgültigkeit, Erschöpfung, Ignoranz, Faulheit".

Dies sind alles Eigenschaften, die auf die Titelfigur zutreffen:

Acedia ist gleichgültig gegenüber sich und ihren Bedürfnissen. Sie arbeitet bis zur Erschöpfung und wehrt sich, nachdem ihr Vater im Bett gestorben ist, gegen die Müdigkeit. Seit ihre Mutter der kleinen Acedia damals die traurige Nachricht mit den Worten überbrachte, der Vater sei "eingeschlafen", verbindet sie nämlich Schlaf mit Tod. Doch dann wird ihr gerade die Übermüdung, das Nicht-Schlafen eines Tages zum Verhängnis und leitet die Wende ein.

Aber auch gegenüber anderen ist die junge Frau, die nur an ihren beruflichen Aufstieg denkt, ignorant, es mangelt ihr an Empathie, an Herzenswärme.

So misst sie typischerweise meist mit zweierlei Maß, wenn sie von anderen Verständnis und Unterstützung erwartet, die sie in vergleichbaren Situationen ihrerseits aber nicht ansatzweise zu leisten bereit ist.

Wenn sie sich im Rahmen einer Semesterarbeit fragt, wie es angehen könne, dass Menschen ihrer Karriere alles andere unterordnen und ob es denn keine Warnsignale gebe, so leugnet sie damit komplett ihre eigene Situation.

Der Philosoph Josef Pieper interpretiert in seinem Werk "Muße und Kult" die Todsünde "Acedia" "dass 'der Mensch sich dem Anspruch versage, der seiner eigenen Würde gegeben ist [...], daß der Mensch seinem eigenen Sein letztlich nicht zustimmt.' " (Wikipedia) Und auch Acedia hinterfragt ihr Sein und ihr Tun erst im Krankenhaus kritisch, wenn sie überlegt, wer sie eigentlich ist.

Schlaf steht in diesem Buch als Symbol für das Leben, und Henning Schöttke thematisiert anhand von Acedias Lebenslauf sinnbildlich verschiedene Formen, wie z.B. Tiefschlaf, REM-Schlaf, Koma und Erwachen.

Dabei steigt er im Jahr 1984 ein, als Acedia 17 Jahre alt ist, etwa im gleichen Alter wie die Protagonistinnen Gula und Luxuria aus den Bänden 1 und 3. Wir begleiten Acedia bis übers Jahr 2003 hinaus auf ihrem Weg, der gleichzeitig eine Zeitreise ist, da der Autor in das Geschehen politische Ereignisse eingebunden hat.

Fazit: genau wie "Gulas Menü" und "Luxurias" Glück ein sehr lesenswertes, nachdenklich stimmendes Buch - für mich persönlich bislang das allerbeste aus der Todsünden-Reihe.

253 Rezensionen von 180 Autoren findet der Leser im Bücher-Blog folgender Homepage:

http://www.annette-traks.com

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