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14/11/2015 13:26 CET | Aktualisiert 14/11/2016 06:12 CET

Ein Morgen im Krieg

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Anne Sinclair, die Autorin dieses Textes, ist Herausgeberin der Huffington Post in Frankreich. Die prominente Journalistin schrieb diesen Text wenige Stunden nach dem Attentat. Es sind emotionale Gedanken einer Autorin, die Frankreichs Politik so gut kennt wir nur wenige andere Journalisten.

Die Gedanken sind donnernd, verwirrend, trüb, persönlich, kollektiv.

- Sicher sein, dass kein Kind oder Freund in die Wirren des Angriffs geraten ist, und Freunde, die von überall her anrufen, Mut machen, da der Planet geeint ist, da Informationen keine Grenzen oder Verzögerungen mehr kennen.

- In einem kriegsbeschädigten Paris aufwachen.

- Meine Generation hat das durchlebt, als Kind, den Algerienkrieg, als Premier Michel Debré die Pariser 1961 aufrief, sich vor den OAS-Fallschirmjägern "zu Fuß, zu Pferd, mit dem Auto" in Sicherheit zu bringen, als wir es den "Putsch der Generäle" nannten.

- Endlos Bilder ansehen, die nichts bedeuten, die ganze Zeit, das Leid, das Chaos, der Schrecken all dieser angegriffenen Menschen, die wie Tiere nach einem Tag der Jagd sind, und Zeugen mit brüchigen Stimmen zuhören, die im Café waren oder im Bataclan, und die knapp dem Tode entronnen sind, dem Massaker.

- Wir stellen uns selbst Fragen über diese Form des Terrorismus, die schon wieder neue Höhen erreicht: Kein Prophet, den man rächt, keine Polizisten, Journalisten, Militärs oder Juden, die man tötet, nur Kugeln, die blind herabregnen auf junge und nicht mehr so junge Menschen, die nur auf der Suche nach Sorglosigkeit, Musik, Fröhlichkeit an einem milden Novemberabend waren.

- Das ist unbegreiflich, außer, dass es das französische Volk in Schrecken versetzt hat, es Frankreich zuvor gekommen ist, bevor es seine Zerstörer zerstören konnte, aber seine Einigkeit gestärkt hat, die bereits während der kurzen Zeit seit Charlie in voller Stärke vorhanden war.

- Auf Antworten von den Ermittlern warten, aber nicht fähig, die Vorstellung abzuschütteln, dass dies eine Situation ist, in der Kinder zu Mördern werden, und sich gewahr werden, dass wir es mit einem gut organisierten Militärkommando zu tun haben.

- Er ging methodisch vor und erschoss Leute auf dem Boden auf grausamste Weise, denn er kannte die Orte gut, das Bataclan und wusste, dass die Menge sich an Freitagabenden mit Vorzug in die Bars am République/Oberkampf quetscht.

- Sich zusammenschließen, mit dem Finger auf diejenigen zeigen, die auf unanständige Weise von den Anschlägen profitieren - den Front National natürlich, aber nicht nur den.

- Laurent Wauquiez zum Beispiel, hat ohne zu zögern - zur Bestürzung des Gesetzes - sogar vorgeschlagen, dass man Internierungslager für Menschen der Kategorie "S" (unter höchster Überwachungsstufe) aufmachen sollte, auch wenn das Notstandsgesetz des Staates, das während des Algerienkrieges eingesetzt wurde, den Bau jeder Art von Internierungszentren verbietet!

- Kein bisschen auf Sicherheit geben, aber innerhalb des Buchstabens des Gesetzes bleiben, beim Risiko, sich nach draußen zu bewegen - welch eine Freude für die Terroristen!

- Sich vorstellen, mit einem Tick Optimismus, dass vielleicht all die negativen Nachwirkungen vom Januar, die gewisse Nachbarschaften gelähmt hatten, oder Studenten dazu veranlasst hatten, eine Schweigeminute für die Charlie- und Hypercacher-Toten einzulegen, ausgelöscht würden.

- Dass möglicherweise, gerade als wir aus dem Krieg kamen und so viele Franzosen verwirrt waren, Frankreich sich einen möge.

Wer kann solche barbarischen Akte wirklich "begreifen"? Wer kann sich aus nationaler Empörung von der Solidarität unserer Nation lossagen? Wer kann noch einmal sagen, wie einige schon gesagt haben, dass "sie darum gebeten" hätten? Ein Funke Hoffnung glimmt in einem See aus Blut.

Dieser Post erschien ursprünglich auf HuffPost Frankreich, wurde ins Englisch übersetzt und von Dagmar Köhnlein ins Deutsche übertragen.

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