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15/11/2015 15:26 CET | Aktualisiert 15/11/2016 06:12 CET

Warum wir Franzosen jetzt wieder anfangen müssen zu leben

dpa

Anne Sinclair, die Autorin dieses Textes, ist Herausgeberin der Huffington Post in Frankreich. Die prominente Journalistin schrieb bereits einen ersten, sehr persönlichen und aufwühlenden Text wenige Stunden nach dem Attentat. Nun schreibt sie ihre eindrücklichen Gedanken zwei Tage nach dem Anschlag in Paris nieder.

In dieser Zeit der nationalen Trauer sind die Verstorbenen fortwährend in unseren Gedanken...

Zwei Tage danach. Die Zeit weinte selbst gestern. Zum ersten Mal seit Tagen hat sich der Himmel verdunkelt und der Wind aufgefrischt. Der Tag entfaltete sich mit dem Alptraum der vorherigen Nacht und der Dumpfheit, in der Mitte der Nacht wach zu sein.

Es war ein Tag, an dem man Freunde und alle, die einem lieb sind, anruft, um sich damit ein wenig abzulenken. Und um die Bilder von einem Paris anzusehen, dessen Straße leer doch voller Blumen sind, und in dessen Fenstern Kerzen stehen.

Ein Tag, um Hypothesen zu analysieren und dabei zu versuchen, Sinn in all dem Irrsinn zu stiften, der uns befallen hat - genauso in Sousse, Bagdad, Damaskus, Beirut oder Tel Aviv.

Bilder von Gebäuden auf der ganzen Welt, blau, weiß und rot angeleuchtet, fluteten das Internet und halfen, dass wir uns weniger allein fühlten. Der Blick auf Zeitungen der ganzen Welt, der HuffPost-Ausgaben in so vielen Ländern Europas, Asiens und Amerikas, die unseren Schmerz teilten und Frankreich feierten, wärmte unsere Herzen.

Wir begannen systematisch Aufrufe zu retweeten - von Familien, die nach ihren Liebsten suchen, die verschwunden sind. Leere tat sich in uns auf, wenn wir dasselbe Foto zweimal entdeckten. Nur mit dem Hinweis, dass diese Person tot ist.

So viele schöne Gesichter. Habt ihr alle gesehen, wie schön und jung diese Nachschwärmer waren und wie ihre Freunde weinten? Junge Leute, die es bereuen mussten, dass sie etwas trinken gingen, die es so bereuen mussten, dass sie Musik hörten, vielleicht auch bereuen mussten, einfach zu nur zu lieben.

Im Januar verfolgten sie diejenigen, die mit dem Islam Freiheit und Fremdheit assoziieren. Freitagnacht versuchten sie, das Leben selbst zu vernichten - Sport, Musik, Geselligkeit mit Freunden in einem Restaurant.

Diese jungen Leute atmeten das Leben. Nieder mit dem Leben, der Sorglosigkeit, der Fröhlichkeit. Die Kommandos hätten genauso gut „Es lebe der Tod!" rufen können, wie Francos Armee es im Krieg mit Spanien getan hat.

Die blasse Sonne, die am Sonntag am Himmel hängt, lädt uns ein, langsam aus dem Schrecken hervorzutreten. Akte der Solidarität auf der ganzen Welt: Leute auf dem Trafalgar Square singen die Marseillaise, Madonna singt gemeinsam mit dem Publikum in Stockholm „La Vie en Rose", die ernsten Gesichter von Politikern überall auf der Welt - sie machen uns Mut, unseren Schritte wiederaufzunehmen, Musik zu hören oder vielleicht noch einmal Cimetière Marin von Paul Valéry zu lesen: Nach der Versuchung zu sterben, der in den ersten metaphysischen Phasen auftritt, verwandelt sich diese Versuchung in ein Verlangen zu leben. „Der Wind weht, man muss versuchen zu leben."

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post Frankreich, wurde ins Englische übersetzt und von Dagmar Köhnlein ins Deutsche übertragen.

Terror in Paris: Anschläge erschüttern Frankreich

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