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11/03/2016 05:10 CET | Aktualisiert 22/03/2017 06:12 CET

Liebe Mama...über die Unbescheidenheit der Sehnsucht

Anna Luz de León

Liebe Mama,

heute ist kein besonderer Tag, kein Geburtstag, nicht dein Todestag, niemand hat etwas über dich gesagt oder nach dir gefragt. Es ist ein Tag wie jeder andere und das heißt, ich denke an dich. Wie immer.

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Das habe ich vorher nicht gewusst, so wie ich so vieles vorher nicht wusste, aber es ist tatsächlich so - du bist immer in meinen Gedanken. Ich sage das den Kindern oft, wenn wir über dich sprechen. Überhaupt: über den Tod und was mit den Menschen passiert, die sterben und nicht mehr bei uns sind.

Ich sage, dass du in unseren Gedanken und in unseren Erinnerungen bist, in unseren Herzen, für immer. Dass alles, was du für uns warst, in uns ist und weiterlebt. Und du damit auch. Dass das jetzt deine Art ist, da zu sein. Nicht mehr physisch, nur noch in unserer Erinnerung. Aber da. Wir reden oft darüber, denn die Kinder denken auch an dich. Sie vermissen dich und dann fragen sie nach dir. Unser Gespräch nimmt jedes Mal diese Richtung.

Aber die Wahrheit ist, liebe Mama, dass das Bullshit ist.

Nicht die Idee davon, dass du da bist, in unseren Herzen für immer. Daran glaube ich, das ist unsere Wahrheit. Aber eben nur ein Teil davon. Denn der andere Teil ist das schreckliche, rohe, schmerzliche Vermissen deiner physischen Präsenz. Jeden Tag.

Ich vermisse deine Stimme, wie du lachst, wie du mir Dinge erzählst, die du erlebt hast oder wie du kommentierst, was ich dir erzähle. Ich vermisse deine Umarmungen zur Begrüßung, zum Abschied oder einfach so. Ich vermisse es, neben dir herzulaufen, mit dir spazieren zu gehen und Dinge zu entdecken.

Ich vermisse deinen unschlagbaren bisweilen schwarzen Humor, mit dem du jede noch so angespannte Situation entschärfen konntest und mit dem du mich immer wieder überraschen konntest, obwohl ich dich so gut kannte. Ich vermisse deine draufgängerische Art, mit der du kurzentschlossen Dinge umgesetzt hast, die dir gerade erst eingefallen waren - die unglaublichsten Dinge.

Ich vermisse die Art, wie du immer die Haustür geöffnet hast, wenn wir zu Besuch kamen: sperrangelweit, genau wie deine Arme, in deinem Gesicht dieses große Strahlen, mit dem du uns begrüßt hast.

Natürlich weiß ich das alles noch. Jeder Moment mit dir ist in mir eingebrannt und ja, da bist du noch - in mir und in all den Bildern aus den vielen Jahren mit dir. Aber hier, bei mir, da bist du nicht. Und alle Erinnerung, so schön sie ist, kann das nicht ersetzen.

Die Lücke füllen, die du hinterlassen hast. Nichts und niemand kann das.

Ich denke jeden Tag an dich, meine kleine liebe Mama,  und ich möchte dich immer wieder so oft so viel fragen. Ich erlebe Dinge mit meinen Kindern, die mich ratlos machen und ich möchte dich fragen - wie war das damals mit uns? Wie war ich mit 7, mit 9, mit 13? Was waren die Herausforderungen, vor die ich dich gestellt habe? Womit musstest du umgehen? Und was hast du dann getan?

Natürlich kann ich viele andere Menschen fragen, die damals dabei waren und mir erzählen könnten, wie das war. Aber deine Perspektive fehlt mir: deine Sicht auf mich als Mutter, die mir schon in früheren Jahren meines Mutterseins immer zum Abgleich wichtig war - entweder, um die Schnittmengen zwischen uns klarer zu sehen oder um mich abzugrenzen.

Dein Blick auf mich in meiner Rolle als Mutter meiner Kinder hat mir oft geholfen, selbst wenn mir das in der konkreten Situation nicht bewusst war. Dein Blick auf mich als Mutter meiner Kinder fehlt mir.

Dein Blick auf meine Kinder fehlt mir auch. Dein besonderer, liebevoller Omablick. Wie oft denke ich: "Ach, könntest du das jetzt sehen! Könntest du hier neben mir stehen und sehen, wie diese Kinder jetzt sind! Wie wild und wunderbar!"

Im Skiurlaub in Österreich hatten wir viele solche Momente und ich sagte das zum verliebten Vater der Kinder. Dass ich wünschte, du wärst da und könntest das sehen. Oder ich könnte dir immerhin davon erzählen, dir ein Foto zeigen, mit dir hinterher darüber lachen, was wir erlebt haben.

Er sagte das, was ich immer zu den Kindern sagen, wenn sie von ihrem Vermissen sprechen: "Sie sieht dich. Sie ist da, das spürst du doch." Ja, meistens spüre ich das und oft ist das tatsächlich sehr tröstlich. Aber eben nicht immer.

Zu wissen, dass ich dich in mir trage und dein Erbe zu spüren und zu sehen, reicht mir oft nicht. Es reicht mir nicht, mir vorzustellen, was du sagen würdest, selbst wenn ich es wahrscheinlich sogar recht genau weiß.

Ich will dich hören. In echt.

Es reicht mir nicht, mich zu erinnern, wie du gelacht und dich gefreut hast, wenn wir zusammen waren. Ich will es sehen, ich will dein leuchtendes glückliches Gesicht sehen. Es reicht mir auch nicht, das Echo deiner Liebe in mir zu fühlen, ich will deine Umarmung. Physisch. Wirklich.

Ich weiß, dass das nicht geht. Ich weiß das. Aber manchmal ist das Vermissen all dieser Aspekte zu groß, um mich mit dem Glauben an deine spirituelle Präsenz zu trösten. Das Fehlen ist dann einfach zu laut. Und dann will ich schreien: "In meinem Herzen am Arsch!". Weil mir das nicht reicht.

Sehnsucht ist unbescheiden. Das wusste ich vorher nicht.

Liebe Mama, ich vermisse dich schrecklich. Irgendwie wird das mit den Jahren nicht weniger. Totsein ist ein Arsch.

Deine Anna

Die Autorin betreibt den Blog Berlin Mitte Mom.

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