BLOG
17/01/2016 12:00 CET | Aktualisiert 17/01/2017 06:12 CET

Warum die Flüchtlingskrise mein Weltbild auf den Kopf stellt

Getty

Bis vor kurzem war mein Weltbild noch einigermaßen intakt. Im Laufe meines Lebens bastelte ich mir ein Puzzle zusammen. Politisch interessiert, verfolgte ich in den Medien den Lauf der Welt. Ich diskutierte, demonstrierte, urteilte.

Mühsam suchte ich mir so die Teile meines eigenen Weltanschauungspuzzles zusammen. Mit Klugscheißerfinger zeigte ich auf all jene, die nicht den (meinen) Durchblick hatten. Pegida, Frau Merkel, die Nazis, die Flüchtlinge, die Ausländer, die Presse...alle Teile fügten sich zu einem großen Ganzen zusammen.

Seit kurzem gefällt mir das entstandene Bild nicht mehr, weil ich bemerke, dass ich viele Puzzleteile mit Gewalt ineinander gedrückt habe.

Frau Merkel, die mir immer eine Gänsehautentzündung verursachte und noch in der Griechenlandfrage die Symptome verschlimmerte, entpuppte sich als Menschenfreundin, die Asylantenkinder streichelte und als Selfiequeen in die Annalen des Jahres 2015 eingehen wird.

Während ich mit Entsetzen den Pegidioten bei ihrem grenzdebilen Tun zusah und entschlossen dagegen demonstrierte, auf Facebook meldete, anzeigte und mich erregte, kam der Flüchtlingsstrom. Und mit ihm kam der andere Deutsche. Der, der die willkommen hieß, die vor einem schrecklichen Krieg fliehen mussten. Der, der bis zur Erschöpfung ehrenamtlich half wo er konnte...und darüber hinaus.

Während ich ganz versteckt so etwas wie Stolz auf meine Landsleute verspürte, gleichzeitig darüber nachdenken musste, was das mit dem Waffenexport auf sich hat und ob das alles nicht irgendwie schizophren ist, pulte ich mein Puzzle auseinander und mischte die Teile neu.

Nun sitze ich davor, versuche zu verstehen, warum es so viel mehr Teile sind als vorher. Und dass es kein Bild mehr gibt. Nur noch einen Himmel in den unterschiedlichsten Schattierungen. Immer wenn ich meine, dass zwei Teile zueinander passen, bemerke ich erstaunt, dass auch ein drittes passen könnte.

Ich verteidige das Recht der Asylbewerber, sich hier in Deutschland ein Leben in Frieden und Sicherheit aufzubauen. Ausländerfeindliche Kommentare auf Facebook, die nach den Vorkommnissen in der Silvesternacht nun vermehrt aus der Mitte der Gesellschaft kommen, verurteile ich. Ich widerspreche und argumentiere.

Neu ist, dass ich auch Freunden widerspreche. Denen, die nicht heraus können, aus der Rolle des Beschützers der Asylbewerber.

Mein Gedankenpuzzle wird zum Gehirnmemory und ich habe nie zwei passende Bildchen.

Ich sehe die Politik. Ich sehe, dass die vertriebenen Menschen Hilfe benötigen und es keine Obergrenze geben kann/darf. Ich schaue ins europäische Ausland, bin empört und erschrocken, über die Abgründe, die sich dort auftun. Das europäische Haus bröckelt.

Ich sehe aber auch, dass Quantität hier die Qualität nieder schlägt. Integration geht so nicht. Ich kann nicht realitätsfremd nur mein Herz sprechen lassen. Menschen müssen lernen, ein Dach über dem Kopf haben, arbeiten, unsere Kultur verstehen und ihren Platz finden, ohne ihre Identität zu verlieren.

Ich lese über die Silvesternacht. Bin angeekelt und wütend auf die Asylbewerber, die den Rassisten in die Karten spielen, die keinen Respekt haben vor Frauen und humanistische Werte mit Füßen treten.

Ich bin genervt davon, dass die Polizei lügt, damit die Nazis kein Futter bekommen. Ich möchte brechen, ob der reißerischen Berichterstattung unserer Medien, die je nach Ausrichtung betont, dass es Ausländer waren, die die Übergriffe in Köln und anderen Städten zu verantworten haben oder die groß berichten, was, wie oft auf dem Oktoberfest geschieht und das ja nicht nur Ausländer...

Ich glaube niemandem und an gar nichts mehr. Habe das Gefühl, als wäre ich betrogen worden, weiß aber nicht von wem.

Ich habe keine Position mehr.

Oder vielleicht habe ich sie doch. Ich möchte die Wahrheit. Ich möchte wissen was geschieht. Wenn Asylbewerber straffällig werden, dann will ich sie verurteilen dürfen. Wenn ein Deutscher pauschalisiert und in seiner Wut rassistisch angehauchte Wahrheiten verdreht, dann will ich dagegen halten.

Ich möchte mich nicht anpassen. Ich möchte urteilen, ohne Ideologie.

Hey, ich werfe mein Puzzle auf den Müll und kaufe Malen nach Zahlen. Da geht nichts schief. Aber die Revoluzzerin in mir vertauscht sowieso wieder die Farben.

Nach Übergriffen in Köln: Polizei setzt 10.000 Euro Belohnung für Hinweise auf Täter aus

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.