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08/02/2016 06:33 CET | Aktualisiert 08/02/2017 06:12 CET

ADHS: Wenn ihr keine Ahnung habt, haltet einfach die Fresse!

Mein Kind hat ADHS. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Und ich habe es gar nicht bemerkt. Ich habe bemerkt, dass mein Kind immer ein wenig anders war als andere.

Es begann schon damit, dass es keine Lust hatte Bausteine aufeinander zu stapeln und mich irritiert ansah, als ich es ihm vormachte. Es spielte nicht, wie ich es von meinen älteren Kindern kannte. Anregungen nahm es nicht als solche wahr, sondern schaute interessiert zu, wenn ich auf dem Teppich rutschend Autos sinnlos hin- und her schob oder bastelte oder Puppen imaginären Kartoffelbrei kochte.

Sobald ich damit aufhörte und mein Kind aufforderte es mir gleich zu tun, guckte es mich an, als sei ich die Klassenletzte. Und geradezu erleichtert holte es ein Buch herbei, damit wir lesen. Bilderbücher waren heiß geliebt, denn dann konnte mein Kind das tun, was es am liebsten tat. Reden (üben).

Leben mit ADHS

Im Kindergarten war ich immer die Mutter, die nie ein Muttertagsgeschenk überreicht bekam. Es war nie fertig geworden. Viel lieber hing mein Kind kopfüber an der Turnstange und kletterte bedächtig die Stufen zur Rutsche hoch. Und es sang. Dauernd. Die Erzieher beklagten sich, dass mein KInd nicht gruppenkomartibel wäre. Immer benötigte es eine extra Aufforderung, wenn etwas anstand. Basteln war blöd. Bauen war blöd. Allein Schuhe anziehen erst recht. Überhaupt waren die dauernd weg. Hingeworfen ins Irgendwo,weil es nicht einsehbar war, warum sie an ihrem Platz stehen sollten.

Mein Kind war nie satt. Es futterte sich durch den Tag und wenn ich nicht aufgepasst hätte, wäre er geplatzt. Es redete dazwischen, sang, machte den ganzen Tag Geräusche, tanzte, hopste und spielte so lange mit den Kindern draussen, bis die anfingen Fussball zu spielen oder Fangen oder Fahrrad zu fahren.

Mein Kind brauchte lange für die Fertigkeit ohne Stützräder zu fahren, schwimmen zu lernen oder zu schaukeln. Also tat es das alles nicht gern. Mein Kind baute sich ein Sofa in der Sandkiste und redete. Es machte Bemerkungen, Beobachtungen und war beleidigt, weil die anderen nichts anfangen konnten, mit den großen Fragen dieser Welt, die ihn bewegten...während alle anderen sinnlos gegen den Ball traten.

In der Schule wurden die Aufgaben gemacht...aber nie geschafft. Wurde das E durch ein Eichhörnchen verdeutlicht, beschäftigte sich mein Kind mit dem Eichhörnchen. Was es wohl frisst, welche Farben es hat. Es ließ das Eichhörnchen phantasievolle Geschichten erzählen. Laut. Ohne Rücksicht auf das nebensächliche E. Mein Kind war damit beschäftigt zu gucken, ob alle ihre Hausschuhe tragen, ob es draussen regnet oder wer da hinten mit dem Papier raschelt.

Ich war mit den Nerven am Ende.

Irgendwann wurden wir informiert. Die Lehrerin war verzweifelt, weil sie den Intellekt sah, aber er ihn nicht nutzen konnte für den vorgeschriebenen Lehrplan. Er wusste viel, er urteilte, er gab Denkanstöße, aber es interessierte ihn nicht, warum 3-9 nicht ging. Nur warum eigentlich nicht?

Ich war mit den Nerven am Ende. Ich hatte schon zwei Kinder groß gezogen, bin Erzieherin... und war trotzdem ratlos. Von Morgens bis zum Abend war mein Kind eine einzige Gräuschkulisse. Aber eine, die auch Antwort wollte. Und die viel log. Die Dinge erzähle, die mich empörten, ängstigten oder überforderten und sich dann oft als Phantasiegebilde herausstellten.

Diagnose und Therapie

Auf Rat der Lehrer vereinbarten wir einen Termin bei einem angesehenen Kinderneurologen. Über 3 Monate warteten wir auf den Termin. Wir mussten eine Einschätzung der Lehrer mitbringen, die Zeugnisse und mussten einen dicken Fragebogen ausfüllen.

Der Arzt machte ein EEG, testete Konzentration und Intellekt meines Kindes. Wir wurden zu einem HNO Arzt überwiesen, der das Hörvermögen (auch räumlich) testete.

Dann kam das Ergebnis. Der Arzt fuchtelte mit seinem dicken Zeigefinger vor unserer Nase herum und zeigte auf seine Fingerkuppe. "Hier ist der Intellekt ihres Kindes"... dann zeigte er auf das Ende seines Fingers "Und hier seine Konzentration". Ihr Kind hat nach Auswertung aller Ergebnisse ADHS.

Entsetzt starrten wir auf den Arzt. Und noch bevor wir Ergotherapie aussprechen konnten,fuhr er fort:

"es kann nicht schaden, wenn ihr Kind Ergotherapie macht oder ähnliche Angebote nutzt, aber wenn sie ihm wirklich helfen wollen, dann kommt er nicht um eine medikamentöse Behandlung herum."

Um es kurz zu machen. Wir ließen uns darauf ein. Und es war wie ein Wunder. Nach der ersten Dosis des Medikamentes begann mein Kind mit Lego zu bauen. Ich sah zu und ließ mir erzählen, was er fühlt. Er nannte es "Ruhe im Kopf" haben und strahlte mich an.

Es war wie ein Wunder.

Inzwischen ist er in der Pubertät und ich lasse ihn entscheiden, ob und wann er Tabletten nimmt. Wie er es beschreibt? "Ich nehme die Tabletten manchmal nicht gern, weil ich das Gefühl bekomme, nicht 100 % ich zu sein. Weil ich ja ohne Tabletten viel unruhiger bin. Ich merke dann, dass ich den Menschen in meiner Umgebung auf die Nerven gehe. Weil ich reden muss oder lachen oder singen.

Die Unruhe im Kopf

Wenn ich diese Unruhe im Kopf habe, dann muss ich das tun, damit mein Kopf nicht platzt. Die Menschen können damit nicht umgehen, weil ich Sachen rufe, die keinen Sinn ergeben, Phantasielieder singe oder mit irgendeinem Deckel klappere. Immer und immer wieder. Meine Mitschüler wenden sich dann ab, sind genervt und ich stehe allein da."

Und genau das ist es liebe Kritiker, liebe Besserwisser, liebe "ADHS Kinder brauchen keine Tabletten, sondern einen Wald" Klugscheißer.

Niemand ist eine Insel. Kaum jemand möchte allein durch Wälder toben und in einer Parallelgesellschaft leben. Unsere Kinder müssen hier irgendwie funktionieren, weil unsere Gesellschaft (und das seid auch ihr) Andersartigkeit nicht will, nicht erträgt.

Mein Kind ist intelligent. Und würde dennoch in der Schule versagen, weil es zuhören soll, tun was die Klasse tut, im 45 Minuten Takt. Es stört, wenn es den Bleistift wieder und wieder auf den Tisch klopft, weil ein innerer Druck da ist, der sich so ein wenig entlädt.

ADHS ist eine Stoffwechselstörung, bei der ein Botenstoff im Gehirn fehlt - das Dopamin. Niemand findet es erstaunlich, wenn sich Diabetiker Insulin spritzen, weil es dem Körper fehlt.

Dopamin fehlt dem Gehirn damit es "normal" funktioniert. Gesellschaftskompatibel.

Von Albert Einstein bis Robin Williams gibt es viele Beispiele kreativer Köpfe, die an ADHS litten und so häufig einsam waren.

Hört auf damit ADHS Betroffene nicht ernst zu nehmen. Den Eltern zu unterstellen, sie würden ihre Kinder nur ruhig stellen wollen. Unsere Gesellschaft erträgt es nicht, wenn Menschen sich anders verhalten. Realitisch gesehen, gibt es nur die Wahl des Ausgegrenzt sein, als Sonderling die Einsamkeit zu suchen oder sich medikamentös behandeln zu lassen.

Und es muss jetzt raus: wer keine Ahnung hat...einfach mal die Fresse halten.

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