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04/12/2016 12:02 CET | Aktualisiert 05/12/2017 06:12 CET

Die Kunst des Wartens

Portra Images via Getty Images

Mein Name ist Anika Bischoff, ich wurde durch großes Glück im Jahr 2015 lungentransplantiert. Ich habe meine Geschichte (www.abflugtx.de) in einem Buch veröffentlicht.

Das Thema Organspende ist immer mal wieder in den Medien mit seinen vielen Geschichten und Meinungen vertreten. Auch die einen oder anderen „Skandale" gehen durch die Medien. Im Jahr 2015 haben im Eurotransplant „Land" rund 746 Menschen auf eine Lunge gewartet und ich gehörte dazu. Gewartet, das klingt fast nett. Das klingt, als warte man mal eben auf den Bus.

Aber so leicht ist es leider nicht. Jemand der auf ein Organ wartet, quält sich. Tag und Nacht. Manche haben das Glück und können zu Hause, in ihrer vertrauten Umgebung warten. Oft physisch stark eingeschränkt, oft mit Sauerstoffgerät und/oder sogar im Rollstuhl.

Dieser Mensch quält sich mit Gedanken wie: „Werde ich die nächsten Wochen überleben, das nächste Weihnachten, den nächsten Geburtstag?" Alles scheint zur Nichtigkeit zu werden. Man sehnt sich nach einer Veränderung, einer letzten Chance.

Andere, wie ich, warten in Krankenhäusern, auf Intensivstationen. Dort, wo die Sonne nicht scheint. Jeder Tag wird dort zur Qual. Jeder Gedanke wird zur Angst und jeder Traum zum Albtraum. Dort liegt man und hofft. Hofft, dass man noch einmal eine Chance bekommt.

Hofft, dass man noch nicht stirbt, weil man zum Sterben noch nicht bereit ist. Man hofft nicht auf den Tod des anderen. Man hofft aber, dass dieser andere Mensch zu Lebzeiten darüber nachgedacht hat, was mit seinen Organen passieren soll, wenn er von dieser Welt gehen muss.

Dass es ihm nicht egal war und dass dieser Mensch dies dokumentiert hat. Man hat unvorstellbare Angst. Angst, dass alles vergeblich war. Angst, seine Freunde, seine Familie, seinen Partner das letzte Mal zu sehen. Jeder Abschied könnte der letzte sein.

Manche, wie ich, beginnen dann Gespräche mit Gott zu führen. Man erzählt dann seine letzten Wünsche, weil man spürt, dass die Kraft immer mehr schwindet. Und man hofft, dass man Gottes Antwort noch miterlebt.

Manche, wie ich, hatten das Glück. Mein Organ, meine Lunge kam. In letzter Minute.

Das Warten war zu Ende.

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Paperback

116 Seiten

ISBN-13: 978-3739248233

Verlag: Books on Demand

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