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07/12/2015 06:33 CET | Aktualisiert 07/12/2016 06:12 CET

Mein Kind wäre fast in meinen Armen gestorben

Angie Campanelli

Heute vor einer Woche hat mein 20-Monate alter Sohn ein Stück von einem Monopoly-Spiel verschluckt und wäre beinahe in meinen Armen gestorben.

Innerhalb von Sekunden änderte sich die Farbe in seinem Gesicht.

Er hatte Schaum vorm Mund.

Er starrte mich mit weit aufgerissenen, runden, panischen Augen an - dieser Blick hat mich verändert. Für immer.

****************

Anfangs verhielt ich mich, wie es viele bei ihrem ersten Kind tun. Ich wurde überempfindlich allem gegenüber. Ich passte genau auf, dass mein Sohn nicht hinfiel, keinen Keimen ausgesetzt war und vor allem versuchte ich, ihn vor jeglichen Schmerzen zu bewahren. Aber als aus Wochen Monate wurden und als wir schließlich die eineinhalb-Jahre-Marke knackten, dachte ich, ich hätte meine Sache erledigt. Mein Kind war klug genug, um sicher zu spielen. Er schien so ein starker kleiner Junge zu sein. Er kletterte auf Möbeln herum, rannte durch alle Zimmer und nahm an organisierten Sportveranstaltungen teil. Ich war mir seiner Fähigkeiten sicher. Langsam konnte ich mich in meiner Rolle als "Mama" entspannen.

Der Nachmittag des Unfalls hat sich für immer in meine Erinnerung gebrannt. Mein Sohn wachte von seinem Mittagsschlaf auf und ich beschloss, mit ihm in die Bücherei zu gehen. Oder nicht ...

Da ich am nächsten Morgen anfangen würde, wieder für ein paar Monate zu arbeiten, wollte ich aus unserem gemeinsamen Tag das Maximum rausholen. Ich zögerte unseren Aufbruch zur Bücherei hinaus und beschloss, ihn mit den Sachen spielen zu lassen, die normalerweise für die Besuche meines 10-jährigen Stiefkinds reserviert sind (eine Schachtel mit Lego-Figuren, kleine Spielzeuge und die Figur einer Monopoly-Sonderedition - eine kleine Katze).

Ich stellte die Lego-Figuren auf, setzte ihnen Hüte auf und steckte ihnen Tassen an die Hand. Plötzlich sah ich, wie mein Sohn, der nur Zentimeter von mir entfernt saß, sich die Katzenfigur in den Mund steckte. Ich sagte ihm ernst:

"Jack, spuck das aus. Du weißt, dass du das nicht in den Mund nehmen sollst." (Seufz)

"Jack!"

"Jack, hör auf die Mama!"

"Oh mein Gott, oh mein Gott ... steckt es in deinem Hals? Oh mein Gott, es steckt in seinem Hals!"

"Hilfe! So hilf mir doch jemand!"

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Es hat sich wirklich wie die Untersuchung einer Straftat abgespielt. Ich schrie aus voller Seele nach Hilfe (ich dachte, dass vielleicht ein Arzt in meinem Wohnkomplex lebte und auf wundersame Weise die Tür eintreten und meinen Sohn retten würde) und versuchte verzweifelt das Spielzeug aus seinem Hals zu lösen.

Ich zögerte ein klein wenig, den Notruf zu wählen, weil ich Angst hatte, diese Person zu sein -- die Person, die den Notruf wählt und dessen Zeit verschwendet. Aber als sich unsere Blicke trafen und ich den angsterfüllten, hilfesuchenden Ausdruck in seinen Augen sah, rief ich an. Innerhalb von Minuten hörte ich die Sirenen, rannte mit meinem armen Baby im Arm zur Tür und winkte sie heran.

Drei große Männer kamen in unsere Wohnung und schoben alles zur Seite, das ihnen im Weg war. Schnell schlossen sie Jack an verschiedene Geräte an. An diesem Punkt hatte mich der Mann vom Notruf bereits soweit angeleitet, dass wir eine Art Atmung wiederhergestellt hatten.

Wir stiegen in den wartenden Krankenwagen und fuhren zum Kinderkrankenhaus.

Als wir in der Notaufnahme ankamen, schien Jack relativ normal zu atmen. Er konnte umherlaufen, sprechen und so weiter. Sofort fragte die Krankenschwester:

"Es tut uns Leid, dass wir das wieder und wieder fragen müssen, aber sind Sie sicher, dass er es runtergeschluckt hat?"

"Ist es möglich, dass er es ausgespuckt hat, als sie ihm auf den Rücken gehauen haben?"

Ich dachte an den verzweifelten Notruf und die Instruktionen, die mir der Mann am Telefon gegeben hatte. Ich sah mich selbst, wie ich ihm auf den Rücken schlug, ihm sagte, dass alles gut werden würde, und so weiter. Aber ich sah nicht die verdammte Katze aus seinem Mund fallen.

Trotzdem zweifelte ich an mir selbst. Ich dachte, er hätte sie verschluckt. Aber, vielleicht auch nicht?

Im Wartebereich der Notaufnahme verging die Zeit langsam. Mein Mann kan. Wir saßen da. Wir warteten. Gerade als wir nach Hause gehen wollten (Ich sagte mir, dass er die Katze ausgespuckt haben musste, als ich nicht hinsah) riefen sie uns endlich zum Röntgen.

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Da war sie. Kopfüber steckte sie in seinem Hals und drückte gegen seine Luftröhre.

Die Krankenhausmitarbeiter kamen auf Touren. Innerhalb von Stunden brachten sie meinen Sohn in den OP. Sie wollten ihn künstlich beatmen und dann mit einer Sonde das Spielzeug aus seinem Hals holen, alles unter Vollnarkose.

Letztlich schob der Schlauch für die künstliche Beatmung die Katze zu weit nach unten, um sie herauszuziehen. Wir mussten warten, dass sie auf natürlichem Wege wieder herauskam.

Als er aus dem OP kam, war er völlig fertig. Ich hielt ihn im Arm, weinte (ich hörte praktisch die ganze Nacht nicht auf zu weinen) und drückte ihn an meine Brust.

Er schlief jede Nacht bei mir im Bett bis die Katze endlich rauskam.

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Der ganze Sinn dieses Beitrags ist, dass ich hoffe, andere Eltern aufzurütteln, die eventuell etwas nachlässig bei der Aufsicht ihrer Kinder geworden sind. Ein paar Worte der Vorsicht:

(1) Glaubt niemals, dass euch sowas nie passieren könnte, denn das kann es. Es könnte euch passieren, während ihr genau neben eurem Kind sitzt. Werdet diese kleinen gefährlichen Teilchen los. Nur weil sie noch keins verschluckt haben, heißt das nicht, dass sie es auch in Zukunft nicht werden. Ihr könnt es einfach nicht wissen.

(2) Wenn euer Kind kleine Spielsachen mag (Shopkins, Lego-Figuren, etc.), findet heraus, was ihm daran so gut gefällt und kauft altersgerechte Alternativen. Mein Sohn steckt gerne kleine Menschen und Tiere in Sachen (Autos, Türen oder Häuser), also haben wir alle Stücke, die in seinen Mund passen weggeworfen und Little People und Playmobil und andere sichere Figuren gekauft.

(3) Zögert nie, den Notruf zu wählen. Niemals. Die Sekunden, die ihr damit verschwendet, um herauszufinden, ob es wirklich ein Notfall ist, können zwischen Leben und Tod entscheiden. Wen interessiert es schon, wenn ihr Hilfe holt und sich euer Kind dann erholt? Niemanden. Wenn überhaupt, teilen alle Beteiligten eure Freude und euer Erleichterung darüber, dass nichts schlimmes passiert ist.

(4) Bleibt in einem chaotischen Moment ruhig. Konzentriert euch darauf, eurem Baby gut zuzureden und es zu trösten. Eines der wenigen Dinge, an die ich mich noch erinnere ist, dass mir der Notarzt am Telefon sagte, dass ich mein Kind beruhigen sollte. Sofort als ich anfing, ihm zärtlich zu sagen, wie lieb ich ihn habe, dass alles gut werden würde, ihm den Rücken zu streicheln, entspannte er sich ein bisschen und das Spielzeug konnte ein kleines bisschen tiefer rutschen und er besser atmen.

(5) Zweifle niemals an deinen Instinkten. Ich wusste, dass die Katze noch in seinem Hals steckte. Glaubt mir, ich hätte mich daran erinnert, wenn etwas aus seinem Mund geflogen wäre. Denn das hätte mich erleichtert. Aber ich habe nichts gesehen oder bemerkt und am Ende hatte ich Recht.

(6) Als Eltern geht es vor allem darum, in jedem Moment für dein Kind da zu sein. Wenn ich in einem anderen Zimmer beim Wäsche falten gewesen wäre und ihn mit den Spielsachen allein gelassen hätte, wäre das alles bestimmt anders gelaufen. Viele Eltern lassen ihre Kinder in der Badewanne oder mit Essen im Kinderstuhl alleine, um schnell etwas zu erledigen - Emails checken oder Wäsche machen oder so etwas. Aber es sind genau diese Sekunden und Minuten, die eure Familie für immer zerstören können. Nichts kann je wichtiger sein als einfach da zu sein.

Um ehrlich zu sein, kann man diesen Weckruf, den ich durch diesen schrecklichen Albtraum bekommen habe, nicht in Worte fassen oder erklären. Ich glaube wirklich, dass das (der Gedanke, dass dein Kind in deinen Armen stirbt) etwas ist, dass man erlebt haben muss, um wirklich zu verstehen, was ich schreibe.

Ich glaube jetzt, dass wenn alle Eltern so etwas Erschreckendes und Traumatisches im ersten Lebensjahr ihres Kindes erleben müssten, wir alle bessere Eltern wären.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post Kanada und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.

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