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07/02/2016 04:36 CET | Aktualisiert 07/02/2017 06:12 CET

Lärm um Kenia

GEORGINA GOODWIN via Getty Images

Am Anfang war seine Botschaft stumm: Boniface Mwangi, ein junger Student an der Bibelschule, der eigentlich Priester werden sollte, verzweifelte eines Tages an der Unzulänglichkeit von Sprache und beschloss, durch Bilder zu sprechen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, dachte Mwangi.

Und wurde Fotojournalist. Er dokumentierte fortan, was er in seiner Heimat Kenia sah: das Leben seiner Landsleute und die Momente, in denen dieses Leben aus den Fugen geriet. So wie 2007/2008. Als nach den damaligen Wahlen blutige Unruhen und Gewalt ausbrachen und Opposition wie Regierungstreue die sie jeweils unterstützenden Ethnien gegeneinander aufhetzten und zu Mord und Totschlag aufriefen, klammerte er sich an die Kamera, dieses mächtige Instrument, das selbst Diktatoren zu Fall bringen kann, und hielt die Gräueltaten fest.

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Das Entsetzen zeigen, um es benennen, aufarbeiten, bewältigen zu können

Boniface erblickte Unaussprechliches, brachte es mit seinen Bildern zur Sprache und sein Leben damit in Gefahr. Das Entsetzen zeigen, um es benennen, aufarbeiten, bewältigen zu können und zu einer neuen politischen Ordnung überzugehen - hierfür wollte er Voraussetzungen schaffen.

Fotografieren gegen das Vergessen. Doch es bewirkte - nichts. Nur kurze Zeit später wurde ein Regierungsbündnis beschlossen und der politische Alltag mit seiner allgegenwärtigen Vetternwirtschaft und Korruption trat wieder ein. Niemand sprach mehr über das, was war. Und es war, als wäre nie etwas gewesen.

Da beschloss Boniface, dann doch wieder zu Worten zu greifen und selbst zu sprechen: hörbar und laut. Er besprach sich mit Freunden und sie vereinbarten, gemeinsam aufzustehen und das Unrecht hinauszuschreien. Am Nationalfeiertag im Stadion. Die Rede des Präsidenten mit Zwischenrufen stören, an die Gewalt erinnern, für die niemand mehr verantwortlich schien.

Tag der Entscheidung

Doch als der Tag gekommen war, fand er sich alleine wieder, keiner der Freunde war im Stadion zu finden. Er beschreibt diesen Tag als den Tag der Entscheidung, der seinem Leben eine neue Richtung gab. Der Wendepunkt, an dem er bewusst politisch wurde. Aufstehen und schreien oder sitzenbleiben und stumm bleiben - Boniface entschied sich für Ersteres.

Von der Polizei durch Prügel zum Schweigen und schließlich in eine Zelle gebracht, wurde Mwangi klar, dass er von da an erst recht nicht mehr still sein würde. Rückblickend sagt er, es gäbe zwei wichtige Tage im Leben eines Menschen: Der Tag, an dem er geboren ist. Und der Tag, an dem er herausfindet, wozu er geboren ist.

Boniface suchte seine Bilder zusammen und schickte sie auf Wanderschaft, nagelte sie landesweit an Mauern und öffentliche Wände, stellte sie an Straßen aus. „Pitcha Mtaani/Pictures on the Road" war geboren, ein Projekt, das die Menschen nicht nur zum Weinen, sondern auch zum Reden brachte. Die meisten Kenianer hatten von den Ausschreitungen zwar gehört, die Gewalt selbst aber nie gesehen.

Mwangis Bilder führten ihnen vor Augen, was Kenianer anderen Kenianern, was Menschen einander angetan hatten. Rund um die Ausstellung wurden Diskussionsforen veranstaltet, Gesprächsrunden abgehalten, Friedens- und Versöhnungsinitiativen gegründet, die Jugendbewegung „Kenya Ni Kwetu/Kenya is our home" entstand. Doch das Ziel war noch lange nicht erreicht. Bis heute ist Kenia ein gespaltenes Land, das seine politische Polarisierung entlang ethnischer Gräben nicht überwunden hat.

Mit Blut bespritzte Schweine

Boniface Mwangi ist Aktivist geblieben, hat mit zahlreichen sozialen wie politischen Projekten und - selbst im urbanen, fortschrittlichen Nairobi so nie gesehenen - künstlerischen Aktionen von sich reden gemacht. Er hat mit Blut bespritzte Schweine vor das Parlament getrieben, um die Gier der Abgeordneten zu illustrieren, hat hunderte von Särgen vor dessen Toren abgelegt, um die Totengräber der Demokratie symbolisch zu beerdigen.

Unzählige Male wurde er geschlagen, verhaftet und verhört. Und immer wieder freigelassen, denn der Kreis seiner Anhänger ist kontinuierlich gewachsen und die internationale Gemeinschaft hält ihre schützende Hand über ihn.

Inzwischen ist Mwangi der bekannteste kenianische Aktivist: zahlreiche Auszeichnungen (unter anderem den CNN Award 2008 und 2010 sowie den CNN Africa Photojournalist of the Year Award, um nur wenige zu nennen) und ein enormes Medieninteresse haben ihn im Inland wie im Ausland zu einer Gallionsfigur des kenianischen Protestes gegen korrupte politische Machenschaften gemacht.

Sein vielleicht beständigstes Projekt ist Pawa254, Nairobis einziges Medien- und Künstlerhaus, in dem Journalisten, Filmemacher, aber auch Schriftsteller und Maler einen Begegnungsort haben und sich für gesellschaftliche Veränderung und Menschenrechte einsetzen können.

Politische Teilhabe im 21. Jahrhundert

Mwangi versteht nicht, wie es in einer Großstadt wie der Hauptstadt Kenias keinen einzigen Ort geben kann, an dem sich die jungen, kreativen Bürger des Landes austauschen können - ebenso wenig wie er versteht, wie diese unpolitisch sein können, sich nicht in soziale und politische Anliegen einbringen, sie mit ihren Mitteln thematisieren wollen.

Oder die Kraft moderner Medien dazu nutzen - freilich auch, weil sie keinen finanziellen Spielraum haben. Politische Teilhabe im 21. Jahrhundert bedarf der Kommunikationsmittel des 21. Jahrhunderts, und die stellt Pawa254 zur Verfügung: Computer, Internet, Smartphones und Unterstützung in allem, was sich damit anfangen lässt.

Aktivismus ist nicht Politik, das weiß Mwangi, auch Bloggen, digitale Proteste und sozial-mediale Revolutionen sind nicht Politik. Doch sie können die Politik dazu bringen, eine andere Politik zu machen. Oder überhaupt Politik zu machen. Denn Politik im eigentlichen Sinne findet in Kenia nicht statt, auch nicht - schon gar nicht - im 21. Jahrhundert: Es geht nicht um Ideologien, Werte, Programmatik, um das, was das Wesen von Politik ausmacht.

Ein Kampf um das Eigeninteresse

Worum es geht, ist das eigene „Ich", gefolgt von der Familie und vielleicht noch der ethnischen Gruppe. Ein Kampf um das Eigeninteresse aber, wie er in der kenianischen politischen Arena stattfindet, ist nicht Politik, sondern ein Kampf um Ressourcen. Der ehemalige Schweizer Botschafter hat dies so vor Verlassen des Landes im Juli 2015 sehr direkt formuliert - eine vielleicht undiplomatische, aber nicht gewagte These, der nicht nur Mwangi, sondern auch die Mehrheit seiner Landsleute sofort zustimmen würden.

Politik in Kenia im 21. Jahrhundert ist, und das bedauern viele, von Versorgungsmentalität geprägt - und viel Lärm, Lärm um nichts, Lärm um sich selbst. Auch Mwangi macht Lärm, damit das Land aufwacht. Lärm um Kenia, würde er sagen. Mwangi macht nicht Politik, aber er fordert sie ein.

Gut möglich, dass er eines Tages selbst vormachen wird, wie Politik in Kenia gehen kann und dass er nicht mehr nur vor dem Parlament, sondern auch in dessen Inneren protestiert. Möglich aber auch, dass er genau dort, wo es zu überzeugen gilt, letztendlich verstummt - und, wie viele andere vor ihm, um persönliche Interessen kämpft, Ressourcen hortet. Vielleicht gelingt ihm aber auch das, wofür er damals im Stadion aufgestanden ist: Politik im 21. Jahrhundert, wie sie für ihn, als junger Mensch, aussehen kann.

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Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.

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