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28/02/2016 10:46 CET | Aktualisiert 28/02/2017 06:12 CET

21. Jahrhundert gegen Steinzeit - Nomaden im Generationenkonflikt

Marka via Getty Images

Kenia - für viele das Land einer einzigartigen Natur und Tierwelt, der Nationalparks, der Suaheli-Küste, mit Nairobi als Lande- und Zwischenstation, Green City in the Sun, wie sich die Hauptstadt gern selber nennt - und zwar nicht ganz zu Unrecht: viel Sonne, aber auch ausreichend Regen, fruchtbare Böden, üppige tropische und subtropische Vegetation - ein Garten Eden, gesegnetes Land.

Doch schon wenige hundert Kilometer Richtung Norden hört dieser Eindruck auf: mehr als vierzig Prozent des Landes sind aride und semiaride Gebiete, Kenia ist eines der trockensten Länder der Welt. Im hohen Norden nur Steine und Wind. Nomaden ziehen hier ihre Kreise, versuchen seit jeher, in dieser Kargheit ihr Dasein zu bestreiten, die existentiellste aller Nöte zu stillen - den Hunger, von wiederkehrenden Dürren geplagt.

Hier, so denkt man, hört Kenia auf - und hier ist das 21. Jahrhundert noch weit, weit entfernt. Man fühlt sich in die Steinzeit zurückversetzt, konserviert-petrifiziert wie die vielen prähistorischen Funde, die ihren Weg ins Museum noch finden müssen, jahrtausendealte Knochen, die einfach so herumliegen.

Und auch die Menschen muten an wie Zeugnisse einer Vorzeit, die man untergegangen wähnt, nur aus vergilbten Reiseberichten, Phantasiewelten kennt, Figuren wie direkt aus der Zeit, nachdem der Mensch aus dem Paradies vertrieben und das Leben ein Kampf ums Überleben wurde.

Turkana, Borana, Pokot - vielfältige ethnische Gruppen wandernder Hirtenvölkern, deren Frauen Ringteller um die hohen, schlanken Hälse tragen und bunte Verzierungen um Kopf, Gliedmaßen und Gesicht - trifft man hier, draußen, im Busch.

Die Männer: archaische Krieger, wie der koloniale Albtraum des (nicht immer) edlen Wilden sie gefürchtet haben mag - Federn in den langen Haaren und Speeren in der Hand, gespenstisch bemalte, reglose Körper, die sich von Blut ernähren und immer noch mit Pfeil und Bogen schießen.

Kisuaheli spricht hier kaum jemand, Englisch schon gar nicht

Kenia ist weit weg, ein anderes Land. Drüben in Kenia, sagen die Nomaden, wenn sie die Fremde, das Unbekannte meinen. Oder das, was sie bedroht.

Pastoralisten sind auch die Samburu, ein Zweig des weltweit wohl bekanntesten Nomaden-Volkes, der Massai, das sich, ursprünglich aus dem Sudan kommend, auf dem kenianischen Laikipia-Plateau geteilt hat. Gott gab denen, die bleiben wollten, eine Tasche (Sambuur in der Maa-Sprache), die anderen zogen weiter, und nannten sich Maa-sai.

Wie an diesen Gründungsmythos glauben auch beide, dass alles Rind der Erde ihr Eigentum ist, von Gott gegeben, Viehdiebstähle also keine solchen sind und sie sich nur zurückholen, was ohnehin ihnen gehört. Sie glauben das bis heute, und so gibt es weiterhin uralte Stammeskämpfe um Vieh, Weideplätze und Land.

Eine politisch aktive Jugend, ausgerechnet hier? Ich treffe Jonathan: ein Samburu in traditioneller Kleidung, in Gedanken und Worten aber so unangepasst wie die Windräder im Norden des Landes, die mit westlicher Entwicklungshilfe erneuerbare Energie erzeugen.

Kultur ist nicht starr, sagt er, sie verändert sich, immerzu und überall auf der Welt

Sie wollen sich so wenig in die Landschaft fügen, wie Jonathan in seine Tradition. Kultur ist nicht starr, sagt er, sie verändert sich, immerzu und überall auf der Welt. Warum sollten ausgerechnet wir uns nicht weiterentwickeln? Auch wir sind Kenia - Pastoralisten machen immerhin sieben Millionen der Bevölkerung aus.

Wir jungen Leute sind viele, wir wollen mitreden, sagt Jonathan, Politik machen, eine Politik der Veränderung, moderne, junge Politik. Die Gesellschaftsordnung der Nomaden ist eine Gerontokratie - das Sagen haben die Alten, seufzt er. Es erschöpft sich darin, auf die Einhaltung der Tradition zu achten, Gemeindefehden zu schlichten.

Die Gemeinschaft ist seit Jahrhunderten streng gegliedert, jeder hat hier seinen Platz. Die Kinder hüten das Vieh, die jungen Krieger müssen sich im Kampf erproben und die Frauen für sie alle sorgen: Behausungen bauen, Kinder kriegen, den polygam lebenden Männern gehörig sein. Politik spielt hier keine Rolle, Jugend erst recht nicht, und Frauen schon gar nicht.

Alle fürchten den Fluch der Väter

Wer sich von der Gemeinde entfernt, den Bräuchen zuwiderhandelt, wird mit dem Fluch der Väter belegt, und alle fürchten diesen Fluch. Würden die Kinder in die Schule gehen, wie das Gesetz es vorschreibt, sagt Jonathan, würden sie lernen, dass es so etwas gar nicht gibt, einen Fluch. Aber man schickt sie mit dem Vieh auf die Weide.

Vielleicht haben die Alten auch Angst vor der Schule, denn wer zur Schule geht, wird mutig, glaubt Jonathan, und er hat eine Zukunft. Ziegen geben keine Zukunft. Jonathan ist zur Schule gegangen, hat sich durchgesetzt, nachdem sein Vater starb.

Er ist mutig geworden und nicht zu den Ziegen zurückgekehrt, hat Sekundarschule und Studium selbst bezahlt, durch harte Arbeit in den Nationalparks, Touristen zu Tieren geführt, an einem Tag mehr an Trinkgeldern erwirtschaftet als seine Gemeinde in einem ganzen Jahr.

Die Nomaden haben keine Zukunft, sagt er. Seit es immer mehr Grenzen gibt, Nationalparks und Naturschutzgebiete, Land aufgekauft oder geraubt, zunehmend besiedelt wird, ist ihr Lebensraum kleiner geworden. Dürren hat es schon immer gegeben, aber jetzt können sie ihnen nicht mehr entrinnen, wissen nicht mehr, wohin mit dem Vieh.

Es stirbt weg und der Hunger kommt, und mit ihm die Hilfsgüter internationaler Organisationen und der Gouverneur mit Geld in der Tasche, das er meistens für sich behält. Selbst mit gespendeten Nahrungsmitteln werden Geschäfte gemacht. Was bei den Samburu ankommt, sind die Plastikplanen des Roten Kreuzes, mit denen sie ihre Hütten abdecken müssen, weil der Kuhdung nicht mehr reicht.

Unsere Kultur wird sich niemals ändern. Es wird alles bleiben, wie es ist, wie es immer war.

Und wenn schon, sagt der Dorfälteste. Unsere Kultur wird sich niemals ändern. Es wird alles bleiben, wie es ist, wie es immer war. Wir alle wollen das. Auch die Schule wird es nicht ändern. Die Kinder kommen zurück. Sie wissen, wohin sie gehören.

Wir müssen umdenken, sagt Jonathan, und das können nur wir bewirken, die Jugend. Wir müssen Politik machen, wir müssen dafür sorgen, dass die Politik, die gemacht wird, umgesetzt wird. Und dafür engagiert er sich: in mühsamer, freiwilliger Gemeindearbeit versucht er, die jungen Menschen im Samburu-Land zu mobilisieren, für das Recht auf Bildung, auf Teilhabe, für Menschenrechte.

Weibliche Genitalverstümmelung ist seit 2011 in Kenia gesetzlich verboten

Als seine einzige Schwester beschnitten werden sollte, hat er mit seinen Brüdern lange geredet. Weibliche Genitalverstümmelung ist seit 2011 in Kenia gesetzlich verboten, darauf stehen umgerechnet rund 500 Euro Strafe oder ein Jahr Gefängnis.

Sie haben der Mutter den Gesetzestext erklärt und ihr gedroht, sie anzuzeigen. "Ihr seid die Männer", habe die Mutter gesagt, "wenn ihr meint. Aber sie wird unglücklich werden, verflucht. Kein Samburu wird sie jemals nehmen. Sie wird vertrocknen wie der Ng'iro-Fluß in der Dürrezeit".

Es gibt nicht nur Samburu-Männer, hat Jonathan entgegnet und die Schwester nach Nairobi gebracht. Dort hat sie dann Verwaltungswissenschaft studiert. Auch einen Mann hat sie bekommen, einen Luya, die Auswahl war groß. Er hilft im Haushalt, während beide ihren gemeinsamen Lebensunterhalt verdienen. Eine Tochter gibt es schon, das zweite Kind ist unterwegs.

Auch für andere Mädchen und Frauen hat Jonathan sich eingesetzt. Er ist in der "Laikipia Peace-Caravan" aktiv, eine Initiative der jungen Naisula Lesuuda. Naisula wurde 1984 in Samburu geboren und ist Jonathans großes Idol, eine von denen, die in der Schule waren. Statt Rinder zu hüten, hat sie einen Abschluss in Kommunikationswissenschaft gemacht, ist Reporterin und Nachrichtensprecherin im kenianischen Fernsehen geworden.

Als im September 2009 die Meldung kam, dass sich Samburu und Pokot blutige Kämpfe liefern und mehr als vierzig Samburu-Tote zu beklagen wären, davon die Hälfte Frauen und Kinder, hat sie die Nachricht nicht nur verlesen, sondern ihren Abgeordneten angerufen und gefordert, etwas zu unternehmen. "Was kann man da schon tun?", sei seine Reaktion gewesen.

Da hat Naisula es selbst in die Hand genommen, hat junge, berufstätige Samburu um sich versammelt und sich mit den Pokot aus Nairobi zusammengetan. Gemeinsam sind sie in die Heimat gefahren und haben ihre Landsleute dazu bewegt, dem Morden Einhalt zu gebieten, vorerst, denn die Gewalt geht weiter, und das Hungern. Seit Jahrhunderten haben sich Völker an den Rand des Aussterbens gebracht, nur weil sie Rinder über alles stellen.

Naisulas Kampf ist deshalb noch lange nicht zu Ende - mit Schlichten ist es nicht getan, ein Sinneswandel, Mentalitätswechsel muss her. Die Kinder sollen zur Schule gehen, die Mädchen vor allem. Ihre Friedenskaravanen gehen gegen weibliche Beschneidung und die Zwangsverheiratung Minderjähriger vor.

Die Mädchen sind oft erst zwölf, wenn sie vergeben werden, an Männer, die ihre Großväter sein könnten

Mit der Schule ist es dann vorbei. Naisula Lesuuda hat eine Friedensstiftung gegründet, die ihren Namen trägt. Die Botschafterin für Menschenrechte setzt sich zudem gegen Korruption und für gute Regierungsführung ein.

Naisula Lesuuda hat Geschichte geschrieben

Mit 25 wurde ihr der "Presidential Order of the Grand Warrior" verliehen, als jüngste Trägerin aller Zeiten und zudem noch als Frau, in Kenia eine Sensation, denn die Auszeichnung ist der älteren, männlichen Riege vorbehalten. Mit 26 erhielt sie den "International Labour Organisation Wedge Award" für außergewöhnliche berufliche Erfolge. Weitere Anerkennungen folgten.

Doch ihr größter Triumph ist zweifellos dieser: Mit nur 30 Jahren wurde sie in den Senat gewählt, hat damit eine unsichtbare Grenze überwunden. Als Abgeordnete tritt sie für ihre Anliegen ein, ist Stellvertretende Vorsitzende der Kenya Women Parliamentary Association (KEWOPA) und in mehreren Ausschüssen u.a. für Medien und landwirtschaftliche Entwicklung aktiv.

Lesuuda gehört zur wachsenden Zahl Jugendlicher in Kenia, die sich politisch engagieren. Sie zeigt, dass man es schaffen kann, selbst als Nomade, als junger Mensch, als Frau, ein Vorbild auch für Männer, deren Mentalität sich ändert, junge Männer wie Jonathan.

Politik im 21. Jahrhundert, das ist Naisula Lesuuda für ihn, ein Sinnbild des Unmöglichen, des Fortschritts - der Weg aus der Steinzeit heraus. Wie die Windräder im Norden des Landes, so beginnen auch die jungen Samburu sich zu bewegen, die Turkana, die Borana, die Pokot - langsam, aber stetig, sind sie und die Zukunft nicht aufzuhalten.

Am Rande bemerkt: Jonathan und der Dorfälteste sind getrennt befragt worden. Jonathan würde dem Dorfältesten niemals direkt widersprechen. Noch nicht.

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Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.

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