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07/06/2014 07:33 CEST | Aktualisiert 07/08/2014 07:12 CEST

Ich bin es wert, geliebt zu werden: Wie eine Transgender-Frau die große Liebe fand

Andy Mara smart und beruflich erfolgreich. Trotz vieler Bemühungen findet sie keinen Mann fürs Leben. Denn sie ist eine Transgender-Frau. Viele Kerle finden sie anziehend, trauen sich aber nicht zu ihr zu stehen und behandeln sie als kleines dreckiges Geheimnis.

Audrey Leczinsky

Ich hatte nie Probleme, Dates mit Männern zu bekommen. Vor allem nicht mit erfolgreichen Männern. Da war der Firmenanwalt. Der Investmentbanker. Der Diplomat. Der Arzt. Sogar auf meinen Geschäftsreisen hatte ich oft Verabredungen.

Aber meine Rendezvous mit diesen Männern haben nie zu etwas ernstem geführt. Wir hatten zwar oft ähnliche Interessen, die Chemie stimmte und ich hatte das Bedürfnis, den Mann wieder zu treffen. Aber ich kam nie über die ersten Treffen hinaus. Wegen meiner Gender-Identität. Diese erfolgreichen, begehrenswerten Junggesellen hatten Angst, mit einer Transfrau wie mir weiter zu gehen. Sie fürchteten, dass ihre Männlichkeit und Heterosexualität hinterfragt wird.

Einmal hat mich ein Mann nach Hause gefahren, nachdem wir einen netten und romantischen Abend mit Wein, ein paar Partien Jenga und guten Gesprächen hatten. Für mich fühlte sich der Abend wie ein Volltreffer an, aber alle Hoffnungen auf ein zweites Treffen verschwanden blitzartig, als wir bei mir anlangten. „Kannst du mir einen Gefallen tun?" fragte er mich, als wir langsam in die Einfahrt fuhren. In meiner Erfahrung bedeuten solche Sätze nach dem ersten Date nichts Gutes. Ich wollte aber glauben, dass er mich etwas völlig anderes fragen würde, als ich es in dieser Situation gewohnt bin. „Sicher" antwortete ich, und mein Herz sank in die Hose. „Was ist los?"

„Könnten wie den Abend unter uns behalten?" Er schaute mich nervös an, so als ob ich bereits wüsste was er sagen würde. „Ich weiß nicht, wie viele gemeinsame Bekannte wir haben, aber ich will nicht dass die Leute etwas davon wissen."

Ein kurzer Moment Stille erfüllte das Auto. „Das sollte kein Problem sein" antwortete ich mit eisernem Lächeln. Ich schnallte mich ab, öffnete die Tür und stieg aus dem Auto. Ich drehte mich um, aber er vermied Augenkontakt.

Ich lief mit stolz erhobenem Kopf auf mein Haus zu aber die Bitterkeit, die Demütigung und die Tränen brachen aus mir heraus, als ich in meinen sicheren vier Wänden angekommen war.

Es bedeutet nichts, dass ich aus einer guten Familie komme, dass ich viele Freunde habe, beruflich erfolgreich und vielseitig interessiert bin. Oder dass ich, oberflächlich gesehen, Hammer-Beine habe. Ich werde jedes mal von Männern zurückgewiesen , die Angst davor haben was die Leute von ihnen denken, wenn sie eine Transfrau daten.

Die eine Frage geht mir immer wieder durch den Kopf, wenn ich mich von diesen alptraumhaften Dates erholt habe: Warum kann man mich nicht so akzeptieren, wie ich bin?

Den Mann meines Lebens zu treffen war für mich genauso weit entfernt wie die kurzfristige Befriedigung bei einem Rendezvous. Ich wollte einen Menschen finden, der sich von mir nicht nur angezogen fühlt, sondern der stolz auf mich ist, weil ich die Frau seines Lebens bin.

Heute verabreden sich die meisten jungen Menschen im Internet. Ich war da keine Ausnahme. Online-Dating war perfekt für mich um Gleichgesinnte zu finden. Und ich konnte offen mit meiner Gender-Identität umzugehen, bevor ich jemand treffe und dann doch enttäuscht werde.

Und so habe ich Drew kennengelernt. Zunächst haben wir freundschaftliche Nachrichten ausgetauscht um uns näher kennenzulernen. Ich erfuhr, dass er sich gerade seinen lebenslangen Traum erfüllt hatte, hierhin nach New York zu ziehen. Er liebt es zu kochen, surft gerne und hat einen vielseitigen Musikgeschmack. Ich erfuhr, dass er adoptierter Koreaner ist.

Ich erzählte ihm, dass ich seit fast zehn Jahren in der Stadt lebe und für eine nationale Organisation für die Rechte von Homosexuellen- und Transmenschen arbeite. Ich teilte ihm mit, dass ich auch ein Adoptivkind mit koreanischen Wurzeln bin und meine Familie in Korea erst vor ein paar Jahren kennengelernt habe. Und ich habe ausdrücklich betont, dass ich Transgender bin und mitten in der Umwandlung bin. Ich wollte sicher gehen, dass er alles zur Kenntnis genommen hat, was ich in meinem Profil geschrieben hatte.

Drews Antwort hatte ich so nicht erwartet: „Das ist toll, wie du zu deiner Identität stehst" schrieb er. Und am Ende der Nachricht: „Hättest du Lust, was essen zu gehen? Ich würde dich gerne näher kennenlernen".

Ich drehte mich schnell vom Laptop weg, zu unsicher um zu antworten. Ich zuckte zurück bei dem Gedanken, noch einen Mann zu treffen, für den ich nur ein dreckiges Geheimnis bin. Aber ich dachte auch, das dieses Date anders werden könnte. Ich drehte mich herum um den schimmernden Bildschirm anzusehen. Ich habe nochmal Drews alte Nachrichten gelesen, Nachrichten voller Freundlichkeit, Humor und dem Interesse, mehr über mich zu erfahren. Ich biss mir auf die Lippen und überdachte mein Dilemma: Ich wollte meinen Schutzwall hinunterlassen und verletzlich sein für jemand, der mir etwas bedeuten könnte. Aber das bedeutete, dass ich etwas riskieren musste.

Ich seufzte und nahm sein Angebot an. An einem kalten Neujahrstag traf ich Drew in einem Restaurant im koreanischen Viertel. Er wartete draußen und als er mich in der Menge sah, kam ein breites Lächeln auf sein Gesicht. Ich sagte schüchtern und mit zitternden Lippen Hallo. Ich konnte nicht anders als zu bewundern wie gut er aussah. Er trug einen gut sitzenden Wollmantel. Darunter konnte ich einen Pullover sehen, der zu seinen Hosen und den Oxford-Schuhen passte. Drew hielt mir die Tür auf und wir wurden vom Duft der koreanischen Speisen und würzigen Saußen angeweht. Eine ältere Dame führte uns an einen Tisch mitten im hektischen Gewusel der Kellner. Wir tauschten über unsere Teller verstohlene Blicke aus und lächelten. Wir waren beide nervös, aber auf die bestmögliche Weise. Meine anfängliche Zögerlichkeit löste sich dann aber auf im Dampf der Gerichte. Geschichten und Gelächter schwappten über Teller mit scharfem Schweinefleisch, brodelnden Eintöpfen und der endlosen Aufhäufung von Beilagentellern auf dem Tisch. Später saßen wir für ein Dessert in einem anderen Restaurant und redeten weiter über Gott und die Welt.

Es war schon nach Mitternacht als unser Date zu Ende ging. Wir liefen zur selben Bahnstation, wo wir in unterschiedliche Richtungen fahren mussten. Nachdem wir uns verabschiedet hatten lehnte er sich zu mir und gab mir einen sanften Kuss. „Komm gut nach Hause. Wir reden morgen" sagte er. Ich berührte meinen Mund und schaute ihn sprachlos an. Er beantwortete meinen überraschten Blick mit einem fetten Grinsen. Und winkte als er die Treppen zu seinem Zug hinabstieg.

In dieser Nacht flatterten die Schmetterlinge nur so in meinem Bauch. Diesmal war etwas anders als sonst und das war Drew. Er unterschied sich von allen anderen.

Jedesmal, wenn wir Zeit miteinander verbrachten lernten wir etwas neues über uns. Er brachte mir bei, beim Pokern zu betrügen, ich zeigte ihm wie man koreanische Knödel und Kimchi macht. Und mit jedem Treffen wurde es mir klarer, das wir uns verliebt haben.

Am Valentinstag bestätigten sich meine Vermutungen. Nach einem opulenten fünf Gänge-Menü nahm mich Drew zu sich nach Hause und gab mir ein Geschenk und eine Karte. Die Karte war unterschrieben mit „In Liebe, Drew". „Meinst du jedes Wort auf der Karte genau so?" fragte ich. Er lehnte sich zu mir und nahm meine Hand in seine und sagte: „Ich meine jedes Wort genau so. Ich liebe dich Andy".

In diesem Moment wurde mir klar, dass sich meine unausgesprochenen Träume erfüllt hatten. Vor Drew hatte ich zu große Angst, den Traum frei auszusprechen, einen Mann zu treffen, der mich genauso liebt wie ich ihn. Ich habe lang den Gedanken mit mir herumgetragen, das kein Typ mich als Frau lieben würde.

Ich schob das Geschenk schnell weg und rückte näher zu Drew. Ich schaute auf die Karte und traf eine Entscheidung: Es ist Zeit meine Schamgefühle beiseite zu schieben und einen neuen Weg einzuschlagen. Ich hielt meine Tränen zurück und antwortete zitternd: „Ich liebe dich auch".

Drew wurde dann der Mann, der mich von der Arbeit abholt. Der mir stundenlang eine CD zusammenstellt. Der mich mit Blumen überrascht. Der vielleicht bei mir einzieht. Er wurde außerdem mein Fels in der Brandung bei meiner Geschlechtsumwandlung. Eines Tages sagte ich zu ihm: „Ich gehe zum Arzt. Ich werde anfangen, Hormone zu nehmen."

Ich hatte Angst vor seiner Reaktion, weil wir nie über die Details und Konsequenzen der Prozedur gesprochen haben. Drew legte sein Surfer-Magazin zur Seite und lächelte. „Ich finde dich wunderschön" sagte er ohne einen falschen Ton zu treffen. „Ich will mit dir zusammen sein, egal was passiert." Ich habe nie erwartet, dass mir jemand während der Umwandlung an meiner Seite steht. Ich vergrub mein Gesicht an seiner Brust. Tränen der Erleichterung rollten meine Wangen herunter.

Kurz danach brachte mich Drew zum Arzt, um das Rezept für meine Hormone zu besorgen und überraschte mich mit einem Essen. Später fuhr er mich regelmäßig zu Check-ups und wartete geduldig im Wartezimmer. Zuhause erinnerte er mich an meine Medikamente.

Unsere Beziehung vertiefte sich in den nächsten Wochen und Monaten. An meinem Geburtstag wollte Drew mit mir übers Wochenende wegfahren. Es würde unser erster gemeinsamer Urlaub sein.

Wie fuhren auf dem Rückweg an seiner Heimatstadt vorbei. Er schaute mich vom Fahrersitz an: „Hättest du was dagegen wenn wir in der Gegen einen Happen essen gehen?" „Klingt gut" antwortete ich. Ich hatte Hunger und noch mehr Neugier, die Stadt zu sehen, in der er aufwuchs.

Drew war auffällig ruhig als wir aßen. Ich dachte dass er in seiner gewohnten Umgebung aufblühen müsste, aber er war distanziert. Ich fragte ihn was los sei. „Ich will dich was fragen" sagte er und spielte unsicher mit der Serviette. „Was ist los?" fragte ich. Er holte tief Luft und sah mich direkt an. „Kann ich dich meiner Familie vorstellen?"

Seit wir uns kennen sprach Drew viel von seiner Familie und wie wichtig sie für ihn ist. Er war stolz darauf, dass seine Familie alles über uns wüsste. Später erfuhr ich, dass seine Mutter sogar ein Buch über Transgender gekauft hatte.

Noch nie zuvor hatte ein Mann seiner Familie von mir erzählt, erst recht nicht in einer so offenen Art. Nun will mich mein Freund sogar seiner Familie vorstellen.

Ich nahm nervös einen Schluck Wasser und räusperte mich: „Ich bin bereit wenn du es bist" antwortete ich schließlich.

Ich bürstete hektisch meine Haare und checkte mein Makeup als Drew mich durch die Vorstadt zum Haus seiner Eltern fuhr. Ich war so nervös wie noch nie in meinem Leben, nicht einmal als ich vor tausenden Menschen auf dem Times Square sprach oder ins Weiße Haus eingeladen war. „Versprich mir, immer an meiner Seite zu bleiben" sagte ich. Er versprach es. Wir parkten und gingen Hand in Hand zu einem freundlich aussehenden Haus. Drew drückte meine Hand. „Sie werden dich lieben" sagte er. Drew ließ mich in das Haus, das voll von Erinnerungsstücken war. Familien- und Kindheitsfotos schmückten die Wände, Schularbeiten und ausgezeichnete Zeugnisse waren stolz an den Kühlschrank geheftet. Es war offensichtlich, dass Drew aus einer liebevollen Familie kommt.

Seine Eltern kamen um uns zu begrüßen, sichtlich erfreut über unseren Überraschungsbesuch. „Das ist Andy" sagte Drew und fügte mit selbstbewusstem Grinsen hinzu: „Meine Freundin. " „Schön sie kennenzulernen" sagte ich lächelnd und streckte die Hand aus. „Willkommen in unserem Haus" sagte sein Vater und schüttelte mir warm die Hand. „Schön dich endlich kennenlernen" ergänzte seine Mutter und überraschte mich mit einer Umarmung. „Wir haben so viel Gutes von Ihnen gehört". Dann hörte ich Fußgetrappel auf der Treppe. Ich würde also auch seine Geschwister kennen lernen, die neugierig auf die Freundin ihres großen Bruders sind. Ich versuchte ihnen die Hand zu geben, erntete aber weitere Umarmungen.

Wir setzten uns auf die Coach. Crew hielt die ganze Zeit meine Hand in seinem Schoß, während wir von unseren Wochenenderlebnissen berichteten. Im Gegenzug erfuhr ich von der gemeinsamen Liebe der Familie zu „Seinfeld" und den Pittsburgh Steelers.

Unserer „Kurzbesuch" dauerte schließlich mehrere Stunden und ich war zu meiner Überraschung traurig zu gehen. Die Freundlichkeit und Wärme der Familie machten es schwer, auf Wiedersehen zu sagen.

„Kommt bald wieder, ihr seid immer willkommen" sagte seine Mutter bei der Verabschiedung. „Ich habe dir doch gesagt, dass sie dich lieben würden" sagte Drew im Auto. „Es interessiert sie nicht, dass du transsexuell bist. Sie wollen nur dass ich glücklich bin und du machst mich glücklich".

Heute sehe ich auf unsere Beziehung und habe das Gefühl, dass wir ein ganz normales, unperfektes Paar aus der Großstadt sind. Unsere Zeitpläne zu vereinbaren ist ein Balanceakt geworden, seit Drew das Finanzgeschäft verlassen hat und in Vollzeit Koch geworden ist. Und wir zanken uns wie ein altes koreanisches Ehepaar.

Aber unsere Beziehung hält diese Herausforderungen aus. Drews Lachen und sein trockener Humor lassen mich jeden harten Tag vergessen. Gemeinsame Abende sind für uns wertvoll und wir planen sie sorgfältig. Wir sprechen auch über unsere Zukunft und unsere gemeinsamen Ziele.

Beim Putzen habe ich zufällig eine ältere Notiz von Drew an mich gefunden. Am Ende schreibt er: „Ich werde immer darauf stolz sein, ein Teil deines Leben zu sein". Ich lächelte während meine Tränen auf das Papier fielen. Ich war für ihn nie das Mädchen , das er vor anderen verstecken muss. Er ist stattdessen stolz, mich seine Freundin nennen zu können. Die Liebe seines Lebens.

Drew hat mir geholfen mich akzeptiert zu fühlen, dass ich es verdiene, geliebt zu werden so wie ich bin. Und ich bin dankbar, dass es jemand wie ihn gibt.