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26/08/2015 06:02 CEST | Aktualisiert 26/08/2016 07:12 CEST

Die Krise, die China stärker macht

Thinkstock

Wer seine Angst überwinden will, der muss sich ihr stellen. Denn die Erfahrung lehrt meistens, dass die Gefahr beherrschbar ist. Was in der Psychologie ein bewährtes Verfahren ist, funktioniert auch in der Wirtschaft: Es ist die Therapie, der sich China gerade unterzieht.

Im Moment wirkt die Volksrepublik wie von einer Angstneurose geplagt: Ihr wichtigstes Stimmungsbarometer, der Shanghai Composite Index, ist seit Wochen im Sinkflug. Der Einkaufmanagerindex liegt weit hinter den Erwartungen. Die Geschäfte der chinesischen Industrie sollen im August so stark rückläufig sein, wie seit sechseinhalb Jahren nicht mehr.

Gleichzeitig kämpft die chinesische Führung seit Wochen tapfer gegen die gefürchtete Wirtschaftskrise an: Den Yuan hat sie mehrfach abgewertet, um die Exporte zu befeuern. Staatsbanken und Rentenfonds hat sie angewiesen, Aktien zu kaufen, um die Kurse zu stützen. Doch die gewünschten Effekte sind ausgeblieben.

Gegen die gewaltigen Mächte des Marktes ist selbst die Führung des Riesenreichs nur ein David

Was wird nun passieren? Westliche Kommentatoren sind sich nahezu einig: Wenn die Wirtschaft zittert, wankt das kommunistische Regime. Der Slogan „It's the economy, stupid" sei für die chinesische KP nicht nur ein guter Rat zur Imagepflege - sondern ihr Überlebenscredo.

Denn der Deal, auf den sich das chinesische Volk eingelassen habe, heiße: Wohlstand gegen Unmündigkeit. Nur solange die Einkommen stiegen, halte das Volk still. Mit der Wirtschaftskrise habe die Regierung nun ihren Teil der Abmachung gebrochen.

Wird sich das Volk nun rächen und auch seinen Teil des Vertrags brechen? Werden Unruhen, Aufstände und schließlich die Revolution die Folge sein?

In Wirklichkeit wird diese Krise so erhellend wirken wie eine gute Therapiesitzung

Die Regierung wird lernen, dass ihre dirigistische Wirtschaftspolitik an Grenzen gerät. In Zukunft wird sie mehr Markt wagen. Wenn die chinesische Zentralbank bei der Kursfestlegung des Yuan jetzt der tatsächlichen Marktentwicklung mehr Gewicht gibt, deutet das genau in diese Richtung.

Und das chinesische Volk wird lernen, sich von einer Börsen-Baisse nicht gleich die Stimmung vermiesen zu lassen. Die Chinesen könnten zu besonnenen und abgeklärten Konsumenten und Privatinvestoren werden. Ähnlich wie die Amerikaner: Deren Konsumlust ist kaum je zu bremsen, und jeder zweite von ihnen hält Aktien, unbeeindruckt von den regelmäßigen Achterbahnfahrten an den Börsen.

Wenn es wieder aufwärts geht, wird China weniger Angst vor Kontrollverlust und mehr Vertrauen in die Mechanik der Märkte haben. Es wird wissen: Das Auf und Ab der Konjunktur gehört einfach dazu, auch wenn es beim ersten Mal noch wehtut. Grund zur Angst ist das nicht mehr. Diese Erfahrung wird China stärker machen.


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