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10/01/2014 10:57 CET | Aktualisiert 11/01/2014 06:12 CET

Theater, die Kunst und den größten Künstler

Joe Knipp inszeniert mit zwei wunderbaren Darstellern im Kölner Theater am Sachsenring als Uraufführung eines Stücks von Hannelore Honnen über Marcel Duchamp im kongenialen Bühnenbild der Autorin die Lustschiffer/Satisfaktion II als durchaus theatermittel-puristischdichten Bilderteppich über die Liebe zur Kunst und die Kunst der Liebe samt erotischer Spielart

Vorab: Hätte ich einen Hut getragen bei dieser, schon der dreizehnten, Welturaufführung eines Stückes von Hannelore Honnen im Kölner Theater am Sachsenring, so wäre er mir emporgehoben worden, durch einen ungeheuer dichten Blick auf einen, wenn nicht den bedeutendsten Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts, dessen Kunstarbeit, Kunstverstand und Kunstbetrachtung. Bereits der erste Blick auf die fast eingedampft wirkende kunstvolle Dichte des so ungeheuer konzentrierten und im Vergleich zur meisten Gegenwartsdramatik wohltuend ungeschwätzigen Textes von Hannelore Honnen zeigt eine Textur aus O-Ton-Marcel-Duchamp mit nur drei hinzugefügten Sätzen das Kunststück eines Textes, der nicht mehr wie eine Collage, sondern wie aus einem Guss wirkt, als wäre er keine Zusammenfügung, sondern eine quasi organische und dennoch artifizielle Form.

Hannelore Honnen und Joe Knipp sind seit über fünfundzwanzig Jahren das Theater am Sachsenring, und neben einer ganz fein ziseliert gezeichneten Regiearbeit von Joe Knipp schafft Hannelore Honnen nicht nur den sehr literarischen TheaterText, dem man auch im Deutschen des Künstlers Duchamps Lust an Sprache und literarisch-kunstvollen Bildern anmerkt und mit einer für einen beinahe kunsttheoretischen Diskurs so bestechend leichten Darbietung mit wachsender Begeistert-Heiterung folgt, nein, die Autorin ist auch die kongeniale Bildkünstlerin, die als Kunstliebende ein optisches Gesamtkunstwerk kongenial miterschafft, einen Gesamtbild-Textrahmen für den ungeheuer kunstvoll kongenial und umgekehrt genauso operierenden Inszenator, der auf seine beiden wirklich hinreißend agierenden Schauspieler Jan-Arwed Mauel und Signe Zurmühlen trifft, die es schaffen, eine höchst komplexe Bühne und einen auf vielen Ebenen miteinander verwobenen Text, ein kunstvoll arrangiertes Licht-Kostüm- und Requisitenkunstwerk darstellerisch so zu treffen, wie es wohl so insgesamt als Gesamtkunstwerk auf Kölner Off-Bühnen gegenwärtig seinesgleichen sucht.

Ein Kunstwerk, das es aber trotz all der kaum aufzählbaren, geschweige denn beschreibbaren zahlreichen Bedeutungs- und Assoziationsebenen trotzdem schafft, hochintellektuelles Vergnügen und gleichzeitig pralles, dralles und sehr heiter-komisches Theater zu werden, das nicht nur dem Künstler und seiner Kunstauffassung konsequent folgend nie interpretiert, sondern ihm mit sich selbst beschreibend nachspürt, dem Echo in der Kunst des großen Marcel, Theater, das zu Beginn des Abends mit zwei Stablampen, mit einfachstem Mittel, die Unterbeleuchtung der alten Theaterrampen imitiert, ein wenig geheimnisvoll gesprochen, begonnen von Signe Zurmühlen, beechot von Jan-Arwed Maul als Marcel, wieder einer dieser männlichen Theaterfiguren, die man sich wie zuletzt den Peer im Theater am Sachsenring direkt von der Bühne stehlen möchte, um mit ihm, der Marcel wahres Bühnenleben verleiht, den begonnenen Diskurs in die Ewigkeit und Länge hinein und ein ganzes komplexes Leben in knapp siebzig Minuten hinein weiter fortzuführen, über das Bibliotheken geschrieben worden sind. Marcel ist am Anfang das Echo von IHR, sie am Ende des Stücks seins, ER am Anfang der Jill von Watteau, am Ende ist er der ER, der aber weder Pfeife raucht noch Schach gespielt hat, auf der Bühne jedenfalls nicht.

Was sich möglicherweise hochkomplex kompliziert anhört, was es auch ist, schafft das Theaterkunststück ganz leicht daherzukommen, fast sahneleicht, aber trotzdem von ungeheurer Tiefe zu sein, und so für jeden Duchamp-Bildungsgrad etwas zu bergen und zu offenbaren, egal ob man überhaupt nicht weiß, wer ER ist und auch SIE nicht kennt, eigentlich die vielen Frauenfiguren, die Signe Zurmühlen mit großer Wandlungsfähigkeit ins Bühnenleben von Marcel hineinmalt, dem Leben des toten Marcel Duchamps mit einer breiten Palette theatraler Mittel entreißt, der kein Frauenverbraucher war, aber ganz sicher ein Mann, der die Frauen liebte und verehrte, und dem Jan-Arwed Maul Leben einhaucht, ohne irgendeiner Ikonographie nachzustolpern.

Das besticht überhaupt an diesem Theaterabend, der jeglicher multimedialen Versuchung entsagt und in seinem einfachen theaterpuren und nie plakativen Zugriff eine immer nur andeutende vernetzte Dichtigkeit aller theatralen Elemente erzeugt, die nicht nur für leidenschaftliche Theatergänger, sondern jeden nachvollziehbar und genießbar ist, unterstützt von den beiden Kunstgeschichte studierenden Assistentinnen Antje Sterner, Grace Müller, Peter Mohr (Licht) und Wolfgang Wehlau (Bühnenbau).

Ich wünsche diesem außergewöhnlichen Theaterabend von hoher Qualität viele Aufführungen und Zuschauer und könnte mir vorstellen, dass in der Abfolge der Vorstellungen eines dieser Theaterjuwelen heranreift, dessen Bilder-, Optik, Inhalts- und Echomaschinerie nicht nur große Theaterkunst zeigt, sondern ein von einem beinahe symbiotischen Theatermenschenpool geschaffenes Kunstwerk heranreift, das den Betrachter im besten Sinne verändert und viel mehr gibt, als nur die Frage zu beantworten, die man schon immer über Kunst beantwortet zu bekommen begehrte.

Fazit: Unbedingt ansehen ohne jede Berührungsangst.

http://namkoartist.wordpress.com/2014/01/09/erstes-echo-ei...lturauffuhrung/