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30/01/2014 05:47 CET | Aktualisiert 29/03/2014 06:12 CET

Theaterkritik: Starke Schauspieler im Gegenlicht

Theater der Keller in Köln setzt sein Konzept der engagierten aktuellen Gegenwartsdramatik mit Lukas Bärfuß Malaga in der handwerklich soliden Regie von Simina German und einem lichtwanddominierten Leerraumbühnenbild von Anne Manss fort

Der Rezensent bekennt freimütig, es gibt Abende, an denen sollte er nicht ins Theater gehen, weil er krankheits- und mentalbedingt nicht wirklich in der Lage ist, Leistungen wunderbarer Schauspieler zu würdigen, auch wenn sie bestechend sind, weil ihn nicht erreicht, was ihn bewegen sollte, da er sich in einer Krise befindet, die mancher eine Lebenskrise nennen würde, Andere nur belächeln. Der große Theaterkritiker Benjamin Henrichs hat immer wieder klar gemacht, dass alles eine Frage des Standpunktes ist...

Der Dramatiker Lukas Bärfuß konstatiert in MALAGA eine Situation, eigentlich doch wunderbaren' Lebens in unserer europäischen Überflussgesellschaft, wobei eigentlich sympathische Menschen, zu denen der Autor wie man durchaus nachvollziehen kann, eine große Zuneigung verspürt', sich in eine letztendlich beinahe ausweglose Situation manövrieren, weil sie auf der Jagd nach Zuneigung und Selbstverwirklichung nicht davon ablassen können, für sich und ihren Lebensentwurf kompromisslos nur das Beste zu fordern, was möglich scheint.

Probleme, die bei der ,Versorgung' des Kindes ,entstehen', kann man lösen, notfalls mit Geld, und während die Mutter Vera - Julia Grafflage in einem beredten Versuch gegen die joviale Bewegtheit des Noch-Ehemanns eigene Stresssymptome bis zum körperlichen Zittern und die Reste reiner Mütterlichkeit im Sog der Zeitansprüche gegen die tiefgehenden Emotionen ins Selbst hinüberzuretten - noch ihren Instinkten folgt und sich trotz Zweifeln die Verantwortung für ein Wochenende mit katastrophalen Folgen delegiert, wie vereinbart, ist der ebenfalls egomane Vater Michael - Gerhard Roiß in leicht-flapsiger, letztendlich ebenso verzweifelter Zeitüberforderung - der die Trennung von Vera ebenfalls noch nicht überwunden hat - zwar eloquent um eine Lösung in seinem Sinne bemüht, aber trotz gewaltiger verbaler Erziehungsbemühungen nur mit sich und dem Seinen beschäftigt, durchaus nachvollziehbar, schließlich geht es um den Ertrag eines zwanzigjährigen Lebensprojektes.

Am Anfang stehen die drei Protagonisten starr und stumm im Halbschatten, sozusagen eingefroren in einem Abbild der kalten Einsamkeit, voneinander entfernt und in Pose ohne Zuwendung und Empathie auf der leeren Bühne vor einer alles beherrschenden Leinwand, die als Lichtkasten nach der Katastrophe die Darsteller silhouettiert. So, wie sie immer zwischen den Szenen im Hinterlicht erstarren, in einer Art mit Licht gemaltem OFF ihre Auf und Abgänge ,erledigen', wobei die fehlende Gemeinsamkeit, die Unbehaustheit der Glücksjäger, sowohl in der leeren Bühne als auch in der räumlichen Trennung der Darsteller deutlich wird.

Regisseurin Simina German macht es den Darstellern nicht leicht. Mit nichts als Kostüm zum ,Festhalten' auf einer leeren Bühne zeichnet sie feinziseliert ohne Schnörkel deren Ringen um Haltung und Egorolle, wobei sich jeder der drei wunderbaren Schauspieler durch eine ganz eigene Körpersprache auszeichnet, die die unterschiedlichen Lebensphasen und Lebensentwürfe verdeutlicht, die imgrunde unvereinbar sind und nicht nur scheinen.

Das Wortgefecht der ersten Szene wähnt man sich auch in einer kleinen bis kleingeistigen Ehehölle gesittet gebildeter Mittelstandsmenschen, die schnell und beinahe leise, unmerklich, zu entgleisen beginnt, als der junge Alex (leicht unheimlich Bernhardt Schmidt-Hackenberg mit krassem Ausbruch in der vorletzten Szene) auftaucht, ein Ergebnis der ersten Überfluss-Wohlstandsphase der Gesellschaft, monomanisch und nur von seinem künstlerischen Lebensentwurf besessen mit Phrasen, die aus dem postmodernen Ästhetik-Retrovokabular der Siebziger/Achtziger stammen.

In der Begeisterung für die unverstellte Lebensäußerung der siebenjährigen Tochter lässt es der geschäftstüchtige Alex zur Katastrophe kommen, denn anstatt das Kind an selbstschädigenden Aktionen zu hindern, folgt er ihr und scheint sie bis zum lebensbedrohenden Unfall nach waghalsiger ,Pippi Langstrumpf'- Spielaktion sogar zum Leichtsinn ermuntert zu haben, sie dabei wie ein Snuff-Filmer abbildend.

Das Stück berichtet die Katastrophe nur indirekt, eigentlich zeigt es alle DREI weiter in der jeweils eigenen letztendlich hilflosen Egobegrenzung danach, nun vor der beleuchteten Filmleinwand. Und so, wie sie am Anfang voneinander getrennt erscheinen, wirken sie jetzt erstarrt in ihren eigenen Posen, obwohl zwischendurch fast schwankend in ihrer behaupteten Stand- und Positionsfestigkeit.

Und obwohl das Kind in Lebensgefahr schwebt, nur der leicht wahnsinnige Alex zu ihm will, verstricken sich Vera und Michael in ihren Positionsrollen - beinahe erschütternd die scheinbare Unterkühltheit der Mutter, die sich als zumindest tablettenaffin entpuppt, konterkariert vor allem von den sichtbaren Schuldgefühlen. Schwer vorstellbar, dass Eltern dieses sozialen Umfelds in dieser Situation nicht bei ihrem offensichtlich komatösen Kind auf der Intensivstation wachen würden. Aber vielleicht ist das nur die mental erschütterte Sichtweise eines angeschlagenen Rezensenten.

Lukas Bärfuß Stärke ist die unterhaltsame Knappheit, mit der er in gut einer Stunde ein durchaus gewaltiges Drama in vielen Facetten zeichnet, dem die Regie in der feinen Schauspielführung in einem absolut passenden Kostüm- und Raumbild folgt, mit dem grünen, etwas steifen Verakostüm als einzigem nicht pastellartigen Farbmoment neben den roten Turnschuhen von Alex. Die soziologisch-politische Wirklichkeit und die entsprechende Analyse bleiben ausgeblendet, die Lebensaktion der Darsteller ist weitgehend Sprachaktion bis auf die vielleicht rührendste Szene des Abends. In ihrer Hilflosigkeit und Verzweiflung angesichts der ums Leben ringenden Tochter im Krankenhaus fallen Vera und Michael übereinander her, sexuelle Erregung für einen Momentausdruck echter Empathie, bevor der kurz liegengelassene Diskurs wieder aufgenommen wird und beide in die eher steife Körperhaltung ihrer egomanischen Beziehungsendzeit zurückfallen. Obwohl: es kann ja auch alles ganz anders werden, denn Michael wird ja wieder zumindest für eine Nacht in der ehemals gemeinsamen Wohnung übernachten. Er ist todmüde und hat sich in einem Fach der ehemals gemeinsamen Wohnung wieder eingerichtet. Licht aus. Schweigen. Betroffenheit!?

Stellt sich angesichts der aussagekräftigen Zeitbudget-Tabelle auf dem Programmzettel die Frage, inwiefern sich eine doch so ungeheuer erfolgreiche Gesellschaft mit ihrer seelischen Vernachlässigung von Kindern und der eigenen Existenz bei allen möglichen Zeitressourcen nicht vielleicht doch die nächste Krise heranzieht, Monster produziert (s.a Alex) oder ...falls die Kinder denn überhaupt überleben. Hier wird der leichtfüssige Textdiskurs des Autors in der handwerklich vortrefflichen und formstrengen Inszenierung zur Zeitmetapher: It's not dark yet, but it's getting there.

Wie gesagt, der Rezensent ist selbstverärgert über seine vielleicht auch egomanische Teilnahmslosigkeit, möglicherweise ein Anflug von Klaustrophobie in der Enge des bis auf den letzten Platz besetzten Theaters, oder doch Reflex der kühlen Isoliertheit der Bühnenfiguren....

Noch ein Moment Schweigen, dann großer und langanhaltender Beifall eines sehr zugetanen Publikums, der das Kreativteam einschließt....

Fotos unter http://namkoartist.wordpress.com/2014/01/25/starke-schauspieler-im-gegenlicht/