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16/12/2013 04:18 CET | Aktualisiert 15/02/2014 06:12 CET

Ruhe jetzt! - Die Rückkehr eines Meisterwerks

Sie sind wieder da! Der verkniffene Sir Morosus, sein Neffe Henry und diese Sache mit Morosus' Ohren! Weil die komische Oper von Richard Strauss das Publikum im vergangenen Jahr so begeisterte, kehrte „die schweigsame Frau" am Freitag auf die Bühne des Chemnitzer Opernhauses zurück. Die Probleme sind noch immer dieselben: Morosus, gespielt vom bärstimmigen Franz Hawlata und Admiral a.D., hat nach einer Explosion auf einer Galeone noch immer mit Ohrproblemen zu kämpfen. Doch da, wo man Taubheit vermutet, liegt das komplette Gegenteil vor. Morosus hört jetzt alles. Das Läuten der Glocken. Seine Haushälterin - das „alte, wurmstichige Wrack". Noch das kleinste Summen und Brummen. Morosus hört alles - und das nervt ihn!

Nicht wirklich besser wird die Situation für den alten Haudegen durch das Auftauchen seines ehemals verschollenen Neffen Henry Morosus, der nicht tot ist - zumindest „nicht dass er wüsste". Henry (Bernhard Berchtold) hat jedoch außer dem Namen nicht viel mit seinem Ohm gemein. Schon gar nicht die Liebe zur Ruhe und Stille - ganz im Gegenteil: Henry zieht gleich mit Frau und eigener Operntruppe ins Haus des Alten und lässt Letztere proben, proben und weiter proben bis Morosus der Kragen platzt und er allesamt aus dem Haus wirft, Henry gleich noch mit enterbt und beschließt, sich selbst um einen Erben zu kümmern. Nur wie?

Morosus' Barbier des Vertrauens - „Schneidebart" (Andreas Kindschuh) - weiß die Lösung: eine stille, eine schweigsame, Frau muss her! Eine schweigsame Frau? Die „findet man doch nur auf Kirchhöfen". Nichts da, eine solche muss her! Sie tut den Gehörgängen gut und hilft vielleicht auch gegen den Schmerz tief im Innern. Der monströs ausdrucksstarke Morosus ist nämlich alt und „sterbenseinsam", und eigentlich will er „keinen Menschen im Haus". Doch hier nimmt das Komplott gegen ihn seinen Anfang. Ein Komplott von Henry und seiner Operntruppe mit dem Ziel, an das Geld des Ohms zu gelangten. Als Opfer des perfiden Ränkespiel wählt Morosus schließlich aus drei Frauen (allesamt Mimen) nicht das bayrisch-lyrisches Unkraut Carlotta (Tiina Penttinen), nicht das temperamentberstende Quietsch-Fräulein Isotta (Guibee Yang), sondern Morosus wählt natürlich die fromme, schweigsame Jungfer vom Lande, Timidia. Nicht wissend, dass es sich bei ihr um Aminta (Julia Bauer) handelt, Henrys Frau und Hauptbestandteil des Komplotts. Zu spät erkennt er, dass er „einen Vulkan geheiratet" hat. Eine Tortur beginnt.

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Regisseur Gerd Heinz ist vorsichtiger mit moderneren Darstellungsformen bei seinen Stücken als seine Kollegen und bei der „schweigsamen Frau" wollte er sie schon gar nicht vornehmen. Das Stück ist für die Zeit um 1785 geschrieben und würde aus diesem Zeitrahmen gerissen wahrscheinlich zur Klamotte werden. Dagegen bricht Heinz mit einer anderen Tradition. Statt mit einer fast leeren Bühne und viel Licht arbeitet er bei der „schweigsamen Frau" mit einer wahrhaft atemberaubend detailreichen und aufwendigen Kulisse. Und als wäre das noch nicht genug, gelingt ihm das Kunststück, diese Kulisse sich Schritt für Schritt entblättern zu lassen.

Die schweigsame Frau ist keine leichte Oper. Nicht für das Orchester und schon gar nicht für die Darsteller. Doch das Team war am Freitag gnadenlos aufeinander eingespielt, preschten dem Publikum stimmgewaltige Solis um die Ohren, sangen mehrstimmig - miteinander, zueinander, ja sogar gegeneinander! - was den Zuhörer stellenweise blinzeln ließ. Wer singt jetzt? Hab ich den Wechsel wirklich nicht erkannt? Das ist Gesang auf höchstem Niveau, ohne jede Dissonanz!

Einen richtigen Augenschmaus hat auch Kostümbildnerin Kersten Paulsen den Darstellern da an die Körper gezaubert. Leuchtend souveräne Herrensakkos und schmückende Spitzenkleider geben dem Stück einen modern-künstlerischen Hauch und schicken den Zuschauer gleichzeitig auf Reise zurück in den Frühklassizismus. Schon allein das türkisfarbene, maskulin geschnittene Kostüm, in das sie die kleine Guibee Yang steckte, brachte deren herrlich fremdländischen Look hervorragend zur Geltung.

Obwohl der Saal zur Wiederaufführung am Freitag nur zu zwei Dritteln gefüllt war, war die Resonanz unglaublich. Das Publikum beurteilte das auf die Bühne zurückgekehrte Opernstück mit tosendem Applaus, mit Bravo-Rufen, sogar ein Blumenstrauß flog auf die Bühne.

Der eindrucksvolle Sonnenuntergang in der Schlusszene fühlte sich dann wie ein Trost an für den alten Morosus und wie ein Abschiedswinken für das Publikum. Diese Oper wird einem im Gedächtnis bleiben.

(Foto: ©Dieter Wuschanski)

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