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14/04/2016 14:05 CEST | Aktualisiert 15/04/2017 07:12 CEST

Wer bringt den Deutschen das Lesen bei

Tetra Images - Jessica Peterson via Getty Images

Deutschland ist ein Analphabetenland!

Nein, es liegt nicht an den Flüchtlingen.

Schuld sind auch nicht die Ausländer.

Und es geht hier auch nicht nur um Hauptschüler.

Deutschland gilt bei der Unesco als „analphabetisiert". Jeder zehnte Deutsche kann nicht lesen und schreiben. Sie können ja mal durchzählen, wie viele Personen in Ihrem Haus leben. Im Schnitt gibt es nach der Rechnung mindestens einen Analphabeten in jedem Mehrfamilienhaus.

Ich finde das unglaublich: Deutschland ist wirtschaftlich so stark und schafft es nicht, eine so nötige Grundbildung flächendeckend in seiner Bevölkerung durchzusetzen?

Ein Leben ohne Buchstaben

Da frage ich mich doch, was die Bildungspolitik eigentlich den ganzen Tag lang tut. Denn ihr Versagen macht das Leben für jeden einzelnen Betroffenen unsagbar schwer und unangenehm. Wer nicht lesen und schreiben kann, ist in einer Informationsgesellschaft wie Deutschland stark benachteiligt.

Stellen Sie sich nur einmal vor, für Ihre ganze Familie einkaufen zu gehen, ohne einen Einkaufszettel schreiben zu können. Sie können keine einzige Produktbeschreibung lesen und orientieren sich nur an den Bildern auf den Verpackungen. Noch schwieriger ist es bei Medikamenten, deren Beipackzettel Sie nicht verstehen. Welche Nebenwirkungen haben die guten Pillen? Wann dürfen Sie nicht eingenommen werden? Fragen, die ungeklärt bleiben, wenn gerade niemand bei Ihnen ist, der aushelfen kann.

Schwierige und auch peinliche Situationen sind so an der Tagesordnung. Nein, das Leben als Analphabet ist nicht einfach.

Wer hilft, wenn das Schulsystem versagt hat?

Gut, dass es ehrenamtliche Vereine, Nachhilfe-Initiativen und karitative Einrichtungen gibt, die betroffenen Menschen unter die Arme greifen. MENTOR - Die Leselernhelfer Hamburg e.V. ist so ein Verein. Seine ehrenamtlichen Mitglieder helfen Kindern außerhalb der Schule beim Lesenlernen - und beugen damit schon in einem frühen Stadium dem Analphabetismus vor. Eine wichtige Arbeit, wie ich finde - und die Schirmherrin von MENTOR, NDR-Moderatorin Julia Westlake, stimmt mir zu: „Wer liest, versteht das Leben, die Mitmenschen, die Welt besser", sagt sie.

Wer könnte ihr da widersprechen? Die deutsche Kultur, die so viele in der letzten Zeit bedroht sehen, wird wesentlich durch ihre Literatur und Märchen vermittelt und getragen. Oder meinen Sie nicht auch, dass Kinderbücher wie „Max und Moritz" von Wilhelm Busch die deutsche Kultur ebenso wesentlich ausmachen wie die ganz großen Dramen von Goethe, Schiller und Lessing?

Und falls Ihnen das zu eingestaubt vorkommt, schauen Sie doch mal durch die moderne Brille: Die Kommunikation im Internet per E-Mail und Chat ist nur durch die Beherrschung von Text zugänglich. Selbst Facebook und WhatsApp bleiben Analphabeten unerschlossen - und die Integration in die Gesellschaft hat keine Chance.

Die Bedrohung der Kultur ist hausgemacht

Aber wo kommen alle diese Analphabeten her? Eine häufige Ursache sind laut Studien aus den letzten Jahren längere Krankheiten während der ersten Schuljahre. Danach finden die Kinder aufgrund ihrer großen Wissenslücken keinen Anschluss mehr. Diese Kinder bräuchten eine intensivere Unterstützung - doch welcher Lehrer soll sich in unserem starren Bildungssystem darum kümmern?

Überforderte Lehrer, zu große Klassen und die mangelnde Ausbildung für solche Spezialfälle - Schulen haben schlicht keine Kapazitäten für die betreuungsintensiven Nachzügler. Die so vernachlässigten Kinder resignieren meistens. Manche von ihnen mogeln sich dann vielleicht noch bis zum untersten Abschluss durch, andere landen mit dem Stempel „Lernbehindert" auf Sonderschulen, wo sie nicht hingehören.

Zeigen Sie's Deutschland

Dass die Bildungspolitik hier versagt, hat in erster Linie finanzielle Gründe. Für das wirtschaftsstärkste Land Europas ist das ein ganz schönes Armutszeugnis. Doch Jammern hilft nicht: Wo die politische bzw. exekutive Volksvertretung versagt, liegt die Verantwortung am Ende wieder bei jedem einzelnen Bürger.

Deshalb zeigen Sie Deutschland, wie es besser gehen kann: Lassen Sie uns die Verantwortung für die Kinder übernehmen, die sonst keine Chance auf eine gute Integration in unsere Gesellschaft haben!

Helfen kann jeder auf seine Art: Spenden Sie etwas an eine Weiterbildungseinrichtung, geben Sie kostenlosen Nachhilfeunterricht oder werden Sie Leselernhelfer bei MENTOR e.V. Und wenn Ihnen dazu die Geduld fehlt, machen Sie es doch wie ich: Ich laufe Marathon und sammle so Spendengelder für MENTOR. Aber vielleicht haben Sie ja auch noch eine ganz andere Idee. Die Kinder, die durch Ihre Tatkraft Zugang zu den Texten dieser Welt finden, werden es Ihnen jedenfalls ein Leben lang danken.

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