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01/04/2016 07:12 CEST | Aktualisiert 02/04/2017 07:12 CEST

Kultivierte Ängste

dpa

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Terrorismus schürt Angst, Populismus profitiert von ihr und pflegt sie daher. Das sind die Koordinaten, die uns dieser Tage als erstes in den Sinn kommen, wenn wir über die Profiteure der Angst nachdenken. Aber die Sache mit der Angst, welche wir haben und warum, ist ein wenig komplizierter.

Viele Menschen haben irgendwelche Ängste: Vor engen Räumen, vor Spinnen, vor Höhen, oder auch davor, vor mehr als drei Menschen zu sprechen. All das sind individuelle Ängste, die sich im Laufe unseres Erwachsenwerdens irgendwie festgesetzt haben. Der eine hat sie, der andere nicht, einer mehr, der andere weniger.

Es gibt aber eine Angst, von der die moderne politische Theorie lange angenommen hat, dass es eine universelle Angst ist, dass jeder sie hat: Die Angst vor einem gewaltsamen Tod. Wenn wir ehrlich sind, haben wir diese Angst im Alltag aber eigentlich verloren. Noch in den dunkelsten Ecken unserer Großstädte vertrauen wir im Grunde darauf, nicht einfach so erschlagen zu werden.

Hegel meinte schon vor zweihundert Jahren dazu: „Geht jemand zur Nachtzeit sicher auf der Straße, so fällt es ihm nicht ein, daß dies anders sein könnte, denn diese Gewohnheit der Sicherheit ist zur andern Natur geworden, und man denkt nicht gerade nach, wie dies erst die Wirkung besonderer Institutionen sei."

Sicherheit ist zur Gewohnheit geworden

Wir haben in Westeuropa heute faktisch einen Grad an physischer Sicherheit erreicht, der allen anderen Jahrhunderten zuvor völlig unbekannt ist. Diese Sicherheit ist uns zur Gewohnheit geworden, weshalb wir sie einerseits als Normalfall ansehen, und weshalb der Terrorismus andererseits so erfolgreich darin ist, uns daran zu erinnern, dass es kein Normalfall ist. (In Klammern: Eigentlich müssten uns auch die Bürgerkriegsflüchtlinge daran erinnern, die nicht in den Genuss eines solchen Zustandes kommen... aber da scheint vielen schon das nötige Imaginationsvermögen abhandengekommen zu sein.)

Dieser Tage ist oft die Rede davon, dass sich der islamistische Terrorismus gegen unsere Art zu leben, gegen unsere Freiheit richte. Das hat ohne Zweifel seine Berechtigung, aber noch entscheidender ist doch, dass er den Staat in seiner Essenz angreift. Denn ‚die besondere Institution', der wir es verdanken, dass wir im Normalfall frei von der Furcht vor einem gewaltsamen Tod leben können, ist der Staat.

Seit Thomas Hobbes gilt der clevere Deal: Jeder gibt sein Recht auf Diebstahl, Raub, Mord und Totschlag auf und gewinnt den Luxus, nicht von anderen durch Diebstahl, Raub, Mord und Totschlag bedroht zu sein. Und damit sich auch alle an den Deal halten, gibt es einen Akteur, der ihn mit dem Recht auf Gewaltanwendung gegen seine Störer durchsetzt: den Staat.

Der Terrorismus trägt tatsächlich den ‚Bürgerkrieg' nach Europa, weil er das Gewaltmonopol des Staates in Frage stellt und mit ihm die Autorität des Staates, die darin wurzelt, die Angst vor einem gewaltsamen Tod effektiv zu bannen.

Terrorismus ist in der Tat eine „staatsgefährdende" Straftat, auch wenn wir über diese Formulierung innerlich etwas schmunzeln müssen, weil er so sehr nach Staatsgläubigkeit und Staatsüberhöhung klingt. Weil wir alltäglich in den Genuss seiner wichtigsten Leistung kommen, nämlich Sicherheit, sehen wir den Staat fast gar nicht mehr.

Was aber hat das weiter mit unseren Ängsten zu tun?

Der Soziologe Norbert Elias argumentierte, dass die Herausbildung des staatlichen Gewaltmonopols eine wichtige Voraussetzung für den „Prozess der Zivilisation" war. Darunter verstand er die graduelle und über Jahrhunderte verlaufende Pazifizierung und Kultivierung unserer Gesellschaft, als deren Ergebnis Gewalt und rohe Umgangsformen aus unserem Alltag weitgehend verschwunden sind (wobei manche Forendiskussionen zeigen, dass dieses Ergebnis sehr fragil ist).

Mit dem Prozess der Zivilisation kultivierte sich nicht nur das Verhalten der Menschen, sondern auch ihr emotionaler Haushalt und ihre Ängste. Wir können das schön an kleinen Kindern sehen, die ja im Grunde kleine Barbaren sind und den ‚Prozess der Zivilisation' erst einmal selbst durchmachen müssen: Sie sind nicht nur wilder und affektgebundener, sondern haben auch einen elementareren, direkteren und oft auch irrationaleren Angsthaushalt als Erwachsene.

Wenn wir erwachsen werden, lernen wir also, uns rationaler zu unseren Ängsten zu verhalten, und viele von ihnen legen wir ab oder sie rutschen weit ins Unterbewusstsein. Das Ganze ist aber keine emanzipatorische Einbahnstraße, in der wir uns nur von Ängsten frei machen.

Ängste werden kultiviert

Die Ängste werden in dem Prozess ‚kultiviert', und zwar in jenem Sinne, in dem man auch Weinreben kultiviert, nämlich indem man sie veredelt, pflegt, verfeinert. An die Stelle roher Ängste treten soziale oder Zivilisationsängste. Wir haben nicht mehr Angst vor Blitz und Donner, sondern davor, dass die Krawatte farblich schlecht auf unser Hemd abgestimmt ist.

Welche genaue Art von Zivilisationsängsten ausgebildet werden, hängt dabei stark vom Charakter der Gesellschaft ab, in der man sozialisiert wird.

In einer Gesellschaft, die wesentlich auf individuellen Besitz und reiche soziale Beziehungen eines möglichst individualistischen Individuums ausgerichtet ist, entstehen zwei Klassen solcher Ängste, nämlich jene vor Verlust und vor sozialem Ausschluss.

Es nicht zu schaffen, Erreichtes zu verlieren, nicht dazu zu gehören oder sich nicht gemäß den Erwartungen zu verhalten, zu kleiden oder zu ernähren, die wir bei einer Zielgruppe vermuten, zu der wir gehören wollen... all dies sind Ängste, die den Angsthaushalt eines Individuums beherrschen, das in einer Konsumgesellschaft am eigenen Ich und seiner sozialen Einbettung baut.

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Von der Hege, Pflege und vermeintlichen Linderung solcher Ängste lebt jene Konsumgesellschaft, und sie kann es, weil uns keine elementareren Ängste umtreiben. Die Dynamik dieser Gesellschaft vollzieht sich im Schutzbereich der pazifizierenden Wirkung des Staates.

Wenn er und sein Gewaltmonopol durch Terrorismus bedroht sind, sollten wir uns den elementaren Ängsten, die dieser auslösen will, verweigern. Wir sollten stattdessen weiter das tun, was den zivilisatorischen Ängsten Linderung verschafft und was schon George W. Bush nach Nine-Eleven empfahl: Go shopping!

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