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14/11/2015 08:47 CET | Aktualisiert 14/11/2016 06:12 CET

Und wie weiter - Hier und Jetzt, nach der Nacht von Paris?

dpa

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Was für ein Tag - viele von uns haben sich das gefragt oder auch im Entsetzen des Geschehenen dahingesagt. Ohne böse Absicht, einfach nur um der eigenen Ohnmacht, der eigenen Verwirrtheit, der Betroffenheit, der Sprachlosigkeit Luft zu machen. Und das darf auch sein.

Wo stehen wir hier und jetzt?

Wir - ausnahmslos WIR - stehen wieder einmal an einer Schwelle. Veränderungen werden seit Monaten, seit Jahren herbeigerufen, herbeigesehnt, herbeidemonstriert, herbeigeschrieen. Alleine, wenn es um Konkretes geht, dann sind nur ganz wenige Hände oben und noch weniger sind bereit, Änderungen in ihrem ureigensten Bereich vorzunehmen. Darum geht es - hier und jetzt. Um nicht mehr, um nicht weniger.

Worum geht es hier und jetzt?

Es geht um jede Einzelne und um jeden Einzelnen. Jenseits aller esoterischen Gedanken, jenseits aller Verschwörungstheorien und Weltuntergangsprophetie. Wir leben in einer verbundenen Welt, in einer Welt, wo man zwar das Handy ausschalten kann, das Internet abdrehen kann und so die Ereignisse erst später wahrnimmt.

Dann, wenn sich der Staub gesenkt hat - und das wahre Ausmaß sichtbar wird, wenn der Tag angebrochen ist, nach dem Dunkel der Nacht, dann zeigt sich die sogenannte Realität in aller Schärfe. Abdrehen der Technik - ja. Abdrehen der Realität - nein.

Ich höre von einer wehrhaften Demokratie, vom Ausruf von Ausnahmezuständen, von Straßensperren, geschlossenen Grenzen, von Nachrichtensperren und von Nachrichtendiensten, die offenbar nicht in der Lage sind und auch gar nicht sein können. Schwachstellen bei Nachrichtendiensten zu suchen gleicht bei diesem Gegner der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.

Nächster Anschlag wird kommen

Es ist letztlich Zeitvergeudung und nur mehr eine Frage von Zeit bis zum nächsten Anschlag. Kaum eine oder einer bewegt sich vor der Lage, kann Einschätzungen vornehmen. Wie auch - wenn man die nicht mehr passende Brille auf hat.

Im Übrigen trägt man seit Jahren die falsche Brille. Es ist die Brille des alles und jedes in Griff zu bekommen, des alles kontrollieren und begrenzen zu können, des mit Gesetzen alles regeln können. Es ist die Brille der Allianzen gegen jemand. Wo ist die Allianz für jemanden, für etwas geblieben? Das frage ich mich in diesen Stunden. Und ich frage mich dies schon seit Jahren.

Warum verharren wir noch immer?

Selten habe ich so viel Sprachlosigkeit wahrgenommen wie an diesem Tag danach. Vielleicht bei 9/11, das ich in London am Flughafen Heathrow mitbeobachtete - mit allem, was dazu gehört - auch mit der letzten Maschine an diesem Abend dann nach Hause geflogen zu werden. Vielleicht nach den Anschlägen von London und Madrid, die ich als Beobachterin wahrnahm.

Es ist jedes Mal eine sehr ähnliche Reaktion der politisch Verantwortlichen und der Einzelnen. Es zeigt sich jedes Mal eine sehr ähnliche Wut, ein ähnliches Entsetzen, jedes Mal der gleiche Aufruf zu Zusammenhalt.

Und es sind jedes Mal das gleiche internationale Mitgefühl und die gleichen Angebote an Hilfen. Es sind jedes Mal die gleichen deutlichen Signale der Entschlossenheit, sich dem Terror nicht zu beugen. Es sind jedes Mal die gleichen entschlossenen Demonstrationen der Solidarität.

Wie kann es weitergehen, hier und jetzt?

Alles gut und schön. Solidarität und Mitgefühl helfen im unmittelbaren Moment. Doch was kommt nach diesem unmittelbaren Moment, der sich ja auch nicht wirklich in der menschlichen Kategorie von Zeit definieren lässt? Was kommt also nach diesem unmittelbaren Moment?

Keine Armee der Welt kann uns schützen

Wann wird begriffen, dass es mit alten Rezepten und herkömmlichen Haltungen nicht mehr klappt? Keine Armee der Welt, keine Allianz gegen jemanden kann uns schützen. Dies ist eine Illusion. Es ist auch eine Illusion, zu glauben, Versäumnisse und Fehler der Vergangenheit, uralten Machthunger und ausgeprägten Konkurrenzdenken auf Kosten anderer mit Luftschlägen in Allianzen korrigieren zu können.

Übrigens schon längere Zeit nicht. Wann wird begriffen, dass wir alle, ausnahmslos, an einer entscheidenden Wegkreuzung angelangt sind?

Es sind nicht nur die Anschläge von Paris im Jahr 2015, die uns in diese aktuelle Lage versetzten. Es ist nicht nur die seit Monaten anhaltende Flüchtlingswelle, die über Europa hereinschwappt. Es ist nicht nur die seit Jahren schwelende Griechenlandkrise (als Ausdruck eines überkommenen Wirtschafts-, Finanz- und Bankensystems). Es ist nicht nur die allgemeine Polarisierung in der Zivilgesellschaft, ob man mehr oder weniger Flüchtlinge, Andere aus anderen Kulturen aufnehmen soll. Es ist eine jahrelange Ansammlung von Ereignissen und Entwicklungen, die uns hier und jetzt überrollen.

Sie, diese Zivilgesellschaft, jede Einzelne und jeder Einzelne von uns, ist übrigens der Weichteil der Weltgesellschaft. Keine und keiner kann sich ausnehmen - von dieser Schwelle, an der wir stehen. Nicht wieder einmal - denn dieses Mal ist es eine besondere Schwelle, eine Wegkreuzung von eminenter Wichtigkeit für das Kollektiv, für die Weltgesellschaft.

Es gibt nichts Leichteres, als völlig Unbeteiligte in Anschläge zu involvieren. Es gibt nichts Einfacheres, als saturierte Gesellschaften, die vor unbewusster und bewusster Angst nur so beben und zittern, mit Anschlägen bloßzustellen und die Verwundbarkeit des Kollektivs zu zeigen.

Die „nächste Nacht von Paris" kommt

Vieles von dem, was und warum es geschah, liegt im Dunkel, wird vielleicht immer im Dunkel bleiben. Wenn alle Aufmerksamkeit auf die Aufklärung und Verhinderung des nächstens Anschlages fokussiert werden, dann darf man gespannt warten, wann die „nächste Nacht von Paris" kommt. Und sie kommt sicher, es geht gar nicht anders, gleich wo sie dann stattfinden wird.

Was braucht es, hier und jetzt?

Es braucht das, was man einen mindset change nennt, eine grundlegende Haltungsänderung der Einzelnen und des Einzelnen. Dazu kann jede Leserin und jeder Leser hier und jetzt, konkret, in diesem Moment, beitragen.

Es ist eine Frage der Bewusstheit, als Ausdruck von Bewusstsein. Die Zeit für Spiele welcher Art auch immer ist längst vorbei. Hier und jetzt hat jede Einzelne und jeder Einzelne bei sich und ins sich Veränderungen vorzunehmen. Wie geht frau/man mit sich um, mit ihrem bzw. seinem Umfeld um? Es ist wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird und konzentrischen Kreise erzeugt.

Klingt einfach, kann sein, dass es einfach ist - und auch manches Mal kompliziert ist. Es gibt keine Alternative mehr, wenn wir nicht auf den nächsten Anschlag und auf die nächste große Krise unbewusst warten wollen.

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