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12/12/2017 06:41 CET | Aktualisiert 12/12/2017 06:47 CET

Mit Achtsamkeit und Bewusstsein auf zu neuen Ufern? ...

Seit gut 20 Jahren befasse ich mich mit spirituellen und philosophischen Konzepten zu Achtsamkeit und Bewusstsein. Vieles davon ist mittlerweile integraler Teil meines Lebens. Ja - sie sind nichts Besonderes mehr für mich. Doch auch ich muss mich täglich daran erinnern, diesen beiden Eigenschaften entsprechend Raum zu widmen. Bewusstsein und Achtsamkeit vertragen sich nicht Arroganz und Überheblichkeit. Letztlich bleibe ich immer eine Lernende, denn nur so sind Ausweitung und Ausdehnung im eigenen Sein möglich. Das ist auch ein nicht ganz unwesentlicher Teil des Sinns des Lebens.

In meinem Beitrag vom Oktober 2017 https://www.huffingtonpost.de/andrea-riemer/conscious-leadership-und_b_18317440.html habe ich mich vor allem mit der Integration von Achtsamkeit und Bewusstsein in Institutionen, insb. in Unternehmen auseinander gesetzt. Für viele Unternehmen ist diese Thematik neu, ja noch unbekannt. Für manche ist es schon eine Selbstverständlichkeit. Andere tun es als esoterisches Geschwafel ab und überlassen es der/dem Einzelnen, sich damit auseinander zu setzen. Es wird stillschweigend toleriert, solange andere mit dem Virus der Selbstreflektion nicht infiziert werden. Dann werden sie gefährlich - zumindest aus der Sicht eines noch immer beträchtlichen Anteils an Führungskräften. Erkennende Menschen sind für das alte Verständnis von Macht über jemanden auszuüben existenzbedrohend.

Doch - und das erachte ich als wesentlich - diese sich selbst erkennenden Menschen sind gewissermaßen Pioniere und Pionierinnen und oft Trojaner und Trojanerinnen im System - gelegentlich werden sie auch als Spinnerin und Spinner abgetan. Und irgendwann verlassen sie das Unternehmen, weil es für sie nicht mehr stimmig ist und ihnen weder Wettbewerb noch Dauerkonfrontation behagen. Es geht auch anders und an einem anderen Ort. ...

Ich will meine Gedanken zu Achtsamkeit und Bewusstsein vertiefen, sie vor allem aus meiner Perspektive der regelmäßig Reflektierenden und Praktizierende - und natürlich nach wie vor Unvollkommenen und auch immer wieder Abgleitenden darlegen. Ich will für die Idee von Achtsamkeit und Bewusstsein werben. Ich will meinen Leserinnen und Lesern Mut machen, sich mit Achtsamkeit und Bewusstsein mit kleinen und einfachen Schritten auseinander zu setzen. Es ist das Einfache, das Bestand hat, weil es umgesetzt wird. Darum geht es, wenn ich von Achtsamkeit und Bewusstsein schreibe.

Worüber reden wir überhaupt?

Diese Frage ist angesichts der Literatur- und Vortragsschwemme zu Achtsamkeit und Bewusstsein mit allerlei Heilsversprechen durchaus berechtigt. Ich will es folgendermaßen darlegen:

Achtsamkeit und Bewusstsein sind für mich zwei Seiten ein- und derselben Medaille in der menschlichen Wahrnehmung. Bewusstsein ist eine Form von Gewahrsein innerhalb der eigenen Daseinsebene, auch Dimension genannt.

Wir nehmen Reize wie Farben, Formen, Töne und Klänge wahr. Wir erkennen sie als solche z.B. in Form von Länge, Breite und Höhe. Zudem reagieren wir auf diese Reize, d.h. wir haben eine innere Fähigkeit des Erkennens und des Verarbeitens, sodass wir daraus eine Handlung ableiten können. Es gibt also in uns - oft sehr versteckt und wenig erkennt - eine Art Referenzfläche. Manche nennen es Erfahrungen, Erinnerungen, Glaubenssätze, Familienmuster, Generationsmuster etc. Sie kennen es bestimmt ... man muss, man kann, man soll, ich habe das immer so gemacht, weil man es so macht ... Wenn Sie so denken und sprechen, dann empfehle ich, vorerst inne zu halten und zu sehen, was da in Ihnen abläuft. Frei von Wertung - nur wahrnehmen. Gar nicht einfach, diese kleine Übung. Wir sind ja zum Bewerter und zur Verurteilerin geradezu erzogen worden. Beim Unterscheidungsvermögen hingegen wurde kräftig bei den meisten von uns gespart.

Welche Rolle spielt Achtsamkeit in diesem inneren Musikstück? Achtsamkeit ist ein Aspekt von Bewusstsein. Etwas fällt mir aufgrund einer geschärften Wahrnehmung, einer inneren Neugierde und Offenheit auf - über meine bekannten fünf Sinne, über meine innere Wahrnehmung, weil auch dem Gefühl und der Intuition Raum gegeben werden. Sie werden eben nicht mehr als diffuses Bauchgefühl weggedrückt und abgewürgt, sondern sie erhalten - vorerst neutral als so sein - Raum in mir.

Ich betone IN mir. Ich schreibe hier nicht vom Außen. Dies darf man sich vergegenwärtigen und verinnerlichen. Wer nicht erkennt, dass das Außen die Spiegelfläche des eigenen Innen ist, der wird weiterhin im Außen schuften, im Hamsterrad laufen und nicht weiterkommen. Die Bühne für Wahrnehmung, Gestaltung und Veränderung ist das Innen - so unspezifizisch und diffus es auf den ersten Blick klingen mag. Ausprobiert - und für stimmig und richtig befunden. Nicht ich alleine, sondern eine Fülle Menschen haben dies bereits gemacht und teilen meinen Standpunkt. Alles ist eine Frage der Wahrnehmung, des Bewusstsein - beides wirkt auf die innere Haltung. Und die ist ausschlaggeben dafür, wie sich das Außen und damit das mit unseren bekannten fünf Sinnen wahrnehmbare Leben entwickelt. Das vielzitierte Beispiel vom halbvollen und halbleeren Glas ist nur eines von unzähligen Beispielen. Alles ist eine Frage von Bewusstsein ...

Das Unterbewusstsein als großes Sammelbecken - wofür?

Ein Großteil unseres wahren Selbst läuft jedoch sprichwörtlich an uns vorbei und wird durch unser Unterbewusstsein wie in einem Siphon aufgesogen und in ein imaginäres Sammelbecken abgegeben. Was geschieht dort? Vieles und nichts zugleich. Oft verbleibt es im Dunklen.

Dieser Abfluss hinterlässt ein in uns das Gefühl der Trennung vom Ganzen, von einer latenten und manifesten Angst, dass wir in unserer Fähigkeit zu tiefst beschränkt sind, unsere Wünsche zu erfüllen, und einen festsitzenden Glauben, dass wir hart arbeiten müssen, um unsere Ziele zu erreichen und unser Lebensglück zu verdienen.

Gesellschaft und Wissenschaft versuchen nach wie vor mit einer Persistenz zu beweisen, dass es eine einzige Realität gibt. Es ist jene, die wir mit unseren bekannten fünf physischen Sinnen wahrnehmen können. Wenn wir auf diesem Wahrnehmungs- und Bewusstseinslevel verbleiben, dann gerinnt der Geist in die Materie und unser Bewusstsein ist auf unser Ego beschränkt. Was für eine Einschränkung! Was für eine Verkürzung - vor allem wenn wir nachgewiesenermaßen damit nur 5 % dessen wahrnehmen, was es tatsächlich gibt. Nicht kennen heißt nicht, dass es etwas nicht gibt. Es ist nur außerhalb unserer Wahrnehmungsfilter.

Dies ist übrigens die mittlerweile traditionelle westliche, stark auf das Außen und die Leistung hin orientierte Sichtweise von Bewusstsein und von Leben. Es ist eine Möglichkeit, Leben zu sehen. Es gibt jedoch eine Reihe von weiteren Möglichkeiten, die deutlich erquicklicher und befriedigender sind.

Die Erweiterung von Bewusstsein

Das Geheimnis, so es so etwas gibt, liegt in der Erweiterung von Bewusstsein. Dafür braucht es keine Drogen welcher Art auch immer, sondern im ersten Schritt eine bewusste Entscheidung, die sich auf die innere Offenheit dafür bezieht. Es ist ein Ja zu einer inneren Öffnung und zu einem inneren Zulassen von Neuen, von Anderen.

Wir können uns nur an unser Selbst (wieder-) erinnern, wenn wir unser Bewusstsein in eine weitere Wahrnehmungsebene ausdehnen und die Zeit hinzunehmen. Die Wahrnehmung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wird fließender, da sich die Gesetze von Zeit und Raum verändern. Die Trennung wird unwichtiger, weil das Hier und Jetzt, die Zeit zwischen zwei Atemzügen an Bedeutung gewinnt.

Kinder bis zum etwa 6. Lebensjahr kennen gar keinen anderen Zustand. Sie tun sich schwer mit dem Warten auf etwas, das kommen mag, wie ihr Geburtstag oder Weihnachten. Zeitgefühl ist oft nicht Teil ihrer Wahrnehmungswelt. Sie leben nicht zeitlos, sondern eben in diesem 3 Sekunden (schon wieder Zeitangaben) - mit denen sich Erwachsene oft unglaublich schwer tun, weil sie kontrollieren, planen und schon vor der Zeit wissen wollen, was ist - als schon dort sein wollen, bevor sie abfuhren. So versäumen sie das einzig Reale - den Jetzt-Moment.

Sie fühlen sich abhängig von dem, was war und was kommen mag - denn wer hat denn schon die große Gewissheit? Irgendwann stellt sich eine Ohnmacht ein und mündet im Opferdasein - es sind die berühmten Umstände. Opfersein - herzlich willkommen. Es lebt sich doch so angenehm in dieser vertrauten Soße ...

Löst man sich von der rein materiellen Vorstellung im Bewusstsein, so dehnt man sich innerlich in der Wahrnehmung aus und entwickelt eine erweiterte Form von Achtsamkeit für das was AUCH ist. Abhängigkeiten werden geringer. Eine innere Heilung kann sich Schritt für Schritt einstellen - langsam, still und leise. Was früher ach so unabdingbar war, weh tat und vor dem man unbändige Angst hatte - es ist weg. Nein - nicht weg - unsere Einstellung dazu hat sich gewandelt. Mehr und mehr stellt man fest, dass man selbst die eigene Realität durch die Art von Wahrnehmung und die Weite des eigenen Bewusstseins erschafft. Die Selbstsabotage wird geringer und wir kommen unseren Zielen deutlich näher. Das Außen wird in seiner Bedeutung auf jene Stufe gebracht, die ihm zusteht. Das vielzitierte, sich ewig aufblusternde Ego kann sich erholen und uns dort helfen, wo es gebraucht wird - als unbedingter Wille zu Sein. Auch nicht ganz unwichtig.

Wie lässt ein erweitertes Bewusstsein erreichen?

Ich will hier gar nicht über ein noch stärker ausgedehntes Bewusstsein schreiben. Es reicht im ersten Schritt, sich der Möglichkeiten gewahr zu sein.

Aus eigener Erfahrung kann ich schreiben, dass es einerseits einfach ist und gleichzeitig - in unserer lauten, oft übertriebenen, chaotischen Gesellschaft kompliziert und fordernd ist, sein Gewahrsein zu schärfen und ausweiten. Auch mir erging es dabei nicht anders.

Gewahrsein als Sammelbegriff für Bewusstsein und Achtsamkeit kann primär nur aus der Stille, der Ruhe und aus dem eigenen Innen heraus entstehen. Es ist nichts, rein gar nichts, das einem aus dem Außen entgegenspringt. Es ist der mehr oder weniger dringende Wunsch, wahrzunehmen, zu erkennen, für sich einzuordnen und dann auch zu leben - nicht nur im schicken Workshop, sondern ganz praktisch im Lebensalltag, der ja das unmittelbare persönliche Leben, Partnerschaften aller Art und den Beruf gleichermaßen umschließt. Es ist bis zu einem gewissen Grad die berühmte Quadratur des Kreises.

Ich habe für mich erkannt, dass es einfach und nahezu selbstverständlich sein muss und vor allem Freude bereiten muss, damit ich etwas Neuen, mir bislang wenig oder gar nicht Bekannten in meinem Leben Raum und Zeit schenke. Je einfacher, desto lieber habe ich es. Wenn es konkret und umsetzbar ist und mein Leben gefühlt leichter werden lässt - perfekt. Einfachheit wird dann für mich zur höchsten Stufe der Vollendung und es gibt eine Art Umsetzungsgarantie. Alles was kompliziert ist, wir erfahrungsgemäß nicht umgesetzt.

Und dann gilt auch hier - Übung macht die Meisterin/den Meister. Es nützt nichts. Üben ist angesagt. Klingt schlimmer als es ist. ... Doch wo fängt man wie damit an?

Stille oder das Finden der inneren Mitte - eine wesentliche Voraussetzung für die Ausdehnung von Bewusstsein

Ich befasse mich viel mit Stille und innerer Mitte - als Mensch, als Künstlerin, als Beraterin. Und - ich liebe die Stille. Kein Radio, kein Fernsehen, kein Lärm im Außen. Vielleicht den Wind und das Wasser hören. Vielleicht Vögeln zuhören. Das ist kein Dauerzustand, doch mittlerweile ein „Mehrheitszustand" in meinem Leben. Daher nehme ich auch mehr wahr als viele andere. Das ist nicht besser oder schlechter. Es ist schlicht anders, weiter, tiefer.

Für mich ist Atem mein persönlicher Einstieg zur Stille, die für mich ein innerer Zustand ist, der vom Außen begleitet und unterstützt wird. Es hilft für den Anhang, das Außen dann kurzzeitig bewusst auszublenden. Nichts ist für ein paar Momente wichtig. Dann haben Stille und die innere Mitte eine erste Chance, sich bemerkbar zu machen. Das ist ungewohnt. Das ist anfänglich unangenehm - man ist ja immerhin mit sich selbst konfrontiert. Dies ist ja jener Mensch, vor dem viele regelmäßig, nachhaltig und mit großem Engagement davon laufen.

Wer Bewusstsein und Achtsamkeit leben will, darf sich zu allererst mit sich selbst auseinandersetzen. Dies ist übrigens die schönste und vielfältigste Fundgrube - und Sie haben sich immer an Bord - auch wenn Sie es weder merken noch wahrhaben wollen.

Ohne Stille gibt es kein Finden der eigenen inneren Mitte. Und ohne innere Mitte gibt es kaum die Möglichkeit, sich in dieser verbundenen Welt mit ihrer hohen Komplexität zurecht zu finden und das eigene Bewusstsein auszudehnen. Es ist ein Netzwerk aus Bedingtheiten, das zu ersten kleineren Erfolgen führt.

Es ist also einen Versuch wert, der eigenen inneren Mitte und damit sich selbst in Stille zu begegnen. Positive Nebenwirkungen sind garantiert.

Und was passt nun für die individuelle Situation?

Erwarten Sie kein Rezept von mir. Ich habe auch kein Erfolgsgeheimnis, das ich Ihnen verraten kann. Sie dürfen Ihren eigenen Weg finden. Ich kann jedoch einige Anregungen geben. Es sind bestenfalls Impulse, die Sie probieren können. Je mehr Sie sich mit Bewusstsein und Achtsamkeit befassen, umso mehr werden Sie für sich entdecken.

Haben Sie Freude dabei. Seien Sie neugierig und offen für das, was sich zeigen mag. Spielerisch zu bleiben, garantiert einen beträchtlichen Teil an Erkenntnisgewinn. Sie werden feststellen, dass sich Ihr inneres Sensorium mit der Zeit verändert. Ja - Sie haben Recht. Es klingt banal und einfach - doch tun Sie es? Fragen Sie sich das ehrlich - tun Sie es?

Fangen Sie mit kleinen überschaubaren Schritten an, wie z.B. indem Sie mit offenen Sinnen zur Arbeit gehen oder fahren. Was fällt Ihnen auf, das Ihnen bislang noch nie auffiel? Nehmen Sie Ihre KollegInnen einmal wahr, ich meine so richtig wahr? Blicken Sie sie an, in ihre Augen? Wo gucken Sie hin oder geht Ihr Blick geradeaus vorbei? War ja eh immer schon so? Reaktion wie erwartet. Oder - aha. Ohne weitere Worte. Einfach nur mal das Neue nehmen und betrachten.

Lösen Sie sich von ihren alten Wahrnehmungsbrillen. Legen Sie Ihre Erwartungen einmal für ein paar Moment bei Seite. Beobachten Sie ohne zu werten und zu verurteilen. Seien Sie fantasievoll wie ein Kind in der Gestaltung Ihres Tagesablaufs. Es muss nichts Großes sein. Wechseln Sie die Straßenseite oder gehen Sie einen anderen Weg als den üblichen. Setzen Sie sich an einen Ort, den Sie noch nie bislang besuchten.

Meine Erfahrung zeigt mir, dass nicht das Große, Epochale die Lösung ist, sondern die Kunst darin besteht, kleine, verschiedene Übungen soweit wie möglich als Bestandteil des Lebensalltags zu sehen und auch konsequent zu leben - in einer Form von Disziplin und Hingabe an den jetzigen Moment.

Geben Sie dem scheinbar Kleinen eine neue Bedeutung. Sie sind es, die/der die Bedeutungszuschreibung macht. Niemand außerhalb von Ihnen. Kein Amt. Keine Institution. Kein Guru. Kein auch noch so teurer Workshop. Kein Essay und keine Schilderung meiner Erfahrungen. Sie selbst sind es - was für eine Macht liegt da in Ihren Händen! Sind alleine haben es in Ihren Händen. Es ist alles eine Frage von Bewusstsein.

Bleiben Sie vor allem dran und seien Sie auf kleine und größere Wunder gefasst. Sei es ein nicht erwartetes freundliches Wort, ein Blume am Wegrand oder ein heiteres Gespräch. Nichts muss sein. Alles kann und darf sein. Schätzen Sie alles - und nichts zu gering.

Es ist alles eine Frage von Bewusstsein - und das lässt sich erweitern und ausdehnen. Es wartet schon auf Sie!