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10/12/2016 11:10 CET | Aktualisiert 11/12/2017 06:12 CET

Hört auf, Jung und Alt gegeneinander aufzuwiegeln

„Wenn man den Kopf in der Sauna hat und die Füße im Kühlschrank, sprechen Statistiker von einer angenehmen mittleren Temperatur"

Dieses Zitat von Franz Josef Strauß klingt ungemütlich, es veranschaulicht aber ein zentrales Problem der aktuellen Rentendiskussion. Ein gutes Rentenniveau bedeutet nicht, dass es allen Rentnern gut geht.

Trotzdem ging es den Rentnern in Deutschland insgesamt noch nie so gut ging wie heute. Die große Frage ist: Wie sorgen wir dafür, dass das so bleibt?

Weniger Beitragszahler, mehr Rentner und längere Rentenbezugsdauer bedeuten, dass die Kosten steigen und die Einnahmen sinken. Zudem gefährdet die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken die private Vorsorge.

Ändert sich nichts, wird das derzeitige Finanzpolster der Rentenkasse im Jahr 2021 aufgebraucht sein. Der Rentenbeitrag müsste dann von heute 18,7 auf 23,4 Prozent im Jahr 2045 steigen, um die Rente stabil zu halten. Die deutsche Wirtschaft müsste steigende Lohnnebenkosten und erhebliche Wettbewerbsverluste verkraften.

Arbeitsplätze und Rentenbeiträge gingen verloren. Alternativ könnte das Rentenniveau absinken von aktuell 47,8 Prozent des Durchschnittseinkommens, auf 44,6 Prozent im Jahr 2029 bzw. 41,6 Prozent bis 2045.

Die Politik muss gegensteuern. Das tut sie vor allem mit vernünftiger Wirtschaftspolitik, denn gut bezahlte Arbeitsplätze sichern die Rente. Die Rentenpolitik hat zwei zentrale Aufgaben: Heute den Schwächeren zielgenau helfen und morgen den jüngeren Generationen einen sorgenfreien Ruhestand ermöglichen. Folgende Grundsätze sollten dabei gelten:

Hört auf, Jung und Alt gegeneinander aufzuwiegeln!

Die ältere Generation hat dieses Land aufgebaut, die Wiedervereinigung bewältigt und sich einen sorgenfreien Ruhestand verdient. Der Jugend dürfen die Kosten der Überalterung unserer Gesellschaft aber nicht alleine aufgebürdet werden.

Mehr zum Thema: Aus Hungerlöhnen können keine Luxusrenten entstehen

Weder der Staat noch die junge Generation können die Folgen des demographischen Wandels alleine auffangen. Die Lasten müssen gleichmäßig verteilt werden. Der Staat muss die Eigenverantwortung stärker fördern. Die private Vorsorge und die betrieblichen Rente müssen für alle Einkommensschichten ausgebaut werden. Die Koalition will noch in dieser Legislatur ein Gesetz zur Stärkung der betrieblichen Vorsorge beschließen.

Nur mit einer ergänzenden privaten Vorsorge aller Bevölkerungsteile lässt sich der Lebensstandard im Alter sichern. Zudem muss in einer immer älteren und gesünderen Gesellschaft das Renteneintrittsalter flexibilisiert werden. Sinnvoll wäre auch die Kopplung der Arbeitszeit an die Lebenserwartung, um die Rente strukturell den sich stetig verändernden demographischen Gegebenheiten anzupassen.

Leistung muss sich lohnen. Sonst verlieren wir eine zentrale Triebfeder unserer Gesellschaft. Wer sein Leben lang arbeitet, sollte im Alter gut und selbstbestimmt leben können. Dieses Versprechen darf in unserem reichen Land kein Privileg gutverdienender Paare ohne Kinder werden. Die individuelle Lebensleistung muss bei der Rente anerkannt werden.

Kinder zu erziehen ist eine großartige Leistung und schafft die Grundlagen von morgen. Es ist daher eine Frage der Gerechtigkeit, die Leistung der Mütter, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, in der Rente vollständig anzuerkennen.

Mehr zum Thema: Wir Jungen dürfen uns nicht eintrichtern lassen, wie unsere Rente aussehen soll

In Zukunft sollten Eltern während der Erziehung noch stärker entlastet werden, indem ihre Rentenbeiträge während der Erziehungszeit über einen Kinderbonus reduziert werden. Damit würde die Gesellschaft die Erziehungsleistung der Eltern unmittelbar anerkennen.

Wir brauchen keinen Systemwechsel, aber sollten von anderen lernen! Das Rentensystem der Schweiz hat interessante Ansätze, wie die verpflichtende Arbeitnehmer-Versicherung. Anstatt der Pflicht zur betrieblichen Vorsorge sollten Arbeitnehmer in Deutschland selbst entscheiden können, wie sie vorsorgen möchten.

Eine Opt-Out-Regel würden jeden Arbeitnehmer dazu bringen, einmal bewusst über die betriebliche Vorsorge zu entscheiden. Die Schweiz bietet ihren Bürgern zudem starke steuerliche Anreize zur privaten Vorsorge. Auch daran sollten wir uns orientieren und unsere staatliche Zulage für die private Vorsorge deutlich und regelmäßig erhöhen. Auch die Eigentumsbildung bzw. Eigenheimfinanzierung könnte über die steuerliche Anerkennung bei der Rente unterstützt werden.

Ein Freibetrag in der Grundsicherung für Renten aus einer betrieblichen oder privaten Altersvorsorge könnte für langjährig Versicherte ein echter Anreiz zur ergänzenden Vorsorge sein. Grundsätzlich gilt: Wer privat oder betrieblich vorsorgt, soll es später einmal besser haben.

Macht die Altersvorsorge verständlich und flexibel! Die wenigsten Menschen können und wollen sich durch Versicherungskauderwelsch wühlen. Das sorgt für Unsicherheit und verpasste Chancen. Bisher werden nur bestimmte staatlich zertifizierte Anlagemodelle gefördert. Das schränkt den Effekt der staatlichen Förderung auf die private Vorsorge ein.

Stattdessen sollten unabhängige oder staatliche Stellen die privaten Vorsorgemodelle prüfen und Empfehlungen abgeben. Die Verbraucher würden dadurch mehr Flexibilität bei ihrer individuellen Kombination von staatlicher Förderung und privater Vorsorge erhalten.

Eine staatliche Rentenplattform nach dänischem Vorbild könnte die Beitragszahler begleitend beraten und ihnen eine Übersicht über ihre jeweiligen Ansprüche aus der gesetzlichen, betrieblichen und privaten Vorsorge liefern. Das sorgt für Klarheit, Übersicht und Sicherheit.

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