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17/09/2015 12:19 CEST | Aktualisiert 17/09/2016 07:12 CEST

Nach Schabowski kam Kohl. Und Merkel

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Seit mindestens 20 Jahren diskutieren wir die demographische Krise, in die Deutschland mit sehenden Auges hineinläuft. Wir wissen, dass wir zu wenig Kinder zeugen, um uns selbst zu reproduzieren, viel zu wenig.

Wir können abschätzen, dass 2050 sechs Millionen weniger Menschen hier leben könnten als noch heute. Und trotzdem machen wir nicht mehr Kinder.

Scheinbar haben wir uns innerlich schon darauf eingestellt, dass wir unsere Einwohnerzahl und den damit verbundenen Wohlstand nur durch Zuwanderung sichern können. Aber wir wollen lieber nicht darüber reden oder gar die notwendigen politischen und organisatorischen Entscheidungen treffen. Es läuft ja gerade so gut.

Flüchtlinge gehören zum aktivsten Teil der Bevölkerung

Der Krieg in Syrien hat die größte Flüchtlingskrise seit dem Ruanda Krieg ausgelöst. Neun Millionen Syrier sind auf der Flucht vor dem Krieg und um für sich und ihre Kinder wieder ein menschliches Leben aufzubauen.

Flüchtlinge gehören zum aktivsten Teil der Bevölkerung. Es sind die, die nicht einfach dasitzen und hoffen, dass es alles schon irgendwie besser wird, oder sich sogar selber am Morden und Plündern beteiligen. Sie wollen ein bisschen Frieden, ein bisschen Wohlstand und eine gute Ausbildung für ihre Kinder.

Sie investieren viel um dieses Ziel zu erreichen, und nehmen sogar den Tod auf der Flucht in Kauf. Den die Alternativen sind viel schlimmer. Und wenn sie angekommen sind, sind es meist die Menschen, die doppelt hart arbeiten, die weiter investieren, in neue Ideen, Unternehmen und Läden, und in ihre Kinder.

Google Co-Gründer Sergey Brin kommt aus einer russischen Einwandererfamilie, WhatsApp Gründer Jan Koum aus einer ukrainischen. Einstein war deutscher Flüchtling und Willi Brandt. Es gibt eine lange Liste.

Jetzt nachdem die Grenze offen ist, müssen wir damit umgehen

Dies sind die Menschen, die jetzt auch in großen Zahlen in Nordeuropa ankommen. Bisher hatten sie es nur in die Nachbarländer (allein über 3 Millionen nach Libanon, Jordanien, Türkei) oder nach Süd- und Südosteuropa geschafft. Jetzt eben auch nach Nordeuropa. Weil die Kapazität im Süden erreicht ist und es im Norden mehr Möglichkeiten gibt. Das ist rational.

So ist das Leben. Leider könnte man sagen und sich darüber beklagen. Manche meinen jetzt sogar wieder, dass Mauern helfen, und scheinen sich die 28 Jahre der Berliner Mauer als Vorbild zu nehmen. Für einen Ostdeutschen dreht sich der Magen um, wenn Mauern jetzt schon wieder ‚in' sind.

Als syrische Flüchtlinge in Tausenden nach Deutschland kamen, auch ohne schon vorher in einem anderen EU Staat registriert zu sein, sagte Angela Merkel in der Bundespressekonferenz, dass Flüchtlinge in Deutschland willkommen seien und dass die Bundesrepublik keine Syrer mehr abschieben werde.

Dies klang für viele Syrer wie der Satz von Günther Schabovski am 9. November 1989 «Das tritt nach meiner Kenntnis...ist das sofort...unverzüglich».

Sie machten sich auf den Weg. Angela Merkel wollte eigentlich nur sagen, dass es keinen Sinn mache, die Syrer, die schon hier in Deutschland sind wieder in ein anders EU Land abzuschieben, um sich dort zu registrieren. Aber verstanden wurde es wie Schabovski's legendärer Satz. So passiert Geschichte.

Jetzt nachdem die Grenze offen ist, müssen wir damit umgehen. Wieder zumachen sendet die falsche Nachricht und wird eh nicht helfen. Wenn die Grenze einmal offen ist, kann man sie so einfach nicht mehr zumachen. Auch das wissen wir aus der Geschichte.

Nach ihrem Schabowski Moment, sollte sich Frau Merkel jetzt an Helmut Kohl orientieren, das heißt, die historische Dimension der Situation erfassen, sie als Chance für Deutschland und Europa definieren, einen 10 Punkte Plan machen und blühende Landschaften versprechen.

Klar wissen wir, dass es dauern wird mit den blühenden Landschaften, dass es Gewinner und Verlierer geben wird. Aber wir wissen auch, dass es geht. Und es ist ein schöneres Ziel, blühende europäische Landschaften bauen zu wollen als sich im Bauen von Mauern zu optimieren.

Jetzt müssen wir erst mal eine Menge organisatorische Probleme lösen

Auch wenn Angela Merkel nicht explizit sagen wollte, dass alle syrischen Flüchtlinge nun in Deutschland willkommen sind, sie hat vor drei Wochen das Richtige gesagt und getan. Aus Menschlichkeit und humanistischen Pragmatismus. Und sie hat der menschenverachtende Abschreckungspolitik einiger EU Staaten eine gehörige Abfuhr erteilt.

Das war die von vielen geforderte deutsche Führung in Europa, die sich auf vereinbarte europäische Werten und Regeln beruft.

Jetzt müssen wir erst mal eine Menge organisatorische Probleme lösen: Menschliche Unterbringung von Flüchtlingen, schnelle Asyl- und Abschiebeverfahren, schnelle rechtliche Sicherheit, Einschulung und Unterstützung der Kinder, Deutschkurse für die Erwachsenen, Arbeitserlaubnisse schnellstens, am besten auch schon während des Asylverfahrens. Und europäische Solidarität wagen.

Nicht nur zwischen Regierungen sondern auch zwischen europäischen Bürgern. Auch weil wir ja wissen, dass wir Einwanderung in unsere alternden Gesellschaft dringend brauchen.

Und in einigen Jahren werden wir hoffentlich darüber diskutieren, wie wir in Deutschland und Europa die Flüchtlingskrise bewältigt haben. Es war nicht immer schön, aber wir haben es gut gepackt. Und vielleicht wird das nächste Google oder Apple schon in diesem Jahr von einem Syrer in Deutschland gegründet, aber auf jeden Fall in Europa.

André Wilkens

Autor Analog ist das neue Bio

Gründungsmitglied des European Council on Foreign Relations

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