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26/08/2015 05:15 CEST | Aktualisiert 26/08/2016 07:12 CEST

5 Gründe, warum Zuwanderer keine Arbeitsplätze wegnehmen

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Diese Frage wird von Bürgern und Politikern in westlichen Industriegesellschaften immer wieder kontrovers diskutiert, leider oft ohne die nötige Faktengrundlage. Dabei liefert die Migrationsökonomie auf Grundlage umfassender internationaler Forschungsergebnisse eine klare Antwort.

Für IZA World of Labor habe ich unlängst den objektiven Stand des Wissens zu Zuwanderung und Arbeitsmarkt zusammengefasst.

Die Botschaft lautet: Migranten nehmen den heimischen Arbeitnehmern nur in seltenen Fällen Arbeitsplätze weg. Langfristig hat Zuwanderung sogar positive Auswirkungen auf die allgemeine Beschäftigung.

Die fünf Gründe, warum Migranten den Einheimischen keine Jobs wegnehmen, können sein:

a) Migranten mit eigenem Geschäft schaffen direkt Arbeitsplätze;

b) Zuwanderer befördern Innovationen, die wiederum zu Beschäftigung führen;

c) Zuwanderer beseitigen den Arbeitskräftemangel und stärken die Anpassungsfähigkeit der Arbeitsmärkte;

d) Hochqualifizierte ermöglichen eine bessere Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft an technologische Veränderungen und geringer Qualifizierte verbessern die berufliche Mobilität und Spezialisierung, was beides die Beschäftigung stärkt;

und e) ihre Kaufkraft stärkt die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, wodurch wiederum Firmen expandieren und Arbeitskräfte beschäftigt werden können.

Umfragen, die nach der Wirtschaftskrise von 2008/2009 in den USA, Frankreich, Deutschland und Großbritannien durchgeführt wurden, ergaben, dass sich diese Erkenntnis entgegen anderer Vermutungen zunehmend auch in der öffentlichen Meinung widerspiegelt.

Der Großteil der Befragten war der Meinung, dass Zuwanderer eher bestehende offene Stellen besetzen und neue Jobs schaffen, als dass sie die Arbeitslosigkeit unter Einheimischen steigen lassen (siehe Abbildung).

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In der Tat: Wirtschaftsmigranten suchen gezielt nach beruflichen Chancen und wählen daher vornehmlich Zielorte mit verfügbaren Arbeitsplätzen aus. Sowohl besser als auch schlechter ausgebildete Zuwanderer stellen für die dort beschäftigten einheimischen Arbeiternehmern deshalb kaum eine „Bedrohung" dar.

Die bloße Präsenz von Zuwanderern stärkt die Binnennachfrage

Vielmehr verstärken sie bestehende Belegschaften oder nehmen die Jobs an, die aus dem Potenzial der Einheimischen nicht besetzt werden können - sei es, dass es Fachkräftemangel gibt, sei es, dass es sich um Jobs handelt, die Einheimische nicht übernehmen wollen.

Darüber hinaus können Zuwanderer zusätzliche Arbeitsplätze schaffen, indem sie die allgemeine Produktion ankurbeln, als selbstständige Unternehmer Jobs anbieten oder durch ihre Erwerbstätigkeit die Aufstiegsmobilität Einheimischer fördern.

Schon die bloße Präsenz von Zuwanderern in einer Gesellschaft stärkt die Binnennachfrage und kann auch dafür sorgen, dass mehr neue Unternehmen gegründet werden, die wiederum Arbeitsplätze für Einheimische und Zuwanderer schaffen.

Woher rühren also die Bedenken gegenüber Arbeitsmigranten? Dort, wo sie nicht bloß reflexartig den simplifizierenden Vorurteilen gegen „Fremde" folgen, spielt vielleicht ein zu grobschlächtiges Verständnis von Arbeitsmarktzusammenhängen eine Rolle:

Wären Zuwanderer in Bezug auf ihr individuelles Profil mit heimischen Arbeitskräften völlig gleichzusetzen, würden sie in der Tat nur das allgemeine Arbeitsangebot erhöhen und folglich je nach Branche sowohl die Löhne unter Druck setzen als auch die Arbeitslosigkeit steigen lassen.

Einwanderer können heimische Arbeitnehmer gar nicht ersetzen

Doch die Realität sieht anders aus: Einheimische und zugewanderte Arbeitnehmer unterscheiden sich in ihren länderspezifischen Humankapital-Eigenschaften, wie Sprachkenntnissen, beruflichen Netzwerken sowie sozialen und kulturellen Kompetenzen. Aufgrund dieser Unterschiede können Einwanderer heimische Arbeitnehmer gar nicht eins zu eins ersetzen.

Im Übrigen zeichnen sich die modernen Arbeitsmärkte durch ein Nebeneinander von Arbeitslosigkeit und Arbeitskräftemangel aus: Offene Stellen gibt es verbreitet selbst bei hoher Arbeitslosigkeit - nämlich dann, wenn die jobspezifischen Anforderungen und das Qualifikationsniveau der Arbeitsuchenden nicht zusammenpassen oder bestimmte Jobs einfach nicht attraktiv genug sind.

Viele heimische Arbeitsuchende ziehen es vor, arbeitslos zu bleiben

In Ländern, die über besonders gut ausgebaute Sozialsysteme verfügen, ziehen es viele heimische Arbeitsuchende vor, arbeitslos zu bleiben, anstatt einen schlecht bezahlten, niedrigqualifizierten anzunehmen.

Zuwanderer sind in der Regel weit eher bereit, solche Jobs anzunehmen, sogar dann, wenn sie dafür eigentlich überqualifiziert sind. Sie begreifen die wenig attraktive Arbeit oft als Einstiegschance und als ein temporäres Mittel zum Zweck.

Dazu trägt auch bei, dass sie zu Beginn ihres Aufenthalts in der Regel nur geringe Sozialtransferansprüche haben und sich aufgrund ihrer kulturellen Herkunft nicht in ihrem Stolz verletzt sehen, wenn sie eine Arbeit mit geringem Sozialprestige annehmen.

Aber auch in höher qualifizierten Segmenten des Arbeitsmarktes können kurzfristig offene Stellen existieren, weil heimischen Arbeitskräften die nötigen Qualifikationen fehlen, wie es auch bei schnellen technologischen Neuerungen der Fall sein kann. Die so entstehenden Lücken sind für eine Volkswirtschaft besonders schädlich, können jedoch durch qualifizierte Zuwanderer gefüllt werden.

Zuwanderer schaffen Arbeitsplätze

Als Konsumenten erhöhen Zuwanderer die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen. Diese höhere Nachfrage hat wiederum positive Effekte auf die Nachfrage nach Arbeitskräften und die allgemeine Beschäftigung.

Weiterhin ist bei Zuwanderern die Wahrscheinlichkeit einer Unternehmensgründung höher, womit sie zumindest für sich selbst, oft aber auch für andere, Arbeitsplätze schaffen, die ohne ihr Dazutun gar nicht da wären.

Insgesamt zeigen die empirischen Forschungsergebnisse, dass Zuwanderer langfristig den heimischen Arbeitnehmern keine Arbeitsplätze wegnehmen, sondern durch Steigerung der Produktion, selbstständige Erwerbstätigkeit, Unternehmertum und Innovation Arbeitsplätze schaffen.

Es ist an der Zeit, dass sich diese Erkenntnis auch in der Politik durchsetzt.

Professor Amelie F. Constant ist Programmdirektorin am Institut für die Zukunft der Arbeit (IZA) www.iza.org/home/constant, Gastprofessorin an der George Washington University und Temple University, und Herausgeberin des IZA Journal of Migration www.izajom.com.

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