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02/02/2017 10:16 CET | Aktualisiert 03/02/2018 06:12 CET

Ärzte und Therapeuten warnen: Trumps Präsidentschaft sorgt für drastischen Anstieg von Depressionen

Ich kenne niemanden, dem es gerade „gut" geht. Befinden wird uns gerade in einer Ära von permanenter Angst und tiefer Unsicherheit? Ist das der Anfang vom Aufstieg des autoritären Regimes in den USA, wie manche Historiker behaupten?

Carlo Allegri / Reuters

Ich kenne niemanden, dem es gerade „gut" geht. Befinden wird uns gerade in einer Ära von permanenter Angst und tiefer Unsicherheit?

Ist das der Anfang vom Aufstieg des autoritären Regimes in den USA, wie manche Historiker behaupten?

Nach nur zwei Wochen im Amt hat Trump die Global Gag Rule wieder eingeführt, versprochen, die Pipelines Dakota Access und Keystone XL wieder in Betrieb zu nehmen, zahlreichen Bundesbehörden und Wissenschaftlern verboten, ihre Forschungsergebnisse zu veröffentlichen, Menschen aus sieben muslimisch geprägten Ländern die Einreise verboten, sich dazu verpflichtet,die Mauer an der mexikanischen Grenze zu bauen und vieles mehr.

Wie bei vielen von euch hat sich meine geistige Gesundheit seit der Wahl signifikant verschlechtert. In den letzten zwei Wochen bin ich jeden Tag voller Adrenalin und einem schweren Kloß im Hals aufgewacht.

Welche Pläne hat Trump heute ausgeheckt?

Ich greife resigniert nach meinem Telefon, um auf Twitter nachzuschauen, welche Pläne Trump heute wieder ausgeheckt hat. Während sich der Horror vor meinen Augen abspielt, scrolle ich durch meinen Twitter-Feed, meine Hände zittern. Ich habe Panik und bin erschöpft. Es ist nicht mal acht Uhr morgens.

In Zeiten wie diesen ist es schwierig, „Normalität" zu definieren, geschweige denn von Wohlbefinden zu sprechen.

Die Leute gehen mit dem Wahlergebnis unterschiedlich um. Manche organisieren sich um kämpfen. Manche sind wütend. Manche wollen es nicht wahrhaben. Manche ignorieren die Nachrichten, um sich selbst zu schützen.

Manche fühlen sich vom Schmerz motiviert, aktiv zu werden. Manche werden kreativ und schreiben. Manche flüchten sich in die Einsamkeit. Manche sind gelähmt vor Schmerz. Manche entwickeln ungesunde Gewohnheiten, nur, um durch den Tag zu kommen.

Manche sind in Panik. Manche werden spirituell und suchen Halt bei ihren Vorfahren. Manche isolieren sich. Manche wenden sich verzweifelt an ihre Gemeinde.

Viele von uns wechseln Tag für Tag durch diese Stadien. Alle frage sich: „Wie schlimm wird es werden?"

Geistiges Wohlbefinden in einer Autokratie

Diese Frage wälze ich täglich in meinem Kopf: Was ist geistiges Wohlbefinden unter einen wachsenden Autokratie? Gibt es das überhaupt?

Als psychologische Beraterin habe ich noch nie einen nationalen, mentalen Zusammenbruch dieses Ausmaßes gesehen. Therapeuten, Ärzte und Heiler teilen diesen Eindruck: Wegen Trump steigen der emotionale Stress und die Anfragen für Therapiemöglichkeiten an.

Viele Menschen in der ganzen Nation haben psychische Schwierigkeiten entwickelt oder ihre Probleme haben sich verschlechtert. Die psychische Gesundheit des Landes stellt uns vor neue Herausforderungen.

Immer mehr Menschen sind auf Medikamente - oder andere Maßnahmen - angewiesen, um ihren Stress und Schmerz zu bewältigen. Freunde schaden sich selbst oder erleiden Rückfälle in alte Krankheiten.

Noch schlimmer sieht die Situation aus für die, die von der Trump-Regierung direkt betroffen sind - Schwarze und Latinos, Muslime, Geringverdiener, Einwanderer, Menschen mit Behinderung, Homo- und Transsexuelle, Frauen mit diversen Hintergründen.

Die Gemeinden versuchen, mit den Ängsten dieser ungewissen Zeit umzugehen und müssen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung finden, ihre Familien vor der steigenden Anzahl rassistisch motivierter Gewaltakte schützen und Herausforderungen bezüglich der Einwanderung meistern, die Trump ihnen auferlegt.

Das Konzept des Wohlbefindens unter der wachsenden Autokratie Trumps scheint ein Widerspruch in sich zu sein - und das ist es auch. Wie Jiddu KrishnamurtiIt sagte: „In einer schwerkranken Gesellschaft gibt es keine Maßstäbe für Gesundheit mehr." Das ist eine neue Ära. Unser Verständnis von psychischer Gesundheit und Wohlbefinden muss sich dem anpassen.

Fragen, die ich mir stelle:

  • Wie können wir uns für geistiges Wohlbefinden in dieser Ära vorbereiten?
  • Wie verändert sich unsere Arbeitsweise?
  • Wie können wir Wohlbefinden neu definieren?
  • Wie können wir Menschen unter Trump helfen und ihren wachsenden Ansprüchen gerecht werden?
  • Wer sollte noch Teil dieser Diskussion werden, der es nicht schon ist?
  • Wie können wir Diagnosen neu denken?
  • Wo sollten unsere Prioritäten liegen?

Die westliche Medizin erkennt die geistige Gesundheit als individuelle Notwendigkeit an: Sie weiß, dass Menschen mit psychischen Problemen an chemischen Ungleichgewichten leiden und das jeder von uns selbst dafür verantwortlich ist, geistiges Wohlbefinden zu erlangen.

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Obwohl Gene und neurologische Komponenten oft für psychische Krankheiten verantwortlich sind, können gesellschaftliche Faktoren wie Rassismus und Armut http://www.urban.org/urban-wire/povertys-toll-mental-health erhebliche Auswirkungen auf die geistige Gesundheit haben.

Psychologische Berater von Schwarzen und Latinos - die in allgemeinen Diskussionen über psychisches Wohlbefinden oft außer Acht gelassen werden - können das bestätigen und müssen sich schon seit Jahren mit diesen Problemen befassen.

Trump ist ein Symptom, kein Grund

Trump ist ein Symptom, kein Grund. Er ist das Spiegelbild der Konditionen, die Schwarze und Latinos seit Gründung der Nation erleiden müssen.

Diskussionen über mentale Gesundheit in der Trump-Ära müssen den Einfluss sozialer Systeme mitdenken. Sollten wir das nicht tun, droht die Diskussion lückenhaft zu sein, mögliche Auswirkungen sind eine drohende Gefahr.

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Repressive Regierungen korrelieren mit schlechter geistiger Gesundheit. Betroffene könnten außerdem glauben, dass ihre psychischen Erkrankungen ein individuelles Problem und nicht das Ergebnis eines kollektiven Systemfehlers seien.

In der Nachrichtenflut über Trump kommen viele von uns an ihre Grenzen. Selbst für diejenigen, die das Privileg genießen, sich der Nachrichten entziehen zu können, ist es schwierig, einzuschätzen, wie viel sie wirklich aufnehmen können.

Wir können unsere Energie nicht produktiv einsetzen, wenn wir sie dafür aufwenden müssen, die Geschehnisse zu verarbeiten und auf den Horror zu reagieren. Sich an diesem kritischen Punkt der Geschichte zurückzuziehen - was notwendig wäre - fühlt sich nicht nur verantwortungslos an, sondern es ist auch unmöglich. Bestimmt gibt es auch hier eine gesunde Balance, aber ich habe sie leider noch nicht gefunden.

Ein Termin zur Therapie

Ich versuche, mich die nächsten Tage lang um mich selbst zu kümmern und hoffe, dass die um mich herum es auch tun werden.

Ich will meine Wohnung aufräumen, etwas tun, wobei ich den Kopf frei kriege und mich auf meinen Körper konzentriere, Nachrichten von Freunden und Familie beantworten, Wäsche waschen, raus gehen und meinem Computer für eine Weile entfliehen, ausschlafen und einen Termin zur Therapie vereinbaren.

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In den nächsten Jahren werden wir den sozialen Medien kaum ausweichen können. Wir brauchen dich für diesen anstrengenden Kampf: Wir brauchen dich ausgeruht und mit geöffneten Augen. Wir brauchen dich fokussiert und wir brauchen deine Kreativität.

Mehr als jemals zuvor muss jeder einzelne von uns seine Balance zwischen der Energie finden, die wir für uns und unsere Angehörigen aufwenden, und der, die wir in den sozialen Wandel fließen lassen müssen. Wir müssen eine Gemeinschaft aufbauen und dieser Regierung Widerstand leisten.

Gib dir selbst die Zeit und den Raum, um Kraft zu sammeln, und wenn du bereit bist, beginne deinen Kampf hier.

Solltest du jetzt eine Krise erleben, verstehe ich dich. Wenn du Schwierigkeiten hast, durch den Tag zu kommen, wisse, dass du nicht allein bist.

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