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13/02/2017 05:30 CET | Aktualisiert 14/02/2018 06:12 CET

Wutanfall einer Lehrerin: Eure Kinder haben keine Einser verdient

Ich muss mich jetzt aufregen. Ich hasse Hausaufgaben.

Das ist erstmal komisch, denn ich bin seit 22 Jahren Lehrerin und ich habe selbst schon hunderte von Hausaufgaben aufgegeben. Ich werde mir aber immer mehr dessen bewusst, dass wir in einer Gesellschaft leben, die von Kindern, egal ob in privaten oder staatlichen Schulen, nur verdammte Einser erwartet.

Ich erinnere mich, dass meine Mitschüler damals, die Einser bekommen haben, wirklich herausragend in ihrem Fach waren. Ein genetischer Unfall ließ sie in Kunst, Musik oder Mathe brillieren. Das waren die besten 20 Prozent der Klasse. Deswegen haben sie Einser bekommen (damals gab es auch keine Eins plus - das ist ein weiteres Problem, dass die Bestnote heutzutage scheinbar umso unerreichbarer macht und den Leuten das Gefühl gibt, unbedingt eine Eins plus haben zu müssen).

Ich erinnere mich, dass ich mich für die guten Schüler freute und dass ich mir keine Sorgen darüber machte, nicht zu ihnen zu gehören. Viele von uns bekamen Zweier und Dreier und das war in Ordnung.

Mehr zum Thema: Kinder stehen mehr denn je unter Stress - das sind die dramatischen Folgen

Heutzutage ist eine Eins der Standard, den wir uns alle wünschen, die "einzig wahre Note", wie unser Direktor letztens traurig feststellte. Zweier und Dreier sind einfach nicht mehr gut genug (eine Vier? Sagtest du eine Vier? Das tut mir so leid). Wie sollst du dann, verdammt noch mal, normale, glückliche, durchaus fähige und tolle Kinder dazu kriegen, nur Einser oder eine Eins plus zu bekommen, wenn das eigentlich nur die kleine Gruppe verdient hätten, die ein wirkliches Talent für ihr Fach hat?

Du lässt sie arbeiten, arbeiten, arbeiten. Du setzt schon Vierjährige unter Druck. Sechs Stunden Unterricht sind nicht genug, deswegen gibst du den Kindern auch noch Hausaufgaben, damit sie weiter üben und den Stoff noch mal durchkauen.

Kinder dressieren

Wir können alles in genau dem Moment haben, in dem wir es wollen. Wir sind die Generation, der jeder Wunsch erfüllt werden kann: Pizza um drei Uhr morgens mit nur einem Anruf bestellen, Erdbeeren im Januar kaufen - wenn das möglich ist, können wir unsere Kinder auch dressieren, damit sie uns strahlend den Wisch mit den zehn Einsern eines Tages entgegen strecken? Das ist doch möglich. Nicht wahr?

Wir sollten uns dazu aber nicht gezwungen fühlen. Unsere Kinder sollten sich dazu nicht gezwungen fühlen. Deswegen rege ich mich auf. Wir müssen einen Weg finden, um die Messlatte wieder zu senken. Das sollte NICHT dazu führen, dass wir am Ende unsere Erwartung oder Hoffnung senken, geschweige denn, dass nur die zwei Prozent der besonders begabten Schüler die einzigen sein sollten, die Erfolg haben.

Ich wünsche mir nur, dass wir einen Weg fänden, unsere Kinder von diesem Druck zu befreien, während sie aufwachsen und ein Selbstbewusstsein entwickeln. Solange wir das nicht können, vermitteln wir einem MASSIVEN Anteil aller Kinder die Botschaft, dass sie versagen würden. Sie verdienen Einser und das tun sie nicht.

Nein, sie sollten keine Einser bekommen. Man kann nicht in jedem Fach perfekt sein. Das wäre lächerlich. Darum geht es bei der Note Eins nicht.

Eins, Eins plus, Eins plus mit Sternchen... das System wird langsam richtig dumm. Und da fragen wir uns noch, warum Kinder immer mehr unter psychischem Stress leiden.

Das macht dein Kind glücklicher und gesünder

Wenn dein Kind nicht dem kleinkarierten Notensystem entspricht, wenn dein Kind nicht mit dem Gedächtnis eines Buchhalters gesegnet worden ist, wird es sich sehr wahrscheinlich vor Schulaufgaben fürchten. Die ruinierten Wochenenden. Der schiefe Haussegen, der dich davon abhalten wird, deine Familie zu besuchen, schwimmen oder zelten zu gehen. Die scheiß Matheaufgaben, das verdammte Physikprojekt.

Mein Rat? Stress dein Kind nicht. Geht zelten. GEHT schwimmen und besucht Tante Sarah. Ihr werdet diese Zeit nicht noch einmal erleben. Uns allen, die nur Zweier, Dreier und Vierer hatten, geht es heute ziemlich gut. Wir haben überlebt.

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Bitte, bitte vermittelt die Botschaft, dass es zwar gut ist, sich anzustrengen, aber auch, dass es gut ist, sich in seiner eigenen Haut wohlzufühlen. Dass man finden sollte, was zu einem passt. Und vielleicht sind eine Zwei, eine Drei oder sogar eine Vier dann auch okay.

Machen diese Noten einen etwa zu einer weniger wertvollen Person? Wahrscheinlich werden diese Noten dein Kind am Ende nur glücklicher und gesünder machen, und das ist schließlich das wichtigste für Eltern und Schulen.

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Dieser Betrag erschien zuerst in der Huffington Post England.

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