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05/04/2016 15:37 CEST | Aktualisiert 06/04/2017 07:12 CEST

Der iranisch-saudische Konflikt und der Westen: Drei Fragen und Antworten

Reuters Photographer / Reuters

Langversion von "3 Fragen an Ali Fathollah-Nejad", Y - Das Magazin der Bundeswehr, Berlin: Bundesministerium der Verteidigung, Jg. 16, Nr. 03/2016 (März 2016), S. 21.

1. Welche Perspektiven sehen Sie für die Entwicklung der saudisch-iranischen Beziehungen, vor allem vor dem Hintergrund des Konflikts in Syrien, in dem beide Mächte jeweils die gegnerische Seite unterstützen?

Der neue Tiefpunkt in den saudisch-iranischen Beziehungen hat natürlich Auswirkungen auf ihren Hegemonialkonflikt, der in verschiedenen regionalen Konfliktherden ausgefochten wird. Im Krieg in Syrien, wo Riad und Teheran sich gegenüberstehen, sehen wir angesichts der neuen Spannungen eine Verhärtung der Fronten. Trotz anderweitiger Behauptungen setzen nach wie vor beide Seiten auf einen militärischen Erfolg - zumindest ein derartiger Vorsprung, der ihnen ermöglicht, ihre politischen Vorstellungen durchzusetzen.

2. Die Machtverhältnisse in der Levante werden gerade komplett neu gemischt. Welche außenpolitische Strategie verfolgt Iran in der Region bzw. was sind die iranischen Kerninteressen?

Je nachdem welche Region man betrachtet, erkennt man unterschiedliche Schwerpunktsetzungen iranischer Außenpolitik. Gegenwärtig kann man folgende Unterscheidung machen. Zum einen verfolgt der Präsident und das Außenministerium eine Entpannung und Annäherung vor allem mit dem Westen und begründet dies mit dem Ziel einer Außenpolitik, die einer Win-Win-Logik untergeordnet ist und deshalb auf Kompromisse setzt.

Zwar sieht diese außenpolitische Schule auch eine Annäherung zu Saudi-Arabien - aufgrund seines regionalen und globalen Gewichts - vor, doch kann die Regierung angesichts der neuen Spannungen solch ein Anliegen zunächst ad acta legen. Zum anderen wird Irans Politik in Syrien und im Irak von einer anderen außenpolitischen Schule bestimmt, die unter der Ägide der Revolutionsgarden und dem Staatsoberhaupt Ayatollah Ali Khamenei steht.

Diese ist der Logik eines Nullsummenspiels verhaftet und deswegen weniger auf Ausgleich als auf Hegemonie bedacht. Seitdem Iran seit Mitte der 2000er Jahre infolge des „Sumpfes" (quagmire) der US-Besatzung zur wichtigsten Regionalmacht aufgestiegen ist, ist Teherans Irak- und Syrien-Politik seither von einer gewissen Hybris geprägt. Diese mithilfe von oft schiitischen Milizen durchgeführte Machtpolitik hat im Irak das Ziel zumindest in der Mitte und im Süden des Landes eine schiitische Dominanz zu gewährleisten.

Dadurch soll verhindert werden, dass wie in der jüngsten Geschichte der Irak zu einer Gefahr für Iran wird. In Syrien ist Iran an der Beibehaltung der Machtverhältnisse - notfalls ohne die Person Bashar al-Assad an der Spitze - interessiert, zumal das Land zentral für Irans Reichweite zur Hezbollah im Libanon ist und zudem ein von anti-iranischen, anti-schiitischen Kräften kontrolliertes Territorium verhindert werden soll.

3. Der Atomdeal hat gezeigt, dass ein Einverständnis zwischen dem Westen und Iran möglich ist. Wo sehen Sie für die Zukunft weitere Felder, auf denen man zusammenarbeiten kann? Oder ist das eher Wunschdenken des Westens?

Inwieweit aufgrund des zuvor Skizzierten tatsächlich eine außenpolitische Verständigung von Dauer ist, bleibt abzuwarten. Obgleich die Staaten des Golfkooperationsrats und auch die Türkei mit ihrer Außenpolitik eher die regionalen Konflikte verschärfen, ist die iranische Syrien- und Irak-Politik jedoch ebenso wenig auf Ausgleich bedacht.

Basierend auf einer nüchternen Lageeinschätzung könnte man dennoch die Verbesserung der iranisch-westlichen Beziehungen an die Befriedung der regionalen Konflikte knüpfen. Insgesamt bietet sich an, nunmehr eine Politik der Äquidistanz gegenüber Iran und Saudi-Arabien zu verfolgen, die eine europäische Vermittlerrolle vereinfachen würde.

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