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26/01/2017 08:27 CET | Aktualisiert 27/01/2018 06:12 CET

Appell eines Weltreisenden: Wir müssen uns in Deutschland bewusst machen, wie abartig reich wir sind

gettystock

Ich beziehe mich nachfolgend auf Deutschland. Hier erleben wir unsere Sozialisation in extremer Sicherheit. Gemessen am globalen Standard haben wir nämlich alles im Überfluss. Nicht nur manchmal, sondern ständig. So normal es also scheinen mag, blicke ich jetzt doch mal genauer zurück:

Geboren bin ich '87. Also betrachte ich Nachstehendes als ein junger Mensch, der in den 90er Jahren aufgewachsen war. Jeder der um die 28 ist, wird sich hier teils wiederfinden dürfen. Wir Kinder von damals wuchsen in einer sehr exklusiven Komfortzone auf.

Während dieser vielleicht einmaligen Zeit, welche sich durch extremen Wohlstand auszeichnete, durften wir in Frieden und Harmonie heranwachsen. Ein wahnsinniges Geschenk! Schon aus damaliger, aber ganz gewiss und erst recht, aus heutiger Sicht.

Wer das heute nicht bemerkt, wird auf seiner Reise um die Welt aus den Latschen kippen. Das verspreche ich dir! Kurz und knapp zur Übersicht, denn manchmal hilft es sich bewusst vor Augen zu halten, was man eigentlich hierzulande erleben darf:

Halte dir vor Augen wie unendlich reich du schon bist -  ohne auch nur etwas dafür getan zu haben:

  • Sauberes (!!!) Trinkwasser aus allen Leitungen. Erwärmtes Wasser wenn gewünscht - dank des Boilers.

  • Sichere Energieversorgung. Überall und zu jeder Zeit.

  • Alle erdenklichen Formen von Nahrung. Sprich: Obst, Gemüse, Eier, Milch, Fleisch etc.

    Bäckerei, Konditorei und Fleischerei an fast allen Tagen der Woche zugänglich.

  • Zugang zu öffentlichen und sicheren Verkehrsmitteln (lokal, regional und national) - zu erschwinglichen Preisen.

  • Kindergarten, Vorschule und andere Bildungseinrichtungen ohne Zuzahlung im Sozialsystem verankert.

  • Gesundheitliche Absicherung durch Krankenhäuser mit höchsten Standards und Spezialisten in allen Bereichen.

  • Ein Land mit einer Vielfalt an Nationalitäten, daher kulturell bunt.

  • Faire Möglichkeiten für alle Bürger -  egal welcher Nationalität, Herkunft oder Abstammung.

  • Berufliche Perspektiven in allen Bereichen. Ob mit Diplom oder nur mit einem Hauptschulabschluss.

  • Duale Ausbildungssysteme mit monatlicher Vergütung, einem Arbeitsvertrag und einer Krankenversicherung.

  • Gesetzliche Feiertage, bezahlte Urlaubstage und Sondervergütungen beziehungsweise Zuschläge bei Nachtschichten.

  • Kindergeld, Elterngeld, Arbeitslosengeld sowie Sozialleistungen für Bedürftige.

  • Private, sowie öffentliche Universitäten flächendeckend im Land verteilt.

  • Auslandserfahrungen in Europa, Amerika durch Schulen, Universitäten und privaten Einrichtungen möglich.

  • Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und allgemein ein freies Leben in Sicherheit und ohne Zukunftsängste.

"Ist doch normal"

So hatten wir damals durchgehend gedacht. Und auch gelebt. Ob im Klassenzimmer oder in unserer Freizeit, für uns war klar: Der hohe Lebensstandard im Alltag ist von Geburt an die pure Selbstverständlichkeit.

Langsam aber sicher lehrte man uns zwar ein paar erschreckende Randnotizen über die "dritte Welt", führte uns an Kriege, Hunger und auch anderes Leid in der Welt heran - doch nur in der Theorie.

Die Gesellschaft um uns herum lebte praktisch nach dem Vorbild des "American Dream". Wir Kinder wurden "glücklich gekauft", sobald wir aus Langeweile zu meckern anfingen. Schuldig sind nicht die meist unwissenden Eltern oder die Lehrer, deren primäre Aufgabe nicht die Erziehung, sondern die Ausführung der Lehrpläne war.

Schuld sind wir alle. "Wir wussten es selbst nicht besser", lautet oft das ehrliche Resümee von Eltern und Verantwortlichen. Ein echt trauriger Rückblick, aber auch die Möglichkeit zukünftig genau daraus zu lernen. Ich nenne es: Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts - es besser zu machen.

Dritte Welt Laden - was für ein beschissener Begriff

Zur grandiosen Jahrtausendwende etablierten sich glücklicherweise neue Trends wie Bio, Fairtrade und Demeter. Man hörte öfters Begriffe wie "vegan und vegetarisch" und nicht nur in der Ernährung bewegte sich etwas. Auch Yoga, der Einklang mit Geist, Körper und Natur, traf immer häufiger auf Interessenten.

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Neugier machte sich unter der Bevölkerung breit und damit auch Heiler, Reiki-Seminare und Kurse über Feng Shui. Wer davon leben wollte, platzierte sich optimistisch und voller Hoffnung in den Gelben Seiten - die meisten von ihnen warteten jedoch oft vergebens darauf gefunden zu werden.

Eher noch selten stieß man also im Alltag auf Mitmenschen, die nachhaltig orientiert und vor allem gezielt bewusst lebten. Wenn doch blickte, lauschte und fragte man neugierig. Aber auch nicht selten belächelte man sie später hinterrücks.

"Schatz, bei uns auf der Arbeit gibt es einen Vegetarier"

Man erkannte damals noch nicht eine Art Vorreiter in ihren ausgeprägten Persönlichkeiten. Wir bemerkten auch nicht den gesünderen Lebensstil und den Sinn für Nachhaltigkeit, sondern nutzten diese meist ruhig und friedlich erscheinenden Einzelfälle als neusten Gesprächsstoff am Stammtisch.

Anstatt den wirklichen Mehrwert in ihnen zu erkennen, lachte das Volk über diese Leute. Blicken wir nur 15 Jahre zurück: Anstatt zu teilen, zu reparieren und zu verschenken, animierte man uns medial auf allen Ebenen zum -  ja, richtig: Kaufen. Wer nicht mitspielte oder seine einmalige Lebenszeit schlichtweg bewusster, nachhaltiger, ruhiger und minimaler verbringen wollte, wurde nicht selten als "Öko" abgestempelt.

Aber heute eher Bio im Supermarkt, als konventionell

Was heute als ein Kompliment und als Status in den sozialen Medien gilt, war damals oft abwertend gemeint. Mehr, höher, weiter und ganz viel von allen Dingen bleibt zwar auch heute das Leitmotiv der Werbung, doch "Ich bin doch nicht blöd" wirkt heute nicht mehr so einfach wie damals.

Die Gesellschaft ist deutlich resistenter und vor allem auch aufgeklärter. Ob damit auch ein höheres Bewusstsein einhergeht ist nicht bewiesen, doch sicherlich benötigt es heute schon extrem mehr Kreativität, um neue Bedürfnisse zu erschaffen.

Denn mal ehrlich: Wen interessierte es damals überhaupt, ob Kinder in Elektrofabriken in China arbeiten und unsere Klamotten in Bangladesch produziert werden? Draußen im Alltag ging es doch so oder so weiter wie immer.

Ob jung oder alt, ob gerade dazu gestoßen, vor Jahren schon eingewandert oder seit Generationen im Land verwurzelt. Unsere geballte Kaufkraft und dessen unendliche Gier reflektierten - unseren - wirklichen Zeitgeist. Nur darum ging es.

Arbeit, Geld verdienen, sich glücklich kaufen und so wenig wie möglich darüber nachdenken, was man eigentlich für ein Leben lebt. Das klappte auch ohne Probleme, denn uns ging es wirtschaftlich blendend, sogar hervorragend - ach einfach atemberaubend. Gewiss besser als allen anderen. Daran habe ich keinen Zweifel - nicht nach bereisten Ländern wie Indien, Bangladesch und Nepal.

Der Konsum hat uns oft nur für den Moment befriedigt

An meiner Aussage kann und darf jeder zweifeln. Ich halte daran fest, dass heutzutage eine breite Masse in unserer Bevölkerung einfach nur noch schockiert ist. Dadurch auch in einer Form extrem gelähmt. Im Sinne von betäubt. Lahm gelegt durch eine künstliche Überdosis.

Nicht mehr empfänglich genug, somit nicht mehr so einfach zu befriedigen. Vielleicht hat uns der flache Konsum die letzten Dekaden nur kurzzeitig befriedigt - nachhaltig schien er auf allen Ebenen ja nicht zu sein. Sehr viele von uns fühlen sich durch käuflichen Konsum gewissermaßen unerfüllt.

Der materielle Konsum ist eher zu einer Gewohnheit geworden. Es war abzusehen, dass eine Veränderung stattfinden wird. So dauerte es zwar etwas länger bis sich eine gewisse Minderheit mit Mut, Geduld und Ausdauer dem aufgegeilten Volk entgegenstellte - doch schlussendlich kam der Wandel.

Ein ziemlich spürbarer Ruck ging durch die verschiedenen Gesellschaftsschichten und die damals noch extrem kleine Minderheit zeigte klar und deutlich auf, dass ein Schritt zur bewussten Nachhaltigkeit kein Schritt zurück, sondern ein Schritt in die Zukunft bedeuten kann. Diese Tatsachen spiegeln zwar weniger deinen persönlichen Wohlstand, jedoch den einer gesamten Gesellschaft.

Die breite Masse im Land setzt sich gesündere Lebensziele

Auch diese Aussage kann man hinterfragen. Sie bleibt ein persönliches Ergebnis meiner fast vier Jahre andauernden Reise durch Europa und Asien. Heute etabliert sich der gesündere Lebensstil weitaus einfacher, als das noch vor 20 Jahren der Fall war.

Vor allem in Europa und sicherlich ganz einfach in Deutschland - einem der reichsten Länder dieser Welt. Nebenbei erwähnt lacht auch nur noch eine Minderheit über Heiler, Yogalehrer und Selbstheilungskräfte. Der Wunsch nach Bio, fairen Produkten und bewusster Ernährung hat sich fast überall etabliert - ob bei reich, reicher oder den ganz reichen Menschen im Land.

Ob wenig Fleisch, eher vegetarisch oder sogar vegan -- gesund und bewusst leben ist kein Einzelfall mehr. Eine stetig wachsende Zahl an Bürger in unserem Land handelt deutlich aufmerksamer und nachhaltiger, als in den vorangegangen Dekaden.

Im Bewusstsein reich zu sein

Auch das ist ein Zeichen für gemeinsamen Wohlstand: Das gesunde Bewusstsein einer ganzen Nation. In meinen Augen erlebten wir Kinder von damals wahrlich eine positive Entwicklung, die sicherlich hierzulande mitunter den neuen technischen Möglichkeiten zu verdanken ist.

Die Vernetzung durch das Internet erlaubt enorme Möglichkeiten. Ob direkte Kommunikation, genereller Austausch an Wissen oder einfacher Informationsaustausch - alles in Echtzeit. Somit kein wirkliches Wunder, dass sich der Rest der Menschheit nach diesen Standards sehnt.

Er ist ja offensichtlich für alle. Gleichzeitig und vor allem aktuell blickt man in unsere Richtung. Oft freiwillig, aber eher doch oft gezwungenermaßen macht man sich auf den Weg zu uns. Für viele Menschen symbolisiert eine Heimat wie Deutschland ganz einfach enormen Wohlstand - mit absoluter Sicherheit!

In den kommenden Jahren wird sich unser gemeinsamer Reichtum neu definieren. Nicht nur im Bezug auf unser Vermögen, sondern viel eher im Umgang mit den neuen Herausforderungen und wie wir diese meistern. Denn Geld und Vermögen erschafft noch keine moralischen Werte und erst Recht keine Nächstenliebe.

Folgende Behauptung mag zwar ein wenig überzogen klingen, doch:

Dir liegt die ganze Welt zu Füßen!

Das Glück der Zeit und dein persönliches Schicksal erlauben dir Teil einer Minderheit zu sein, die im Luxus schwimmt. Deine erlebte Komfortzone ist eine, welche nur ein einstelliger Prozentsatz auf unserer Welt jemals zu spüren bekommen hat. Das Verständnis darüber sollte dein Fundament werden.

Besser ist also, du verinnerlichst deinen gegenwärtigen Wohlstand schon so früh wie möglich. Denn auf deiner Reise um unsere Welt wird dich diese Realität ständig konfrontieren. Bitte bereite dich mental darauf vor.

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Abgesehen davon habe ich zu Anfang weiter ausgeholt, um dir meinen persönlichen Rückblick in gesellschaftliche Zeiten näher zu bringen. Warum, fragst du dich ? Weil du  früher oder später vermutlich auch wieder zurück kommen wirst.

Viele haben mit der Heimreise und der Ankunft schwer zu kämpfen. Auch auf meine persönliche Rückkehr werde ich noch detaillierter eingehen. Es mag zwar bei jedem Reisenden unterschiedlich wirken, doch letztendlich ist eine Rückreise in die eigene Heimat nicht selten mit heftigen Erkenntnissen verbunden.

Zu Beginn wissen zwar sehr viele von uns wohin das Abenteuer gehen soll, doch oft fehlt das reale Verständnis dafür woher man eigentlich kommt.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei medium.

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