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13/02/2016 07:23 CET | Aktualisiert 13/02/2017 06:12 CET

Wohlleben für alle: So führt uns ein Förster zu unseren Wurzeln

Thomas Barwick via Getty Images

Das verdichtete Leben

„Was ist los mit 2016?" Fragt Sabine Oelmann in ihrem berührenden Nachruf auf Roger Willemsen. Alles würde so aussehen, als ob dieses Jahr es darauf anlegt, schon am Anfang seine Besten von der Erde „abzuziehen": David Bowie, Alan Rickman, Earth Wind & Fire-Musiker Maurice White, TV-Produzent Wolfgang Rademann, Lord Weidenfeld, Ettore Scola, Glenn Frey, Maja Maranow - und nun auch der Publizist Roger Willemsen, der am 7. Februar 2016 mit 60 Jahren an Krebs starb.

„Wenn die Begnadeten, die Talentierten, die Beobachter, die Klugen, die Erzähler, Leute wie Roger Willemsen, wenn die sich alle verkrümeln, was bleibt dann?" Es ist höchste Zeit, ein paar Dinge zu überdenken, so Oelmann, die in diesem Sinne Roger Willemsen zitiert: "Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten."

Dem Stoff seines eigenen Lebens und dem Hunger nach Selbsterneuerung, aber auch nach „Verschwinden und Auslöschung" stellte er sich in seinem Episodenroman „Die Enden der Welt" (2010), wo der Traum vom Ende der Welt stets mit einem Erwachen am Ausgang einer neuen Fahrt verbunden ist.

Wohlleben und Willemsen


Trost bietet in diesen Tagen ein Buch, das seit Wochen die Spiegel-Bestsellerliste anführt, aber von keinem Intellektuellen geschrieben wurde, sondern von einem Förster, der seine ersten Lebensjahre wie Roger Willemsen in Bonn verbrachte und schon als Sechsjähriger Naturschützer werden wollte.

Nach einigen Jahren als Büroleiter eines Forstamtes wurde Peter Wohlleben in die Wälder der Eifelgemeinde Hümmel versetzt, die sein berufliches Zuhause wurden.

Da er feststellen musste, dass die klassische Forstwirtschaft unsere Wälder ausbeutet statt schützt, begann er gemeinsam mit den Waldbesitzern, nach nachhaltigen Wegen zu suchen, die Ökologie und Ökonomie in Einklang bringen. Wälder sind nicht nur „Holzfabriken und Rohstofflager", sondern enthalten die Wurzeln unseres Lebens.

Das geheime Leben der Wälder


In seinen Publikationen führt er viele aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse an, die hoffen lassen, „dass das geheime Leben der Wälder weiterhin stattfindet und auch unsere Nachfahren noch staunend zwischen den Bäumen spazieren können". Weil Peter Wohlleben darüber „ungebunden" erzählen wollte, kündigte er im Oktober 2006 seine Beamtenstelle auf Lebenszeit bei der Forstverwaltung und wurde in ein Angestelltenverhältnis der Gemeinde übernommen.

So konnten neue Ideen in Ruhe reifen und umgesetzt werden: ein alter Buchenwald wurde unter Schutz gestellt, indem er zu einem Urnenfriedhof „umgewidmet" wurde. Auch Survivaltraining und Blockhüttenbau sind für ihn neue „Formen einer Waldführung". Dieser berufliche Wandel ermöglichte ihm, nun erfolgreich Bücher zu schreiben.

„Nomen est omen" ist angeblich ein Zitat des römischen Komödiendichters Plautus (250 - 184 v. Ch.) und bedeutet frei übersetzt: „Der Name ist Zeichen" oder auch „Der Name ist Programm". Wohlleben!

In seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume" zeigt er, wie wir die Kraft der Bäume nachhaltig für unser Leben nutzen können, aber auch, dass ein gesunder Wald ist wesentlich produktiver ist (und sogar höhere Einnahmen bedeutet).

Die Entdeckung einer verborgenen Welt


Die wichtigsten Erkenntnisse des Buches lesen sich wie eine kleine Geschichte der Nachhaltigkeit:

• Ein Baum ist immer nur so gut sein wie der ihn umgebende Wald.

• Jeder Baum zieht genau einen Nachfolger groß, welcher seinen Platz einnehmen wird.

• Bäume leben in einem inneren Gleichgewicht und teilen sich ihre Kräfte sorgfältig ein, um alle Bedürfnisse zu erfüllen.

• Bäume sind soziale Wesen, die ihre Nahrung mit Artgenossen aufteilen und zuweilen sogar ihre Konkurrenz „hochpäppeln". Zusammen schaffen sie ein Ökosystem, das Hitze- und Kälteextreme abfedert, Wasser speichert und sehr feuchte Luft erzeugt. In solch einem resilienten Umfeld können Bäume geschützt leben und sehr alt werden.

• „Befreundete" Waldpaare achten darauf, keine zu dicken Äste in Richtung des anderen auszubilden. Sie sind so innig über das Wurzelwerk verbunden, dass sie oft sogar gemeinsam sterben.

• Gepflanzte Forste (die meisten Nadelwälder Mitteleuropas) verhalten sich oft wie Straßenkinder: „Da durch die Pflanzung die Wurzeln dauerhaft beschädigt werden, scheinen sie sich kaum noch zu einem Netzwerk zusammenzufinden. Die Bäume solcher Forste treten in der Regel als Einzelgänger auf und haben es dadurch besonders schwer."

• Wer zu gierig ist und zu viel nimmt, ohne selbst zu geben, beraubt sich seiner eigenen Lebensgrundlage und stirbt aus.

• Die Wurzel der wichtigere Teil des Baumes, da hier möglicherweise sein „Gehirn" sitzt. Der „zähe Baum" sorgt vor und steckt von Anfang an wesentlich mehr Energie in den Ausbau seines Wurzelwerks als andere Arten.

• Für eine schnelle Nachrichtenverbreitung sind in den meisten Fällen Pilze zuständig, die wie die Glasfaserleitungen des Internets agieren („Wood-Wide-Web").

• Pilze „denken" weiter als ihre großen Partner, in der jede Art gegen die anderen kämpft.

• Bäume kommunizieren geruchlich, optisch und elektrisch (über eine Art Nervenzellen an den Wurzelspitzen). Leider ist unseren Kulturpflanzen die Fähigkeit sich mitzuteilen, durch Züchtung großenteils abhandengekommen.

• Schlafentzug ist bei Bäumen wie beim Menschen lebensgefährlich. So können in Töpfe gepflanzte Eichen oder Buchen in Wohnzimmern nicht überleben.

• Denn der tote Baum-Körper ist für den Kreislauf des Waldes nach wie vor unverzichtbar: Nach einem „natürlichen" zerbröselt der Stamm langsam und wird durch verschiedene Arten in immer kleinere Stückchen geraspelt und gefressen und „dabei Zentimeter um Zentimeter tiefer in den Boden eingearbeitet. Den letzten Rest besorgt der Regen, der die organischen Überreste einschwemmt".

Die Enden der Welt


Auch wenn ein Baum vorzeitig den Lebenskampf aufgeben muss und in einem Sturm abbricht, so hat er dennoch Wertvolles für die Gemeinschaft geleistet.

Das kann in diesen Tagen vielleicht auch ein Trost für alle sein, die um den Autor und Publizisten Roger Willemsen trauern, der zu einem Teil für andere Menschen gelebt hat und davon überzeugt war, dass jedes Leben dadurch besser wird, wenn man es auch für andere lebt.

„Und wenn man so privilegiert lebt wie ich und eine Öffentlichkeit finden kann und dazu noch im Bereich der Kommunikation arbeitet, also schreibt, dann sollte man um Himmels Willen irgendwas tun, das anderen hilft. Das ist eine Pflicht", sagte er in seinem letzten Interview (Domradio 15. August 2015).

Mit Peter Wohlleben verbindet ihn nicht nur Platz 1 der Spiegel-Bestellerliste („Das hohe Haus: Ein Jahr im Parlament" stand ebenfalls wochenlang an der Spitze), sondern auch der Wunsch, Förster zu werden, denn seine „ersten Wahrnehmungen der Außenwelt sind solche der Natur gewesen". Er sammelte Pflanzen in Botanisiertrommeln, Tierskelette, Mineralien - und als Autor „Stilblüten".

Nun ist er tot. Doch seine Bücher werden bleiben und ihre Botschaft wird sich „natürlich" ausbreiten wie Bäume, deren Bedeutung für Bäche auch nach dem Tod nicht abnimmt.

Wohlleben zum Trost:


„Stürzt etwa eine abgestorbene Buche quer über das Bachbett, dann bleibt sie fort für Jahrzehnte liegen. Sie wirkt wie ein kleiner Staudamm und sorgt für winzige Stillwasserbereiche, in denen sich Arten halten können, die keine starke Strömung vertragen."

Weitere Informationen:

Treibende Kräfte: Was Unternehmen von Bäumen lernen können

Was es heißt, ein Mensch zu sein

Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren - die Entdeckung einer verborgenen Welt. Ludwig Verlag München 2015.

Insa Wilke (Hg.): Der leidenschaftliche Zeitgenosse. Zum Werk von Roger Willemsen. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015.

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